Kurzgeschichte: Fremde

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Konzentrierte Janina beim Vorlesen. (Foto: Wekenmann)

Im November 2017 durfte ich die folgende Kurzgeschichte auf der Preisverleihung des Schreibwettbewerbes Wekenmann vortragen. Sie teilt sich den zweiten Platz in der zweiten Altersgruppe und ist unter dem Motto „Mut und Zuversicht statt Ablehnung und Hass“ entstanden.

Ein Film vom ZDF über den Wettbewerb … sogar mit kurzem Statement von mir:

 

Fremde

Sie zwingt sich, tief durchzuatmen. Sich nichts anmerken zu lassen, das ist das Wichtigste. Alles gut. Es ist alles gut! Das wiederholt sie im Geiste solange, bis sie es sich selbst nicht mehr glauben kann, das Herz klopft zu verräterisch laut. Fast fürchtet sie, er könne es hören. Dabei ist er noch mindestens vier Meter entfernt. Mindestens. Oder?
Der Kopf zuckt, aber sie widersteht dem Drang sich umzudrehen, sie hat keine Ahnung, wie weit er tatsächlich noch entfernt ist. Alles, was sie von ihm besitzt, ist ein Augenwinkelbild.
Er war gleichzeitig mit ihr, nur von der anderen Seite her, zur breiten Treppe eingebogen, da hat sie einen Blick auf ihn erhascht, um kurz nach acht in der Dämmerung des beginnenden Herbstes. Aber draußen ist es noch warm, Wetter und Jahreszeit haben lange den Bezug zueinander verloren, und sie trägt deshalb nur einen weiten Rock, lang zwar, aber dennoch: ein Rock. Er stattdessen trägt einen Bart, einen buschigen, daran erinnert sie sich auf jeden Fall. Und er wirkte kräftig. Aber im Vergleich zu ihr wirken alle Männer kräftig.

Parallel zueinander, aber mit großem Abstand, waren sie gemeinsam Stufe um Stufe die Treppe hinunter gestiegen. Sie hatte sich in diesen Momenten noch keine Gedanken über seine Statur gemacht, denn sie war sich sicher gewesen, er würde links zum Bahnsteig in die Gegenrichtung abbiegen und sie nach rechts, und das wäre das Ende ihres gemeinsamen Stück Weges gewesen.
Sie blickt sich unmerklich um, ohne den Kopf dabei zu bewegen. Irgendjemand, irgendwo? Aber der Bahnsteig ist menschenleer. Keiner da. Der sie sehen oder hören würde. Ihre Finger verkrampfen sich um die Rucksackträger, angestrengt lauscht sie und versucht einzuschätzen, wie weit er noch von ihr entfernt ist. Die anderen haben sie gewarnt.
Es sind zu viele Fremde hier! Und du kennt diese Menschen doch gar nicht, du weißt absolut nichts über sie! Das haben sie gesagt. Aber das war ihr egal bisher, sie ist im Grunde überzeugt davon, dass alle Menschen einander friedlich gesonnen sind, selbst wenn manche von ihnen das ganz tief ihren Herzen vergraben haben. Sie ist zu naiv! Schon immer gewesen. Denn, wenn man ganz links auf einer Treppe läuft, dann will man doch auch nach links abbiegen, das ist logisch. Und der Mann ist auch erst einen kleinen Schritt nach links gegangen, aber anschließend hat er zu ihr herübergesehen, ganz offenkundig, und ist stehengeblieben. Als sie dann nach rechts abbog, die letzte Treppe zum Bahnsteig hinunter, irgendwie beunruhigt wegen des musternden Blickes, ist er ihr plötzlich gefolgt. Sie weiß es, weil neben den Gleisen, auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, niemand aufgetaucht ist. Sie weiß es, weil sie seither seine Schritte in der Lautlosigkeit einer abendlich verlassenen S-Bahn Haltestelle hinter sich hören kann.

Ärgerlich beißt sie sich auf die verkniffenen Lippen, warum hat sie vorhin nicht genauer auf ihn geachtet? Alles, was sie noch weiß, ist, dass der Bart vom selben Schwarz wie die Haare waren und nur ein ausgewaschenes T-Shirt über der sonnenbraunen Haut lag. Dabei ist es Mitte September, verdammt! Da sollte es in Deutschland kälter sein. Und wenn es schon kälter gewesen wäre, wäre sie auch bestimmt nicht mehr im Rock losgezogen, um mit ihrem Bleistift den Stadtrand auf einem Blatt Papier einzufangen, weil sich das Leben mit Augen und Fingern so viel besser begreifen lässt. Und dann hätte sie die vielen vergangenen Stunden auch nicht erst bemerkt, als es zum Zeichnen schließlich zu dunkel geworden war.
Vielleicht hat der Mann sich einfach in der Richtung geirrt, vielleicht folgt er mir gar nicht, redet sie sich leise ein, aber in diesem Augenblick macht er ein Geräusch hinter ihr, etwas zwischen Räuspern und Husten.
Pass auf, haben die anderen ihr gesagt, pass auf! Du bist erst zwanzig, du bist schmächtig, du bist eine Frau – und diese Leute sind dir in der Mentalität vollkommen unbekannt, die sind in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen als du! Du kannst nicht wissen, wie sie dich behandeln werden, du weißt nicht, welche Geschichte das Leben ihnen geschrieben hat!
Nein, das kann sie nicht wissen. Alles nicht. Ihre Angst macht die Finger schwitzig, sie rutschen von den Rucksackträgern. Die Schritte verschnellern sich, sie kann es nicht mehr verhindern. Und dann sagt er etwas. Hinter ihr, laut. Es ist eindeutig an sie gerichtet, und diese unverständlichen Worte sind der Schubs, auf den ihre Angst nur gewartet hat. Vorbei ist es mit aller Selbstbeherrschung, sie will zu einem Sprung nach vorn ansetzen, aber zu spät, sie spürt schon seine Hand auf ihrer Schulter.
Schrei!, verlangt sie von sich selbst, aber sie schreit nicht. Dafür reißt sie sich mit einem heftigen Ruck los, es ist erschreckend einfach, und bevor sie sich das überhaupt vornehmen muss, rennt sie bereits um ihr Leben. Dabei rennt sie in ihrer Panik an der Treppe am anderen Ende des Bahnsteiges vorbei und rennt noch das letzte Stückchen weiter, bis sie endlich merkt, dass sie in einer Sackgasse gelandet ist.

