In der Einheit meiner Empfindungen

Heute gibt’s ein Video in Anlehnung an den Roman „Bis zum Hals“.
Die Hauptfigur Paula wird darin auf eine Weise mit sich selbst konfrontiert, die nicht immer einfach für sie ist. Und um sie ein bisschen zu unterstützen, und euch vielleicht einen Impuls dazulassen, habe ich etwas zusammengebastelt:

Wo lehnst du dich selbst noch ab, weil du etwas an dir nicht magst?
… Und was, wenn genau diese Anteile unbedingt von dir geliebt werden möchten?
Schau hin. Umarme dich. In ALL deinen Facetten.

 

In der Einheit

Hallo … Ich,
ich weiß, du magst micht nicht
weil du glaubst, nicht gut genug zu sein
und dich deshalb nicht traust, mich mal von allen Seiten anzuschauen

Stattdessen verhältst du dich, als wär ich nicht wichtig,
tust so, als wär was an mir falsch – dabei kennst du mich einfach nicht richtig
Denn die Wahrheit ist, liebes Ich: Du bist heilig
Ja genau, dich meine ich! Mach die Augen auf
all meine Wesenszüge wollen raus

Die traurigen brauchen Verstehen,
die verspielten suchen mein Sehen
und die klugen wollen vielleicht denken,
alle liebenden möchten sich verschenken
an die Welt da draußen und um die Wette laufen

mit meinem Neid, der Wut und dem Hass
darin steckt so viel Kraft
in jedem Gefühl kann ich es spüren
die Lebendigkeit im Kindlichsein und verzweifelt schreien,
in all meinen hässlichen Anteilen

Die gehen doch Hand in Hand mit meinem Lachen,
wollen alberne Sachen machen,
dem Peinlichen zum Trotz
und wenn ich meine Enttäuschung auskotz,
dann bin das immer noch ich, strebe zum ‚Mich‘,
damit du erkennen kannst:
Mein Leben ist ein Selbstbegegnungstanz

Also lauf nicht weg, schau hin!
Was und wer und wie ich alles bin

In der Einheit erst
meiner widersprüchlichsten Empfindungen
und ohne innere Distanz
werde ich ganz

Hereinlassen

Ein Gedicht, das ich geschrieben und mit einem Freund zusammen verfilmt habe

Wir gewannen damit den 1.Platz des Nachwuchspreises beim Athmer Lyrikpreis im Juni 2013

Hier findet ihr die Broschüre mit allen Preisträgern des Wettbewerbs.
Zur Preisverleihung selbst gibt es außerdem noch einen Online Artikel.

ATHMER

Hereinlassen

Das Herz, es klopft so laut
bis in die Fingerspitzen kann ich es spüren.

Und mein Blick, ganz versunken ist er
im Relief vom dunklen Eichenholz.

Es ist ein Bruchteil nur, den ich da warte
von einer einzigen Sekunde.

Und in die Länge zieht sie sich endlos,
zerreißt mir fast den Puls in den Adern.

Hastige Schritte, sie klingen in meinen Ohren
es sind seine, das kann ich spüren.

Die Klinke, sie senkt sich ganz behutsam
und es sind meine Knie, die zittern haltlos.

Denn was hier passiert, das ist alles
aber nicht nur eine Türe, die sich öffnet.

Es ist vielmehr – hereinlassen
in ein Zuhause und ein Herz.

Herr Schmidt

Kurzgeschichte aus dem Januar 2013
Vorgetragen am 17.03.13 auf der Buchmesse Leipzig im Rahmen des Landschreiber Wettbewerbs
Zum Thema „Mit Sprache über Sprache“
(Förderpreis für junge Autoren erhalten)