Warum hat sie nicht auf die anderen gehört? Sie vertraut zu viel, viel zu viel, ich bin schrecklich naiv, schimpft sie sich selbst, als sie vor der Mauer zum Stehen kommt und ihre einzige Fluchtmöglichkeit der Aufzug ist, der zu lange brauchen wird. Der Mann wird sie schon fünfmal erreicht haben, bis der Aufzug bei ihr ankommt, und trotzdem drückt sie wie verrückt auf die Taste, sie muss es wenigstens versuchen! Voller Angst dreht sie sich um, bereit sich gegen den Fremden zu wehren, bereit mit allen Mitteln zu… oh.
Er steht noch dort hinten.
Dort, wo er sie angesprochen hatte.
Er ist ihr seither gar nicht weiter gefolgt. Dafür hat er die Hände entschuldigend gehoben und schüttelt wild den Kopf. Er ruft wieder etwas in seiner fremden Sprache, die sie nicht versteht, und macht jetzt sehr vorsichtige Schritte auf sie zu. In seinem Gesicht kann sie dieselbe Verwirrung lesen, die mittlerweile in ihrem steht. Warum ist er ihr nicht weiter gefolgt, wenn er … wollte er gar nicht …? Sie ringt mit sich. Was will er dann von ihr? Hat er vielleicht ein Problem? Nein, schon wieder! Die anderen sagen ihr immer wieder, dass sie zu naiv ist, sie vertraut zu viel … Aber was, wenn er wirklich ein Problem hat?

Der Mann macht keine weiteren Schritte mehr, sondern steht nur noch wartend da, um sie nicht wieder zu verschrecken. Zum ersten Mal hat sie Zeit, ihn richtig anzusehen.
Er dürfte kaum älter als sie selbst sein, bemerkt sie, und die Aufzugtüre öffnet sich. Nur ein Schritt. Sie würde im Aufzug zurück an die Erdoberfläche fahren und wäre viel schneller verschwunden, als er die Treppen wieder hinaufrennen könnte. Pass auf, haben die anderen gesagt, und sie stellt unwillkürlich einen Fuß hinter sich in die Türe, um sie am Schließen zu hindern. Noch einmal blickt sie ihn an, kann in seinen Augen weder Aggressivität noch eine Forderung entdecken.
Nein, denkt sie dann, also vielmehr: Ja.
Nein, so wie er da steht, kann sie nicht mehr glauben, dass er ihr aus böser Absicht gefolgt ist, sondern ja: Sie will vertrauen. Vorsichtig macht sie einen Schritt auf ihn zu, ein Schritt, der gegen alles geht, was sie ihr gesagt haben. Halte lieber Abstand von denen, sei vorsichtig! Zaghaft überläuft sie all diese Worte, eines nach dem anderen.
Sehr leise fragt sie ihn dann, ob er Hilfe braucht, aber er kann sie genauso wenig verstehen wie sie ihn. Stattdessen deutet er auf ihren Rucksack. Was will er denn mit …? Etwas irritiert nimmt sie ihn von den Schultern.
Und versteht.
Er ist offen. Die zusammengeknäulte Jacke hängt bereits heraus, der Zeichenblock droht ebenfalls zu fallen. Es ist der Reißverschluss, der endgültig den Geist aufgegeben hat.
Da streckt der junge Mann ihr noch etwas anderes entgegen. Ihren Bleistift.
Jetzt ist sie es, die den Kopf schüttelt, während im Hintergrund eine blecherne Stimme etwas ankündigt. Keinen Augenblick später kann man das nahende Grollen eines Zuges aus der Tiefe des Tunnels vernehmen.
Es tut mir leid, denkt sie so laut wie möglich, damit er es vielleicht hören kann. Der Zug kommt quietschend zum Stehen und der Mann deutet ein Abschiedsnicken an, er muss wohl auf den anderen Bahnsteig. Gerade will er sich von ihr abwenden, da legt sie ihm die Hand auf den Arm, die Türen der S-Bahn öffnen sich. Sie kann noch nicht viele Worte deutsch, aber das eine weiß sie schon: »Danke.«

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Kurzgeschichte: Das Lechzen meiner Hoffnung

Diese Kurzgeschichte durfte sich stolz im Frühjahr 2015 einen Button anstecken: Den Förderpreis des dritten Landschreiberwettbewerbs.

18Landscheiber Preisverleihung

 

Das Lechzen meiner Hoffnung

Meine Tage sind begleitet von diesem Piepsen. Der Apfel, das Fruchtmüsli mit Beeren, die Biomilch von Rewe. Ich lege den Löffel neben die Schüssel, stelle das Glas Wasser zum Messer; so symmetrisch und akkurat wie nur möglich. Die Handgriffe sind sorgfältig gewählt und einstudiert. Stoische Ruhe durchzieht das Schauspiel am Frühstückstisch, wie Nebel in der Feuerlinie. Zwischen jeder Geste liegt ein unauffälliger Blick versteckt, den ich zur Mutter rüberwerfe. Die blättert in der Morgenzeitung und tut, als würde sie es nicht bemerken. Die gegnerische Front bleibt defensiv.
Mutter hat ihr Brot längst aufgegessen, den Kaffee getrunken und steht trotzdem nicht auf. Sie wirkt versunken, aber das nehme ich ihr nicht ab. Hochmut kommt schließlich vor dem Fall.
Als die Flocken schon in der Milch baden und der Apfel zerteilt ist in zwölf exakt gleich große Stücke – da schreit mein strategisches Kalkül nach einer Planänderung.
Also rücke ich den Stuhl so beherrscht wie möglich nach hinten und ignoriere das Zittern in meinen Beinen. Dann halte ich mich gedeckt im Wohnzimmernorden Richtung Klo. Mutter sieht hoch, Blicke kreuzen sich. Die Deckung ist aufgeflogen. Ihre Augenbraue wandert gefährlich weit nach oben und verschwindet irgendwann unter ihrem modischen Ponyhaarschnitt. Es fühlt sich an wie das Nachladen einer Waffe. Verbissen wende ich mich ab, schaue stur geradeaus, behalte mein Ziel vor Augen. Mutters Lippen kräuseln sich, sie hat schon entsichert, mich längst im Visier. Als Droge meiner Wahl pumpe ich mir Adrenalin durch den Körper, das mich im Endspurt über das offene Kriegsfeld trägt. Doch es nützt alles nichts; Mutter zielt, feuert, trifft. Von hinten werde ich noch von ihrem Sprachgewehr erschossen, direkt zwischen den Schulterblättern trifft mich ihr Kommentar:„Setz dich hin und iss!“
„Aber ich muss aufs -“
„Kannst du auch danach gehen. Ich werde sowieso nicht aufstehen, bis du was gegessen hast.“
Ergebenes Seufzen. Mit der Kugel im Rücken schleppe ich mich zurück auf das Schlachtfeld.

„Paula.“ Das Wort läuft durch den Raum, verheddert sich in seinen eigenen Buchstaben. Die irren dann wie verlorene Schäfchen zwischen den jugendlichen Köpfen umher und suchen ihren Namensträger.
„Paula!“ Marie, Thomas, Angela, Valerie, Julian. Carina. Paula. Man könnte uns auch ganz einfach die Nummern zuordnen, die im Personalausweis stehen. Da hat schließlich schon jeder seine eigene.
„PAULA!“ Jetzt schrecke ich endlich auf. Die Mathelehrerin durchbohrt mich mit ihrem Blick. Ich kann darin eine Erwartung lesen, deren Inhalt mir aber verborgen bleibt. Auch ein kurzes Studieren des Tafelanfschriebs bringt mich nicht weiter. Ein Strick liegt um meinen Hals, der zieht sich enger zusammen; denn mir bleibt nichts anderes übrig, als ganz unschuldig zu fragen: „Ja?“
Die Klasse bricht in Gelächter aus und Mathefrau bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie (und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl): „Raus.“
Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft noch. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre Raus nicht unmissverständlich.

Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, ja schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Das kann man einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Man zwänge ihn geradezu, seine Autorität nochmals gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste. Ich lasse hier schon genug Zeit meines Lebens liegen. Im Gang setze ich mich auf den Boden und ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Milch. Und in meinem Ohr piepst es einmal. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Da piepst es das zweite Mal. Und ich schreibe: Ein Apfel, Sorte – Granny Smith. Ein drittes Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes Raus, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für den unfreundlichen Mann im Bus, der lautstark über die lärmende Schülermenge hergezogen ist, um der Unzufriedenheit im eigenen Leben maskierten Ausdruck zu verleihen.
Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das Raus fast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken. Draußen klingelt es zur Pause. Für fünf Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben. Keine sehr effektive Strafe. Das denkt sich die Mathefrau wohl auch, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut noch mühevoll unterdrückend: „Weswegen eigentlich?“, und sie antwortet: „Genau deshalb!“
Ich habe schon zu viele Kriege geführt und zu wenige gewonnen, deshalb gebe ich jetzt nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Sie gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort.

Auf dem Pausenhof geselle ich mich zu ein paar Freundinnen. Sie empfangen mich in ihrem Kreis, wie selbstverständlich stehe ich zwischen ihnen und fühle mich trotzdem nicht rund genug. Doch die soziale Struktur verlangt meine Zugehörigkeit und wenn ich nicht im Schutze einer Clique unterkomme, wird mir das Leben hier nur noch schwerer gemacht. So wie Carina. Die isst ihr Pausenbrot mit Blick zur Endstation Boden hin. Meiner stattdessen kann sich wenigstens mit Julian treffen. Der lächelt, stellt sich zu mir und sein Arm legt sich um meine Schultern. Hier wird jetzt ein Exempel statuiert, ich bin das Beispiel seines Besitzes. Sein Arm zeigt das an und sein Finger bestätigt es, als er mir das Kinn hebt, um einen Kuss einzufordern. Seine Lippen schmecken salzig, die Zunge möchte mehr und der Strick um meinen Hals scheuert mir die Haut auf.
„Du bist schön.“, flüstert er mir rau ins Ohr und mir steigt die Galle hoch. Die üppigen Ausmaße meines Körpers werden mir schlagartig wieder bewusst. Ich fühle die sich weitende Brust bei jedem Atemzug; spüre die ganze Breite meiner Hüfte, wenn ich an Julians Oberschenkel damit stoße. Ich bin eine gerundete Frau, einer Birne gleich geformt. Alles ist gewölbt, alles überbordend. Die Birne zwingt mich ins Klischee, an eine Frau sind Erwartungen geknüpft. So tusche ich mir die Wimpern, trage kurze Röcke und lange Haare. Denn den Blicken, den verurteilenden Blicken halte ich nicht stand. Ich ordne mich den Ansprüchen des hineingeborenen Klischees meines Geschlechtes folgsam unter, den Ausschluss aus der Herde ständig fürchtend.
„Sscht, Paula?“, schnurrt Julian mir in die Haare. „Hast du mich nicht gehört? Ich find dich wunderschön.“
Ich nicke gegen den Aufschrei in meinem Kopf an. Viel schöner, als er mich findet, findet er wohl die Tatsache, dass dieser schöne Frauenkörper gerade neben ihm steht. Er kann den Arm um ihn legen, flüstert ihm leise Komplimente ins Ohr, die er eigentlich sich selber zugedacht hat. Denn jedes lobende Wort an mich, hebt doch nur seinen eigenen Status. Ich bin ein Symbol. Und wäre seine Aussage tatsächlich nur eine Aussage gewesen, sein Gefühlsausdruck, so hätte er es nicht zu wiederholen brauchen, um zu signalisieren, dass er eine Antwort erwartet. Jetzt soll ich auch noch etwas auf sein Selbstlob erwidern müssen.
Valerie grinst mir zu. Als wir zurück zum Klassenzimmer gehen, stupst sie mich an und meint: „Julian ist echtn klasse Fang. Ihr passt super zusammen.“ Ein klasse Fang. Als hätte ich einfach mit einer Angel so lange vor dem Teich gesessen, bis der größte Fisch endlich zubiss. Sie zwinkert mir zu. Ich möchte davonrennen.

Es ist das endlose Piepsen, welches mir Kopfschmerzen bereitet. Tagein, tagaus. Angela kommt mittags in der Cafeteria zu uns an den Tisch und ich bin froh, nicht mit Julian allein sein zu müssen. Jetzt klammere ich mich an meinen Kaffee, stochere in ein paar Blatt Salat herum und ernte diesen Blick dafür. Er kratzt an mir herunter, fährt mir mit Krallen übers Gesicht.
„Ist das alles?“, fragt Angela skeptisch und nickt hin zu meinem kargen Mittagessen. Ist das alles? lautet die Frage, die eigentlich keiner Rückäußerung bedarf. Sie sieht es doch, da steht ja nichts mehr. Wieso fragt sie dann? Und wieso glaubt sie, meinen Appetit einschätzen zu dürfen? Der Strick, der da um meinen Hals liegt, zieht sich weiter zu. Kein Platz in der Speiseröhre für nur ein einziges Maiskorn mehr. Ich schiebe den Teller von mir weg. Denn Angela hat in Wirklichkeit nicht gefragt, ob das alles ist; sondern sie hat mich dazu aufgefordert, mehr zu essen. Und ihr Blick mit den scharfen Krallen wartet nun drohend darauf, dass ich dieser Erwartung nachkomme. Aber ich sitze nur noch erstarrt da und fixiere sie wie ein zu Tode erschrecktes Reh. Das Raubtier in ihren Augen springt mich an, als sie ihr eigenes Tablett schließlich auf dem Tisch abstellt – vollbeladen mit Suppe, Hauptgericht und Dessert. Vom Fluchtreflex gepackt, fahre ich hoch.
„Muss mal aufs Klo“, und weg bin ich. Immerhin haben die beiden nicht ganz so viel Entscheidungsgewalt über mich, wie meine Mutter das hat, solange ich die Achtzehn nicht erreicht habe.
Das Klo ist Zufluchtsort. Hier hat keiner mehr etwas zu sagen, hier darf ich guten Gewissens die Türe abschließen und das darf man ja sonst nirgends. Ich ziehe das Heft hervor und auf meiner Liste landet ein Kaffee, schwarz. Einmal Piepsen. Notiz zur Kenntnis genommen. Mein Körper trägt nun auch noch Rechnung für einen Kaffee.
Ein paar mal atme ich tief ein, ziehe jedes Bisschen Harnsäure durch die Nase wie Koks; doch der Strick um meinen Hals ist bereits zu eng, um dem Ekel nachzugeben. Der Salat bleibt drin. Die zu enge Kehle immer im Bewusstsein, mache ich mich wieder auf den Weg zu den Anderen.