herrschmidt

Herr Schmidt

Da steht sie. Mit schiefgelegtem Kopf und zusammengekniffenen Augen. Er stattdessen fuchtelt hilflos mit den Armen herum, ganz in der beharrlichen Annahme, es würde seinen leeren Worthülsen mehr Inhalt verleihen.
Kraftlos sieht sie aus dem Fenster und ihr Blick fällt auf den grauen Alltag: Das Blumenbeet ist auch diese Woche wieder leer geblieben. Einen Garten voller Rosen, das war der Traum gewesen. Nur wann hatte sich seiner eigentlich von ihrem getrennt?
„Jonas … „, entgegnet sie besänftigend, doch das matte Lächeln ist lange nicht mehr echt.
„Nein, echt – nein! Nein, das geht zu weit. Ich bin einfach grundsätzlich immer schuld, oder? Da kann ich auch gleich an eine Wand hinschwätzen und es hätte denselben Effekt.“
Mina schüttelt noch entschuldigend den Kopf, doch er ist schon zur Tür hinaus veschwunden.
Just in diesem Moment streift der besorgte Blick des Nachbarn die Szene – wie sie da so traurig im Türrahmen lehnt und er ungestüm das gemeinsame Grundstück verlässt. Es ist das dritte Mal in dieser Woche. Auf seiner Stirn bilden sich eine Reihe Falten und ein mitleidiges Seufzen verlässt seine Lippen, bevor er sich wieder dem Leeren des Briefkastens zuwendet.
Mina schließt leise die Türe hinter sich, rutscht an ihr herunter, zieht die Knie an den Körper.
Es ist ja nicht so, als würden sie nicht miteinander sprechen. Und der Beziehungsratgeber betont doch immer: Streiten ist gesund!
Sie streiten viel. Oft. Reden stundenlang. Über sich und die Welt und die Beziehung – und trotzdem kommt rein gar nichts dabei herum.
Schon bald hat Mina begonnen, sich damit zu beschäftigen. Es kann schließlich nicht sein, dass man zwar den lieben langen Tag mit reden zubringt, aber doch nie das Gefühl hat, man hätte miteinander kommuniziert. Was fehlt ihnen?
Also hat sie sich informiert: Über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun.
Nicht mit zwei, sondern mit vier Ohren hört man alles, behauptet der nämlich. Lang und breit wird erklärt, wie die Anatomie der Sprache aufgebaut ist, was Metakommunikation und die Kongruenz von Nachrichten bedeutet. Warum Frau gleich austickt, weil sie sich kritisiert fühlt, wenn Mann mit: „Sag mal, wo hast du denn das Brot her?“ kommt und dabei doch nur wissen möchte, bei welchem Bäcker sie es gekauft hat. Weshalb jede Botschaft auch eine Selbstoffenbarung und „Schön, dass du die Spülmaschine mal wieder ausgeräumt hast“ eigentlich eine Aufforderung ist.
Mina seufzt. Und wenn sie schließlich keine Lust mehr haben über die Sache selbst zu reden, reden sie halt darüber, wie sie miteinander darüber reden.
Ihre Augen wandern durch den Raum; in der Wohnung herrscht dasselbe Chaos, wie in ihrer Beziehung. Nichts ist mehr in Ordnung – und irgendwann fehlt dann einfach die Kraft noch weiterzumachen. An guten, wie an schlechten Tagen, hat der Pfarrer verkündet und Paartherapie ist das aktuelle Streitthema.
„Was – um rumzusitzen und noch mehr zu reden und dafür auch noch Geld hinzulegen, damit uns einer dabei zuhört?!“, nein, Jonas war alles, aber nicht begeistert von der Idee.
Mina rafft sich auf und verschwindet im Bad, wäscht sich die salzigen Spuren ihrer letzten Auseinandersetzung mit kaltem Wasser aus dem Gesicht. Anschließend geht sie ins Wohnzimmer – und bleibt einen Augenblick lang bewegungslos stehen, während sie die Unordnung stumm betrachtet.
Eine Art Fluchtreflex flüstert ihr reizvoll zu, dass sie dieses Schlachtfeld ebenfalls verlassen sollte. Mit spitzen Lippen und lieblichem Klang in der Stimme verspricht er ihr eine verlockende Leichtigkeit. Einfach gehen. Lass die Trümmer doch Trümmer sein. Mina zögert.
Die Sekunde dehnt sich aus, verwandelt sich in eine unschlüssige Minute, in eine ausharrende Stunde. Wie ein Stein liegt die Entscheidung auf ihrem Herzen, wiegt mit jedem Moment schwerer.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie schnappt sich den Staubsauger und dreht die Musik laut auf. Es ist endgültig an der Zeit etwas zu tun!
Binnen mehrerer Stunden putzt sie sich einmal komplett durch die Wohnung. Die Geschirrberge in der Küche werden von Minute zu Minute kleiner, die Klamotten verschwinden in der Waschmaschine, der Müll findet den Weg in die Tonne. Ihre Putzodyssee führt sie einmal durch ihr ganzes Zuhause. Die Bettwäsche wird gewechselt und alte Zeitschriften fliegen raus, abgelaufene Lebensmittel und verjährte Zettelwirtschaft auch.
Mit dreckigen Händen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und niest den aufgewirbelten Staub aus der Nase. Ein leichtes Gefühl macht sich in der Magengegend breit und schließlich hüpft sie erschöpft und beschwingt zugleich unter die Dusche.
Erst der anschließende Blick auf die Uhr trübt ihre Stimmung wieder augenblicklich: Kurz nach elf Uhr abends. Sie hat gar nicht mitbekommen, wie der Tag seinem finsteren Ebenbild gewichen ist. So lange ist Jonas noch nie weggewesen, denkt sie niedergeschlagen und weiß noch nicht, dass er in dieser Nacht auch nicht mehr zurückkehren wird.