Erst nachmittags erlöst mich ein finales Klingeln vom Unterricht. Ich beeile mich loszukommen, denn in einer halben Stunde beginnt schon meine Schicht. Von vier bis acht. Ich habe nur so einen 400-Euro-Job, um mir wenigstens ein bisschen Freiheit zu erkaufen, doch der Preis dafür ist hoch. Ich tausche Zeit gegen Freiheit. Das ist widersinnig, weil Zeit die eigentliche Freiheit ist. Ein banaler 400-Euro-Job, nur so ein bisschen neben der Schule, damit Mutter mich nicht völlig in der Hand hat. Aber wer hat sich schon einmal ausgerechnet, wie lange man bei 8,50 € die Stunde für das Geld arbeiten muss … So verbringe ich drei Nachmittage in der Woche hinter der Kasse und scanne Waren. Ein ums andere Mal ziehe ich Brot, Bananen und Schokolade darüber, in endloser Vielzahl. Die Bedürfnisse der Menschen sind niemals gedeckt, sie müssen essen, essen, jeden Tag, in stundenweisen Abständen brauchen sie Nahrung, immer und immer wieder. Und es piepst und piepst und piepst jedes Mal, wenn ich den Orangensaft und das Joghurt übers Fließband – über den Scanner – bis zum Kunden – vor die Nase – ziehe. Drüber, drüber, immer wieder drüber. Das Geräusch hängt mir immerwährend in den Ohren.
Und ich bin da, ich bin der Weg zum Mittel, das Mittel zum Zweck; ich bin das letzte Zahnrad auf dem Weg zur bitterlich ersehnten Bedürfnisbefriedigung.
In vier Stunden, da kassiere ich gut dreihundert Menschen ab. Da sage ich dreihundertmal Hallo und wieder Tschüss und schönen Tag noch und halte ihnen den Bon hin, den sie dann meistens trotzdem liegen lassen. Und tue ich es nicht, dann fühlen sie sich um ihr persönliches Stück Zettel betrogen. Entmenschlicht sitze ich da und werde dennoch dazu angehalten, mich menschlich zu verhalten. Nach einer Stunde schon, da gleicht meine Stimme einem Tonband, immer wieder drückt einer auf die Repeat-Taste, sobald sich die Kasse schließt. Noch mal, noch mal, ich bin eine Maschine, die aber nicht wie eine wirken darf.
Es hört nicht auf, es hört niemals auf, die Menschen brauchen Essen, jeden Tag, jede Stunde. Aber wieso ich hier sitzen muss, das weiß keiner. Meine Augen, meine Hände, warum müssen die unbedingt kontrollieren, dass jeder für seine Bedürfnisse auch die Rechnung trägt?
Alles ist so teuer geworden, das höre ich hundertmal am Tag. Als hätte ich die Preise gemacht. Aber es muss raus, der Ärger der Menschen muss raus aus ihnen. Er trifft die nächste Person, die einfach da ist. Das bin ich. Und ich darf mich nicht wehren, ich bin dazu angehalten, freundlich zu sein. Ich muss ihn schlucken, den Ärger. Ich schlucke jedes böse Wort, solange, bis es im tausendfachen Echo durch meinen Magen hallt: Nein, so geht das nicht weiter – du bist zu teuer! Du bist einfach zu teuer geworden. Sofortiger Produktionsstopp! In dieses Bankrott-Unternehmen stecken wir keine Ressourcen mehr hinein!
Um acht Uhr schnappt die Kasse ein letztes Mal zu.
„Sehr gut, keine Differenz“, lobt mich mein Chef Thomas nach der Abrechnung. Mit dem Augenblick der Kassenübergabe an den Tresorbeauftragten soll ich mein Robotertum ebenfalls wieder ablegen. Jetzt soll ich wieder das glückliche, junge Mädchen sein, die sechzehnjährige Paula, der alle Möglichkeiten im Leben noch offen stehen. Aber wer glaubt seine Seele einfach wegschließen zu können und nach einiger Zeit gegen eine volle Geldkassette unbeschadet zurückzuerhalten, der irrt.

Ich laufe zum Bus, mein zeterndes Seelchen an der Hand. Es brüllt mich an wie eine Katze, vorwurfsvoll klagend, weil ich die Terrassentüre versehentlich geschlossen hatte und sie draußen im Regen saß.
Als ich daheim ankomme, ist Mutter nicht zuhause. Erleichtert gehe ich nur schnell duschen und lege mich ins Bett. Ein letztes Mal heute hole ich das Notizheft hervor und ziehe Bilanz. Ich wiege Erwartungen miteinander auf, leere und gefüllte Worte, Zeit, Freiheit und Maschinerie.
Dann streife ich das schwere Kleid der Ansprüche von meinem zarten Leib. Übrig bleibt ein hilfloses Gerippe, mit Haut überspannt. Meine Seele fleht leise um Hilfe, denn je mehr Substanz ich abbaue, desto schutzloser wird sie. Aber in ein aussichtsloses Unternehmen steckt man keine Ressourcen. Wenn ich nur Objekt bleibe, Besitztum und Roboter, dann bleibt da keine Hoffnung mehr für meinen bettelnden Lebenswillen.
Er sehnt sich vergebens nach dieser bedingungslosen Lebendigkeit, denn die Schlinge um meinen Hals zieht sich mit jedem Tag – jeder Erwartung, jedem inhaltslosen Hallo und wieder Tschüss, jedem Raus und jedem nur prahlenden Kuss – ein bisschen enger zusammen.

Die Haustüre öffnet und schließt sich. Die Eltern bemerken das Dunkel in meinem Zimmer und kommen nicht herein. Doch den Vater höre ich noch zur Mutter sagen: „Glaubst du, sie hat was gegessen, Marie? Die hat bestimmt wieder nichts zu Abend gegessen, bestimmt nicht. So kann das doch nicht weitergehen! Die isst ja nichts mehr.“
Und das ist alles, das sie sehen.

Leseprobe aus „Bis zum Hals“

Zum Buch

Aus Kapitel 2 – Das Monster lebt vom Piepsen

»Paula!«, zischt Helen und versetzt mir einen Stoß in die Rippen. »Die meint dich!«
»Was?«, reagiere ich automatisch und bin zum zweiten Mal die Lachnummer heute. Frau Mayer bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie, und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl: »Raus.« Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre ›Raus‹ nicht unmissverständlich.
Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Ich schlucke meinen Protest hinunter. Man könnte ihn einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Ich zwänge Frau Mayer geradezu, ihre Autorität ein weiteres Mal gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste.
Ich schließe die Türe des Klassenzimmers lauter als nötig. Aber es geht mir sofort besser, als ich mich von der Stille des Korridors voll empfangen lasse. Voll. In der Tat war das eine ziemlich exakte Beschreibung meiner Sommerferien. Voll mit Lebensmitteln. Auf die eine oder andere Weise. Der Gedanke piepst. Das erinnert mich an etwas und ich setze mich auf den Boden, ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Sojamilch. Piepsen. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Piepsen. Ein Apfel. Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes ›Raus‹, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für Sabrinas Sticheleien.

Ich sehe um mich, keine Katze weit und breit. Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das ›Rausfast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken.
Jetzt ist mir schwummrig im Kopf. Erbrechen kostet mehr Kraft als Frühsport. Ich schwanke zurück vor das Klassenzimmer, lehne mich an die Wand und schließe die Augen. Meine Knie zittern. Aber noch halte ich stand. Unter dem Gedanken fasse ich neuen Mut, solange das Monster schläft, kriege ich das alles irgendwie hin. Habe ich früher schließlich auch geschafft. Also bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Weiterhin gegen die Wand gelehnt, öffne ich die Augen wieder. Alles ist grau. Selbst wenn ich aus dem Fenster sehe, ist da nicht mehr als ein grauer Pausenhof. Wie hat sich die Katze das nur vorgestellt? Lass dich doch einfach mal darauf ein. Ohne Sattgrün, ohne Schnecken, ohne Wind um die Nase. Wind. Bei dem Gedanken gleite ich mit der Hand in die Hosentasche, finde meinen Haustürschlüssel und ertaste den Anhänger daran. Eine im Wind gewellte Mähne, spitze Ohren, der kurze Kopf eines Ponys. Auf einmal ist da in meiner Brust noch etwas anderes als Widerstand und Wut.Es ist ein feiner Schmerz, der fließt wie von dem Anhänger aus durch meine Finger und mir ins Herz.
Ich vermisse dich, wallt das Gefühl jäh in mir auf. Du bist mein zarter Schmetterling und ein wilder Sturm und ich vermisse dich.
Und dann klingelt es zur Pause. Es reißt mich zurück in das Einheitsgrau meines Alltags. Der Schmerz verschwindet wieder still unter der Wut.
Für zehn Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben, keine sehr effektive Erziehungsmaßnahme.
Das denkt sich Frau Mayer wohl ebenfalls, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut mittlerweile nur noch mühevoll unterdrückend: »Weswegen eigentlich?«
Und sie antwortet: »Genau deshalb!«
Bevor die Wut mich meine Fassung kostet, gebe ich nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Frau Mayer gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort. Ich will mich gerade umdrehen und endlich verschwinden, als ich bemerke, dass sie einen argwöhnischen Seitenblick an mich geheftet hat.

»Paula, warte mal«, bittet Frau Mayer nun und hat den Tonfall einer strengen Lehrerin für den Moment abgelegt. Ich beiße mir auf die Lippe und wende mich ihr erneut zu. Es zehrt an meinen Kraftreserven, die abgeklärte Haltung zu wahren und um uns herum lärmt die jugendliche Menge. Sie drängt zum Pausenhof, denn vor dem Schulgebäude sonnt sich der September trunken im Restsommer.
Einige Zeit lang betrachtet Frau Mayer mich stumm und ich realisiere, dass sie wartet, bis alle anderen Schüler den Raum verlassen haben. Steif stehe ich da, alarmiert bis in die Zehenspitzen.
»Was gibt es?«, frage ich mit aller Freundlichkeit, die ich aufbringen kann und das ist nicht sonderlich viel. Meine Tonlage verrutscht in unnatürliche Höhen.
Anstatt mir zu antworten, fragt Frau Mayer: »Paula, geht es dir gut?«
Meine Kehle schnürt sich zu bei diesen Worten, was bildet die sich eigentlich ein? Verpasst mir erst eine Strafarbeit und denkt tatsächlich, mich hinterher nach meinem Befinden fragen zu können! Meine rechte Hand legt sich auf die linke, verbirgt reflexartig die Wunden an den Fingerknöcheln, die ich heute schon einmal vor jemandem verborgen habe. Aber wenn man sich die Hand ständig bis zum Anschlag in den Rachen schiebt, gibt die Haut unter den nagenden Zähnen irgendwann nach.
»Ja«, entgegne ich bedächtig, aber mein Puls ist auf hundertachtzig. Ich spüre, dass das Eis dünner geworden ist. Ihr harmloser Stimmklang droht an, dass sie unsere Begegnung auf eine zwischenmenschliche Ebene verschoben hat.
»Hast du dich in den Sommerferien denn gut erholen können?«, hakt Frau Mayer nach, nun beinahe sanft und weckt Erinnerungen, die ich alle vergessen haben möchte. Hastig nicke ich.

Eine Welle Unsicherheit schwappt ihr über die Gesichtszüge. Sie hat eine ausführlichere Antwort erwartet. Schließlich war ich im Juli ganze drei Wochen krankgeschrieben und das weckt natürlich Neugierde. Aber das Immunsystem einer permanent Hungernden gibt eines Tages zwangsläufig den Geist auf. Schlussendlich bin vor den Sommerferien gar nicht mehr zur Schule gekommen, weil ich wiedermal mit einer Grippe im Bett lag, während die Welt draußen den Beginn des Sommers feierte. Dazu wurde bei herrlichem Wetter der Grill angeschmissen, meine gesamte Familie war bei Freunden zum Essen eingeladen. Nur ich blieb alleine zu Hause, mürbe vom Fieber. Tagelang hatte ich mich schon durch das Bett gewälzt, traumschwer und schwitzend und frierend zugleich. Mein Sport- und Essensplan war durch die Krankheit völlig durcheinander geraten und wenn ich etwas hasste, dann war das Unruhe in meiner Routine. Meine Tabellen waren bei der Gewichtsabnahme doch meine Konstanten im Leben geworden, die mir Halt gaben. Dabei war meine treuste Gefährtin die Disziplin. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich bis zum bitteren Ende zu begleiten. Aber an diesem einen Tag, ich war von der Grippe emotional zerschlagen, schwächelte sie unter den körperlichen Schmerzen bedrohlich.

Ich warf einen deprimierten Blick auf mein vernachlässigtes Sportprogramm und mich befiel ein leises Gefühl der Sinnlosigkeit. Ob ich wohl zugenommen hatte? Nicht einmal das wusste ich mit Sicherheit, denn Mutter hatte eine Weile zuvor die Waage versteckt. Sie wollte mir das Wiegen nicht mehr zugestehen. Ich saß also auf dem Bett und merkte, dass ich absolut keine Möglichkeit zur Überprüfung hatte und außerdem für eine weitere Suchaktion der Waage, davon gab es natürlich einige, keine Kraft mehr. Und im Moment dieses Gedankens knurrte mein Magen.
Das war der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte, von dem ich gar bisher nicht gewusst hatte, dass es schon lange bis zum Rand gefüllt war. Als meine geschwächte Disziplin die Sturmwelle des überlaufenden Fasses ahnte, flüchtete sie. Die Hoffnung auf mein baldiges Entschwinden aus dem Leben lag eine Sekunde im Zweifel und meine Seele nutzte das, um durch die Rüstung zu brechen. Von innen heraus knackte sie die Schalen meines verbissenen Wartens und kämpfte sich an das Tageslicht. Dort hat das abgemagerte Kätzchen nach Luft geschnappt und mich fürchterlich ausgeschimpft: Was fiele mir eigentlich ein, sie da drinnen einzusperren und mich währenddessen in den Tod zu hungern? Sie hat da wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden!
Ich knickte unter ihrer Anklage ein wie ein Grashalm und keinen Moment später fiel der gebündelte Hunger zweier Jahre über mich her.