Auf den Stufen zur Tür sieht er sie sitzen, schon frühmorgens um sieben. Er ist ein aufmerksamer Nachbar; er weiß, dass sie gestern bis lange in die Nacht wach war – das Licht ist doch angewesen bis um halb drei.
Mit dampfendem Kaffee in den Händen kommt er um kurz nach acht zu ihr herüber.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt er besorgt. Mit hängenden Schultern blickt sie ihn an.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht. Jonas ist nicht heimgekommen“, erwidert Mina mit müder Stimme. „Er hat angerufen. Er wird es auch nicht mehr.“
„Nicht heimgekommen“, schmunzelt ihr Nachbar nur und lächelt sie sanft an. „So wie es aussieht, ist es doch schon lange kein Zuhause mehr. Zumindest nicht das einer Beziehung.“
“ … wie bitte?“, halb erschrocken, halb verwirrt sieht die junge Frau den Mann mit den dunklen Haaren an. Die tiefblauen Augen halten ihrem Blick mühelos stand.
„Bist du denn traurig darüber?“, fragt dieser statt einer Antwort.
„Ich weiß es gar nicht“, antwortet Mina wahrheitsgemäß. „Ich bin nur so schrecklich erschöpft. Ich mag nicht mehr reden und ich mag auch nicht mehr das Gefühl haben, dass sich rein gar nichts bewegt.“ Mit einem Nicken überreicht Herr Schmidt ihr den Kaffee und verabschiedet sich dann abrupt. Dankbar über das heiße Getränk schaut Mina ihm nach, wie er im gegenüberliegenden Haus verschwindet. Wann hat ihr zuletzt jemand einen Kaffee gebracht?

Am nächsten Tag, als Minas Blick wie jeden Morgen aus dem Fenster und auf den Alltag fällt, ist dieser plötzlich nicht mehr ganz so grau. Da steht etwas.
Mit schlagendem Herzen eilt sie hinaus in den Garten und bückt sich hinunter zu der roten Blume, die da einsam in ihrem Beet auf sie wartet.
Daneben liegt ein Zettel. Eilig faltet sie ihn auseinander:
Ich weiß, wir kennen uns kaum, doch Zuwendung verlangt das auch gar nicht. Ich möchte dir eine Blume schenken. Habe nämlich vor einer Ewigkeit mal gehört, wie du darüber mit ihm geredet hast – über Blumen im Garten. Ich möchte mich auch gar nicht einmischen, dir nur sagen:
Am allerwenigsten haben Worte mit Sprache zu tun.
Die rote Lilie steht für Entschlossenheit und Tatkraft – mögen ihr noch viele folgen,
Herr Schmidt

Erstaunt liest sich Mina die kurze Nachricht mehrmals durch. Und versteht auf einmal ganz viel … und vor allem, was ihr und Jonas gefehlt hat.
Sie sieht hinüber zum Haus auf der anderen Straßenseite: Bisher hatte sie sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wie ihr Nachbar eigentlich mit Vornamen heißt.