In der Einheit meiner Empfindungen

Heute gibt’s ein Video in Anlehnung an den Roman „Bis zum Hals“.
Die Hauptfigur Paula wird darin auf eine Weise mit sich selbst konfrontiert, die nicht immer einfach für sie ist. Und um sie ein bisschen zu unterstützen, und euch vielleicht einen Impuls dazulassen, habe ich etwas zusammengebastelt:

Wo lehnst du dich selbst noch ab, weil du etwas an dir nicht magst?
… Und was, wenn genau diese Anteile unbedingt von dir geliebt werden möchten?
Schau hin. Umarme dich. In ALL deinen Facetten.

 

In der Einheit

Hallo … Ich,
ich weiß, du magst micht nicht
weil du glaubst, nicht gut genug zu sein
und dich deshalb nicht traust, mich mal von allen Seiten anzuschauen

Stattdessen verhältst du dich, als wär ich nicht wichtig,
tust so, als wär was an mir falsch – dabei kennst du mich einfach nicht richtig
Denn die Wahrheit ist, liebes Ich: Du bist heilig
Ja genau, dich meine ich! Mach die Augen auf
all meine Wesenszüge wollen raus

Die traurigen brauchen Verstehen,
die verspielten suchen mein Sehen
und die klugen wollen vielleicht denken,
alle liebenden möchten sich verschenken
an die Welt da draußen und um die Wette laufen

mit meinem Neid, der Wut und dem Hass
darin steckt so viel Kraft
in jedem Gefühl kann ich es spüren
die Lebendigkeit im Kindlichsein und verzweifelt schreien,
in all meinen hässlichen Anteilen

Die gehen doch Hand in Hand mit meinem Lachen,
wollen alberne Sachen machen,
dem Peinlichen zum Trotz
und wenn ich meine Enttäuschung auskotz,
dann bin das immer noch ich, strebe zum ‚Mich‘,
damit du erkennen kannst:
Mein Leben ist ein Selbstbegegnungstanz

Also lauf nicht weg, schau hin!
Was und wer und wie ich alles bin

In der Einheit erst
meiner widersprüchlichsten Empfindungen
und ohne innere Distanz
werde ich ganz

Hereinlassen

Ein Gedicht, das ich geschrieben und mit einem Freund zusammen verfilmt habe

Wir gewannen damit den 1.Platz des Nachwuchspreises beim Athmer Lyrikpreis im Juni 2013

Hier findet ihr die Broschüre mit allen Preisträgern des Wettbewerbs.
Zur Preisverleihung selbst gibt es außerdem noch einen Online Artikel.

ATHMER

Hereinlassen

Das Herz, es klopft so laut
bis in die Fingerspitzen kann ich es spüren.

Und mein Blick, ganz versunken ist er
im Relief vom dunklen Eichenholz.

Es ist ein Bruchteil nur, den ich da warte
von einer einzigen Sekunde.

Und in die Länge zieht sie sich endlos,
zerreißt mir fast den Puls in den Adern.

Hastige Schritte, sie klingen in meinen Ohren
es sind seine, das kann ich spüren.

Die Klinke, sie senkt sich ganz behutsam
und es sind meine Knie, die zittern haltlos.

Denn was hier passiert, das ist alles
aber nicht nur eine Türe, die sich öffnet.

Es ist vielmehr – hereinlassen
in ein Zuhause und ein Herz.

Herr Schmidt

Kurzgeschichte aus dem Januar 2013
Vorgetragen am 17.03.13 auf der Buchmesse Leipzig im Rahmen des Landschreiber Wettbewerbs
Zum Thema „Mit Sprache über Sprache“
(Förderpreis für junge Autoren erhalten)

herrschmidt

Herr Schmidt

Da steht sie. Mit schiefgelegtem Kopf und zusammengekniffenen Augen. Er stattdessen fuchtelt hilflos mit den Armen herum, ganz in der beharrlichen Annahme, es würde seinen leeren Worthülsen mehr Inhalt verleihen.
Kraftlos sieht sie aus dem Fenster und ihr Blick fällt auf den grauen Alltag: Das Blumenbeet ist auch diese Woche wieder leer geblieben. Einen Garten voller Rosen, das war der Traum gewesen. Nur wann hatte sich seiner eigentlich von ihrem getrennt?
„Jonas … „, entgegnet sie besänftigend, doch das matte Lächeln ist lange nicht mehr echt.
„Nein, echt – nein! Nein, das geht zu weit. Ich bin einfach grundsätzlich immer schuld, oder? Da kann ich auch gleich an eine Wand hinschwätzen und es hätte denselben Effekt.“
Mina schüttelt noch entschuldigend den Kopf, doch er ist schon zur Tür hinaus veschwunden.
Just in diesem Moment streift der besorgte Blick des Nachbarn die Szene – wie sie da so traurig im Türrahmen lehnt und er ungestüm das gemeinsame Grundstück verlässt. Es ist das dritte Mal in dieser Woche. Auf seiner Stirn bilden sich eine Reihe Falten und ein mitleidiges Seufzen verlässt seine Lippen, bevor er sich wieder dem Leeren des Briefkastens zuwendet.
Mina schließt leise die Türe hinter sich, rutscht an ihr herunter, zieht die Knie an den Körper.
Es ist ja nicht so, als würden sie nicht miteinander sprechen. Und der Beziehungsratgeber betont doch immer: Streiten ist gesund!
Sie streiten viel. Oft. Reden stundenlang. Über sich und die Welt und die Beziehung – und trotzdem kommt rein gar nichts dabei herum.
Schon bald hat Mina begonnen, sich damit zu beschäftigen. Es kann schließlich nicht sein, dass man zwar den lieben langen Tag mit reden zubringt, aber doch nie das Gefühl hat, man hätte miteinander kommuniziert. Was fehlt ihnen?
Also hat sie sich informiert: Über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun.
Nicht mit zwei, sondern mit vier Ohren hört man alles, behauptet der nämlich. Lang und breit wird erklärt, wie die Anatomie der Sprache aufgebaut ist, was Metakommunikation und die Kongruenz von Nachrichten bedeutet. Warum Frau gleich austickt, weil sie sich kritisiert fühlt, wenn Mann mit: „Sag mal, wo hast du denn das Brot her?“ kommt und dabei doch nur wissen möchte, bei welchem Bäcker sie es gekauft hat. Weshalb jede Botschaft auch eine Selbstoffenbarung und „Schön, dass du die Spülmaschine mal wieder ausgeräumt hast“ eigentlich eine Aufforderung ist.
Mina seufzt. Und wenn sie schließlich keine Lust mehr haben über die Sache selbst zu reden, reden sie halt darüber, wie sie miteinander darüber reden.
Ihre Augen wandern durch den Raum; in der Wohnung herrscht dasselbe Chaos, wie in ihrer Beziehung. Nichts ist mehr in Ordnung – und irgendwann fehlt dann einfach die Kraft noch weiterzumachen. An guten, wie an schlechten Tagen, hat der Pfarrer verkündet und Paartherapie ist das aktuelle Streitthema.
„Was – um rumzusitzen und noch mehr zu reden und dafür auch noch Geld hinzulegen, damit uns einer dabei zuhört?!“, nein, Jonas war alles, aber nicht begeistert von der Idee.
Mina rafft sich auf und verschwindet im Bad, wäscht sich die salzigen Spuren ihrer letzten Auseinandersetzung mit kaltem Wasser aus dem Gesicht. Anschließend geht sie ins Wohnzimmer – und bleibt einen Augenblick lang bewegungslos stehen, während sie die Unordnung stumm betrachtet.
Eine Art Fluchtreflex flüstert ihr reizvoll zu, dass sie dieses Schlachtfeld ebenfalls verlassen sollte. Mit spitzen Lippen und lieblichem Klang in der Stimme verspricht er ihr eine verlockende Leichtigkeit. Einfach gehen. Lass die Trümmer doch Trümmer sein. Mina zögert.
Die Sekunde dehnt sich aus, verwandelt sich in eine unschlüssige Minute, in eine ausharrende Stunde. Wie ein Stein liegt die Entscheidung auf ihrem Herzen, wiegt mit jedem Moment schwerer.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie schnappt sich den Staubsauger und dreht die Musik laut auf. Es ist endgültig an der Zeit etwas zu tun!
Binnen mehrerer Stunden putzt sie sich einmal komplett durch die Wohnung. Die Geschirrberge in der Küche werden von Minute zu Minute kleiner, die Klamotten verschwinden in der Waschmaschine, der Müll findet den Weg in die Tonne. Ihre Putzodyssee führt sie einmal durch ihr ganzes Zuhause. Die Bettwäsche wird gewechselt und alte Zeitschriften fliegen raus, abgelaufene Lebensmittel und verjährte Zettelwirtschaft auch.
Mit dreckigen Händen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und niest den aufgewirbelten Staub aus der Nase. Ein leichtes Gefühl macht sich in der Magengegend breit und schließlich hüpft sie erschöpft und beschwingt zugleich unter die Dusche.
Erst der anschließende Blick auf die Uhr trübt ihre Stimmung wieder augenblicklich: Kurz nach elf Uhr abends. Sie hat gar nicht mitbekommen, wie der Tag seinem finsteren Ebenbild gewichen ist. So lange ist Jonas noch nie weggewesen, denkt sie niedergeschlagen und weiß noch nicht, dass er in dieser Nacht auch nicht mehr zurückkehren wird.

Auf den Stufen zur Tür sieht er sie sitzen, schon frühmorgens um sieben. Er ist ein aufmerksamer Nachbar; er weiß, dass sie gestern bis lange in die Nacht wach war – das Licht ist doch angewesen bis um halb drei.
Mit dampfendem Kaffee in den Händen kommt er um kurz nach acht zu ihr herüber.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt er besorgt. Mit hängenden Schultern blickt sie ihn an.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht. Jonas ist nicht heimgekommen“, erwidert Mina mit müder Stimme. „Er hat angerufen. Er wird es auch nicht mehr.“
„Nicht heimgekommen“, schmunzelt ihr Nachbar nur und lächelt sie sanft an. „So wie es aussieht, ist es doch schon lange kein Zuhause mehr. Zumindest nicht das einer Beziehung.“
“ … wie bitte?“, halb erschrocken, halb verwirrt sieht die junge Frau den Mann mit den dunklen Haaren an. Die tiefblauen Augen halten ihrem Blick mühelos stand.
„Bist du denn traurig darüber?“, fragt dieser statt einer Antwort.
„Ich weiß es gar nicht“, antwortet Mina wahrheitsgemäß. „Ich bin nur so schrecklich erschöpft. Ich mag nicht mehr reden und ich mag auch nicht mehr das Gefühl haben, dass sich rein gar nichts bewegt.“ Mit einem Nicken überreicht Herr Schmidt ihr den Kaffee und verabschiedet sich dann abrupt. Dankbar über das heiße Getränk schaut Mina ihm nach, wie er im gegenüberliegenden Haus verschwindet. Wann hat ihr zuletzt jemand einen Kaffee gebracht?

Am nächsten Tag, als Minas Blick wie jeden Morgen aus dem Fenster und auf den Alltag fällt, ist dieser plötzlich nicht mehr ganz so grau. Da steht etwas.
Mit schlagendem Herzen eilt sie hinaus in den Garten und bückt sich hinunter zu der roten Blume, die da einsam in ihrem Beet auf sie wartet.
Daneben liegt ein Zettel. Eilig faltet sie ihn auseinander:
Ich weiß, wir kennen uns kaum, doch Zuwendung verlangt das auch gar nicht. Ich möchte dir eine Blume schenken. Habe nämlich vor einer Ewigkeit mal gehört, wie du darüber mit ihm geredet hast – über Blumen im Garten. Ich möchte mich auch gar nicht einmischen, dir nur sagen:
Am allerwenigsten haben Worte mit Sprache zu tun.
Die rote Lilie steht für Entschlossenheit und Tatkraft – mögen ihr noch viele folgen,
Herr Schmidt

Erstaunt liest sich Mina die kurze Nachricht mehrmals durch. Und versteht auf einmal ganz viel … und vor allem, was ihr und Jonas gefehlt hat.
Sie sieht hinüber zum Haus auf der anderen Straßenseite: Bisher hatte sie sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wie ihr Nachbar eigentlich mit Vornamen heißt.

Kein Mensch ist illegal

Kurzgeschichte vom 26.10.12
Vorgetragen am 13.12.12 beim Finale von „Mach dein Ding gegen Rechts“