Kein Mensch ist illegal

Kurzgeschichte vom 26.10.12
Vorgetragen am 13.12.12 beim Finale von „Mach dein Ding gegen Rechts“

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Kein Mensch ist illegal

Rennen. Seine Hand umschließt ihre ganz fest.
Mit seinen langen Beinen muss Atul nur einen Schritt machen, wenn sie schon zwei braucht. Der Atem geht schwer in der Winterkälte, die eisige Luft brennt in den Lungen.
„Atul!“, keucht sie und ihre Stiefel knirschen im frisch gefallenen Schnee. „Nicht so schnell!“
Doch er gibt nicht nach, wird sogar eine Spur hastiger. Für den Moment dreht er ihr das Gesicht zu, sein breites Grinsen ist herausfordernd. Es sagt; Fang mich, wenn du kannst! und das obwohl ihre Hände einander doch bereits fest umklammert halten, als hinge ihr Leben davon ab.
Wie ein junges Fohlen mit unverhältnismäßig langen Beinen, springt Atul in immer größeren Schritten über den Schneeteppich, die Füße in den halbhohen Turnschuhen längst durchnässt. Sie hängt stolpernd an seinem Arm und versucht ihr Möglichstes, nicht zu fallen.
Bleib endlich stehen, ich will dich küssen!, möchte sie schreien, doch traut sich nicht.
Stattdessen bleibt sie abrupt stehen, stemmt die Füße in den Boden. Nicht empfehlenswert. Mit einem Ruck wird Atul herumgerissen, ihre Finger sind schließlich felsenfest miteinander verkettet. Heftig prallen sie aufeinander und fallen am Ende beide umstandslos in den Schnee.
„Hast du dir was getan?!“
„Hast du dir was getan?!“
Erschrocken blicken sie sich an; einen Moment lang herrscht fassungslose Stille, dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Sanft rollt sich Atul auf sie, seine Augen blitzen freundlich. Eine seiner Locken hängt direkt zwischen ihren Gesichtern und fasziniert dreht sie die feinen Haare um ihren Finger, streicht sie vorsichtig hinter sein Ohr zurück.
„Shhht, Sema“, flüstert er zaghaft. „Kannst du den Schnee fallen hören?“
„Nö“, erwidert sie prompt und lacht, streckt die Zunge raus, schnappt nach den weichen Flocken, die freudig vom grauen Himmel herabtanzen.
Es ist still. Ja, fast friedlich. Und während Semas Hose langsam durchnässt, breitet sich stattdessen ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus; es gelangt in alle Zehen und bis in die Fingerspitzen, fließt durch jede Faser ihres Körpers -“ wie eine vollkommene Glückseligkeit. Für den einen Moment ist alles perfekt. Da ist nur sie und Atul und der Schnee und die Kälte. Und was diesen Moment so schön macht, ist vielleicht gerade die Abwesenheit des ganzen verdammten Restes der Welt -“
da gäbe es zum Beispiel Herrn Fritz, den sie jeden Morgen freundlich grüßt und der jeden Morgen so tut, als hätte er sie nicht gehört. Manchmal sieht er sie sogar an, wenn er Tag um Tag seinen zu dicken Hund ausführt. Doch der flüchtige Seitenblick gilt nicht wirklich ihr, er ist nur ein verächtliches Abfertigen, wenn seine Augen abschätzig ihr Kopftuch streifen, als wäre es eine Krankheit. Manchmal fragt sie sich, ob er gar absichtlich das Haus um die exakt selbe Uhrzeit verlässt, die sie sich auf den Weg zur Schule macht; ob er es wohl genießt, ihr jeden Morgen nicht zu antworten. Aber ihre Mutter besteht darauf, dass sie freundlich zu den Menschen ist, ganz gleich, wie diese sie auch behandeln mögen.
Du wirfst ein schlechtes Licht auf alle Türken in Deutschland, wenn du dich unhöflich verhältst! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ihre Gastfreundlichkeit zu schätzen wissen, dass wir es auch verdient haben, hier zu sein!, zetert sie dann los und keiner weiß, warum sie sich jetzt über ihre Tochter aufregt, die niemals auch nur irgendjemandem Respektlosigkeit entgegen gebracht hat.
Welche Gastfreundlichkeit…? denkt Sema in solchen Augenblicken traurig und: Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort bin? Warum muss ich wem was beweisen, wenn meine Füße doch immer noch auf genau demselben Erdboden stehen, wie die aller anderen Menschen auch?