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Kein Mensch ist illegal

Rennen. Seine Hand umschließt ihre ganz fest.
Mit seinen langen Beinen muss Atul nur einen Schritt machen, wenn sie schon zwei braucht. Der Atem geht schwer in der Winterkälte, die eisige Luft brennt in den Lungen.
„Atul!“, keucht sie und ihre Stiefel knirschen im frisch gefallenen Schnee. „Nicht so schnell!“
Doch er gibt nicht nach, wird sogar eine Spur hastiger. Für den Moment dreht er ihr das Gesicht zu, sein breites Grinsen ist herausfordernd. Es sagt; Fang mich, wenn du kannst! und das obwohl ihre Hände einander doch bereits fest umklammert halten, als hinge ihr Leben davon ab.
Wie ein junges Fohlen mit unverhältnismäßig langen Beinen, springt Atul in immer größeren Schritten über den Schneeteppich, die Füße in den halbhohen Turnschuhen längst durchnässt. Sie hängt stolpernd an seinem Arm und versucht ihr Möglichstes, nicht zu fallen.
Bleib endlich stehen, ich will dich küssen!, möchte sie schreien, doch traut sich nicht.
Stattdessen bleibt sie abrupt stehen, stemmt die Füße in den Boden. Nicht empfehlenswert. Mit einem Ruck wird Atul herumgerissen, ihre Finger sind schließlich felsenfest miteinander verkettet. Heftig prallen sie aufeinander und fallen am Ende beide umstandslos in den Schnee.
„Hast du dir was getan?!“
„Hast du dir was getan?!“
Erschrocken blicken sie sich an; einen Moment lang herrscht fassungslose Stille, dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Sanft rollt sich Atul auf sie, seine Augen blitzen freundlich. Eine seiner Locken hängt direkt zwischen ihren Gesichtern und fasziniert dreht sie die feinen Haare um ihren Finger, streicht sie vorsichtig hinter sein Ohr zurück.
„Shhht, Sema“, flüstert er zaghaft. „Kannst du den Schnee fallen hören?“
„Nö“, erwidert sie prompt und lacht, streckt die Zunge raus, schnappt nach den weichen Flocken, die freudig vom grauen Himmel herabtanzen.
Es ist still. Ja, fast friedlich. Und während Semas Hose langsam durchnässt, breitet sich stattdessen ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus; es gelangt in alle Zehen und bis in die Fingerspitzen, fließt durch jede Faser ihres Körpers -“ wie eine vollkommene Glückseligkeit. Für den einen Moment ist alles perfekt. Da ist nur sie und Atul und der Schnee und die Kälte. Und was diesen Moment so schön macht, ist vielleicht gerade die Abwesenheit des ganzen verdammten Restes der Welt -“
da gäbe es zum Beispiel Herrn Fritz, den sie jeden Morgen freundlich grüßt und der jeden Morgen so tut, als hätte er sie nicht gehört. Manchmal sieht er sie sogar an, wenn er Tag um Tag seinen zu dicken Hund ausführt. Doch der flüchtige Seitenblick gilt nicht wirklich ihr, er ist nur ein verächtliches Abfertigen, wenn seine Augen abschätzig ihr Kopftuch streifen, als wäre es eine Krankheit. Manchmal fragt sie sich, ob er gar absichtlich das Haus um die exakt selbe Uhrzeit verlässt, die sie sich auf den Weg zur Schule macht; ob er es wohl genießt, ihr jeden Morgen nicht zu antworten. Aber ihre Mutter besteht darauf, dass sie freundlich zu den Menschen ist, ganz gleich, wie diese sie auch behandeln mögen.
Du wirfst ein schlechtes Licht auf alle Türken in Deutschland, wenn du dich unhöflich verhältst! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ihre Gastfreundlichkeit zu schätzen wissen, dass wir es auch verdient haben, hier zu sein!, zetert sie dann los und keiner weiß, warum sie sich jetzt über ihre Tochter aufregt, die niemals auch nur irgendjemandem Respektlosigkeit entgegen gebracht hat.
Welche Gastfreundlichkeit…? denkt Sema in solchen Augenblicken traurig und: Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort bin? Warum muss ich wem was beweisen, wenn meine Füße doch immer noch auf genau demselben Erdboden stehen, wie die aller anderen Menschen auch?
Ihr Vater stattdessen will von alledem nichts wissen; Du bist hier geboren, Sema! Wir SIND Deutsche!, sagt er oft und sieht ihre Mutter fast ein bisschen böse an.
Jaaa klar doch, ich bin Deutsche, aber einen Bikini lässt er mich trotzdem nicht tragen und meine Haare darf ich nicht offen zeigen und was passiert, wenn er wüsste, dass ich mich mit einen indischen Jungen treffe, will ich gar nicht wissen!, denkt sich Sema dabei nur. Was für leere Worte.
Atul rollt sich von ihr herunter und starrt in den wolkenverhangenen Himmel.
„Worüber denkst du nach?“, fragt er sie leise.
„Ach, es ist nichts“, erwidert Sema geknickt. „Nur die Welt. Nein, nicht die Welt; es sind die Menschen. Sie machen alles so schrecklich kompliziert. Sie teilen die Welt in Länder und schaffen Grenzen, die vorher nicht da waren -“ und jetzt scheint es keinen Ort mehr zu geben, an dem es in Ordnung ist, wenn du in mich verliebt bist und ich in dich. Aber wie kann das sein, wie kann das nicht in Ordnung sein?“ Und sie kann nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen.
„Nein, Sema, weine doch nicht“, bittet Atul verzweifelt und seufzt tief.
„Weißt du“, sagt er. „Weißt du, das ist wie mit den Schneeflocken. Menschen wissen nur, was sie sehen -“ und wenn das, was sie sehen, anders ist, als das, was sie kennen, dann bekommen sie Angst. Warum haben Menschen keine Angst vor Schneeflocken, Sema?“
„Ich … weiß nicht? Warum sollte man auch? Sie sind alle weiß und harmlos und -„, antwortet Sema, doch Atul unterbricht sie: „Genau, ganz genau! Sie sehen alle gleich aus. Man guckt sie an und sie sind alle klein und weiß! Aber du weißt doch, dass jede dieser Schneeflocken eigentlich einizgartig ist, nicht wahr? Dass wenn du sie unter dem Mikroskop ansiehst, keine mehr der anderen gleicht.“
„Ja, das weiß ich“, haucht Sema verwirrt, weiß nicht, worauf er hinausmöchte.
„Und das ist genau umgekehrt wie bei den Menschen“, fährt Atul fort. „Wir sehen nicht alle gleich aus, wir sind bunt; mit dunkler und heller Haut, runden und ovalen Augen und haben in fünfzig verschiedenen Sprachen fünfzig verschiedene Wörter -“ für ein und dieselbe Sache. Aber im Herzen sind wir alle gleich.“
Vorsichtig fängt er ihre Tränen auf, wischt sie fort. Sema lächelt. „Wusstest du, dass weiß die Summe aller Farben ist?“, fragt sie ihn leise. „Weiß ist eigentlich selbst gar keine Farbe. Weiß ist, wenn dein Auge das Gemisch aus Farben nicht mehr trennen kann und es zu einem Einzigen zusammenfügt -“ dann siehst du weiß. Weiß ist eigentlich bunt.“
„Schneeflocken sind weiß“, sagt jetzt Atul und Sema nickt: „Und Menschen sind Schneeflocken. Ein einziges buntes Gemisch, das am Ende doch nur weiß ergibt.“
Sie grinsen sich an. Und Sema versteht: Es ist tatsächlich alles perfekt. Denn es gibt einen Ort an dem es in Ordnung ist, wenn Schneeflocke Atul in Schneeflocke Sema verliebt ist und umgekehrt. Der Ort ist hier und der Augenblick jetzt. Und was den Moment so perfekt macht, sind sie beide. Atul und Sema und das Gefühl von Zuneigung, was sie beide verbindet; die universelle Sprache der Liebe. Weiß und bunt gleichzeitig, einzigartig und ohne Grenzen.
Was den Moment so perfekt macht, ist gar nicht die Abwesenheit aller anderen Menschen, denn die ist völlig egal; die einzigen beiden, die es etwas angeht, was zwischen ihnen passiert, liegen doch ohnehin schon hier beieinander in der schneebedeckten Wiese und küssen sich jetzt liebevoll. Und die Erde unter ihren Körpern ist dieselbe, auf der alle restlichen Menschen dieser Welt auch herumwandern. Exakt dieselbe.
Da gibt es keinen Grund, warum es nicht in Ordnung sein könnte. Denn es ist in Ordnung.
„Und nur das müssen sie noch lernen“, flüstert Sema gedankenverloren sich selber zu, streckt die Zunge raus und schnappt wieder nach den tanzenden Schneeflocken.