Ihr Vater stattdessen will von alledem nichts wissen; Du bist hier geboren, Sema! Wir SIND Deutsche!, sagt er oft und sieht ihre Mutter fast ein bisschen böse an.
Jaaa klar doch, ich bin Deutsche, aber einen Bikini lässt er mich trotzdem nicht tragen und meine Haare darf ich nicht offen zeigen und was passiert, wenn er wüsste, dass ich mich mit einen indischen Jungen treffe, will ich gar nicht wissen!, denkt sich Sema dabei nur. Was für leere Worte.
Atul rollt sich von ihr herunter und starrt in den wolkenverhangenen Himmel.
„Worüber denkst du nach?“, fragt er sie leise.
„Ach, es ist nichts“, erwidert Sema geknickt. „Nur die Welt. Nein, nicht die Welt; es sind die Menschen. Sie machen alles so schrecklich kompliziert. Sie teilen die Welt in Länder und schaffen Grenzen, die vorher nicht da waren -“ und jetzt scheint es keinen Ort mehr zu geben, an dem es in Ordnung ist, wenn du in mich verliebt bist und ich in dich. Aber wie kann das sein, wie kann das nicht in Ordnung sein?“ Und sie kann nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen.
„Nein, Sema, weine doch nicht“, bittet Atul verzweifelt und seufzt tief.
„Weißt du“, sagt er. „Weißt du, das ist wie mit den Schneeflocken. Menschen wissen nur, was sie sehen -“ und wenn das, was sie sehen, anders ist, als das, was sie kennen, dann bekommen sie Angst. Warum haben Menschen keine Angst vor Schneeflocken, Sema?“
„Ich … weiß nicht? Warum sollte man auch? Sie sind alle weiß und harmlos und -„, antwortet Sema, doch Atul unterbricht sie: „Genau, ganz genau! Sie sehen alle gleich aus. Man guckt sie an und sie sind alle klein und weiß! Aber du weißt doch, dass jede dieser Schneeflocken eigentlich einizgartig ist, nicht wahr? Dass wenn du sie unter dem Mikroskop ansiehst, keine mehr der anderen gleicht.“
„Ja, das weiß ich“, haucht Sema verwirrt, weiß nicht, worauf er hinausmöchte.
„Und das ist genau umgekehrt wie bei den Menschen“, fährt Atul fort. „Wir sehen nicht alle gleich aus, wir sind bunt; mit dunkler und heller Haut, runden und ovalen Augen und haben in fünfzig verschiedenen Sprachen fünfzig verschiedene Wörter -“ für ein und dieselbe Sache. Aber im Herzen sind wir alle gleich.“
Vorsichtig fängt er ihre Tränen auf, wischt sie fort. Sema lächelt. „Wusstest du, dass weiß die Summe aller Farben ist?“, fragt sie ihn leise. „Weiß ist eigentlich selbst gar keine Farbe. Weiß ist, wenn dein Auge das Gemisch aus Farben nicht mehr trennen kann und es zu einem Einzigen zusammenfügt -“ dann siehst du weiß. Weiß ist eigentlich bunt.“
„Schneeflocken sind weiß“, sagt jetzt Atul und Sema nickt: „Und Menschen sind Schneeflocken. Ein einziges buntes Gemisch, das am Ende doch nur weiß ergibt.“
Sie grinsen sich an. Und Sema versteht: Es ist tatsächlich alles perfekt. Denn es gibt einen Ort an dem es in Ordnung ist, wenn Schneeflocke Atul in Schneeflocke Sema verliebt ist und umgekehrt. Der Ort ist hier und der Augenblick jetzt. Und was den Moment so perfekt macht, sind sie beide. Atul und Sema und das Gefühl von Zuneigung, was sie beide verbindet; die universelle Sprache der Liebe. Weiß und bunt gleichzeitig, einzigartig und ohne Grenzen.
Was den Moment so perfekt macht, ist gar nicht die Abwesenheit aller anderen Menschen, denn die ist völlig egal; die einzigen beiden, die es etwas angeht, was zwischen ihnen passiert, liegen doch ohnehin schon hier beieinander in der schneebedeckten Wiese und küssen sich jetzt liebevoll. Und die Erde unter ihren Körpern ist dieselbe, auf der alle restlichen Menschen dieser Welt auch herumwandern. Exakt dieselbe.
Da gibt es keinen Grund, warum es nicht in Ordnung sein könnte. Denn es ist in Ordnung.
„Und nur das müssen sie noch lernen“, flüstert Sema gedankenverloren sich selber zu, streckt die Zunge raus und schnappt wieder nach den tanzenden Schneeflocken.