Kurzgeschichte: Das Lechzen meiner Hoffnung

Diese Kurzgeschichte durfte sich stolz im Frühjahr 2015 einen Button anstecken: Den Förderpreis des dritten Landschreiberwettbewerbs.

18Landscheiber Preisverleihung

 

Das Lechzen meiner Hoffnung

Meine Tage sind begleitet von diesem Piepsen. Der Apfel, das Fruchtmüsli mit Beeren, die Biomilch von Rewe. Ich lege den Löffel neben die Schüssel, stelle das Glas Wasser zum Messer; so symmetrisch und akkurat wie nur möglich. Die Handgriffe sind sorgfältig gewählt und einstudiert. Stoische Ruhe durchzieht das Schauspiel am Frühstückstisch, wie Nebel in der Feuerlinie. Zwischen jeder Geste liegt ein unauffälliger Blick versteckt, den ich zur Mutter rüberwerfe. Die blättert in der Morgenzeitung und tut, als würde sie es nicht bemerken. Die gegnerische Front bleibt defensiv.
Mutter hat ihr Brot längst aufgegessen, den Kaffee getrunken und steht trotzdem nicht auf. Sie wirkt versunken, aber das nehme ich ihr nicht ab. Hochmut kommt schließlich vor dem Fall.
Als die Flocken schon in der Milch baden und der Apfel zerteilt ist in zwölf exakt gleich große Stücke – da schreit mein strategisches Kalkül nach einer Planänderung.
Also rücke ich den Stuhl so beherrscht wie möglich nach hinten und ignoriere das Zittern in meinen Beinen. Dann halte ich mich gedeckt im Wohnzimmernorden Richtung Klo. Mutter sieht hoch, Blicke kreuzen sich. Die Deckung ist aufgeflogen. Ihre Augenbraue wandert gefährlich weit nach oben und verschwindet irgendwann unter ihrem modischen Ponyhaarschnitt. Es fühlt sich an wie das Nachladen einer Waffe. Verbissen wende ich mich ab, schaue stur geradeaus, behalte mein Ziel vor Augen. Mutters Lippen kräuseln sich, sie hat schon entsichert, mich längst im Visier. Als Droge meiner Wahl pumpe ich mir Adrenalin durch den Körper, das mich im Endspurt über das offene Kriegsfeld trägt. Doch es nützt alles nichts; Mutter zielt, feuert, trifft. Von hinten werde ich noch von ihrem Sprachgewehr erschossen, direkt zwischen den Schulterblättern trifft mich ihr Kommentar:„Setz dich hin und iss!“
„Aber ich muss aufs -“
„Kannst du auch danach gehen. Ich werde sowieso nicht aufstehen, bis du was gegessen hast.“
Ergebenes Seufzen. Mit der Kugel im Rücken schleppe ich mich zurück auf das Schlachtfeld.

„Paula.“ Das Wort läuft durch den Raum, verheddert sich in seinen eigenen Buchstaben. Die irren dann wie verlorene Schäfchen zwischen den jugendlichen Köpfen umher und suchen ihren Namensträger.
„Paula!“ Marie, Thomas, Angela, Valerie, Julian. Carina. Paula. Man könnte uns auch ganz einfach die Nummern zuordnen, die im Personalausweis stehen. Da hat schließlich schon jeder seine eigene.
„PAULA!“ Jetzt schrecke ich endlich auf. Die Mathelehrerin durchbohrt mich mit ihrem Blick. Ich kann darin eine Erwartung lesen, deren Inhalt mir aber verborgen bleibt. Auch ein kurzes Studieren des Tafelanfschriebs bringt mich nicht weiter. Ein Strick liegt um meinen Hals, der zieht sich enger zusammen; denn mir bleibt nichts anderes übrig, als ganz unschuldig zu fragen: „Ja?“
Die Klasse bricht in Gelächter aus und Mathefrau bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie (und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl): „Raus.“
Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft noch. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre Raus nicht unmissverständlich.

Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, ja schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Das kann man einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Man zwänge ihn geradezu, seine Autorität nochmals gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste. Ich lasse hier schon genug Zeit meines Lebens liegen. Im Gang setze ich mich auf den Boden und ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Milch. Und in meinem Ohr piepst es einmal. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Da piepst es das zweite Mal. Und ich schreibe: Ein Apfel, Sorte – Granny Smith. Ein drittes Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes Raus, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für den unfreundlichen Mann im Bus, der lautstark über die lärmende Schülermenge hergezogen ist, um der Unzufriedenheit im eigenen Leben maskierten Ausdruck zu verleihen.
Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das Raus fast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken. Draußen klingelt es zur Pause. Für fünf Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben. Keine sehr effektive Strafe. Das denkt sich die Mathefrau wohl auch, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut noch mühevoll unterdrückend: „Weswegen eigentlich?“, und sie antwortet: „Genau deshalb!“
Ich habe schon zu viele Kriege geführt und zu wenige gewonnen, deshalb gebe ich jetzt nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Sie gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort.

Auf dem Pausenhof geselle ich mich zu ein paar Freundinnen. Sie empfangen mich in ihrem Kreis, wie selbstverständlich stehe ich zwischen ihnen und fühle mich trotzdem nicht rund genug. Doch die soziale Struktur verlangt meine Zugehörigkeit und wenn ich nicht im Schutze einer Clique unterkomme, wird mir das Leben hier nur noch schwerer gemacht. So wie Carina. Die isst ihr Pausenbrot mit Blick zur Endstation Boden hin. Meiner stattdessen kann sich wenigstens mit Julian treffen. Der lächelt, stellt sich zu mir und sein Arm legt sich um meine Schultern. Hier wird jetzt ein Exempel statuiert, ich bin das Beispiel seines Besitzes. Sein Arm zeigt das an und sein Finger bestätigt es, als er mir das Kinn hebt, um einen Kuss einzufordern. Seine Lippen schmecken salzig, die Zunge möchte mehr und der Strick um meinen Hals scheuert mir die Haut auf.
„Du bist schön.“, flüstert er mir rau ins Ohr und mir steigt die Galle hoch. Die üppigen Ausmaße meines Körpers werden mir schlagartig wieder bewusst. Ich fühle die sich weitende Brust bei jedem Atemzug; spüre die ganze Breite meiner Hüfte, wenn ich an Julians Oberschenkel damit stoße. Ich bin eine gerundete Frau, einer Birne gleich geformt. Alles ist gewölbt, alles überbordend. Die Birne zwingt mich ins Klischee, an eine Frau sind Erwartungen geknüpft. So tusche ich mir die Wimpern, trage kurze Röcke und lange Haare. Denn den Blicken, den verurteilenden Blicken halte ich nicht stand. Ich ordne mich den Ansprüchen des hineingeborenen Klischees meines Geschlechtes folgsam unter, den Ausschluss aus der Herde ständig fürchtend.
„Sscht, Paula?“, schnurrt Julian mir in die Haare. „Hast du mich nicht gehört? Ich find dich wunderschön.“
Ich nicke gegen den Aufschrei in meinem Kopf an. Viel schöner, als er mich findet, findet er wohl die Tatsache, dass dieser schöne Frauenkörper gerade neben ihm steht. Er kann den Arm um ihn legen, flüstert ihm leise Komplimente ins Ohr, die er eigentlich sich selber zugedacht hat. Denn jedes lobende Wort an mich, hebt doch nur seinen eigenen Status. Ich bin ein Symbol. Und wäre seine Aussage tatsächlich nur eine Aussage gewesen, sein Gefühlsausdruck, so hätte er es nicht zu wiederholen brauchen, um zu signalisieren, dass er eine Antwort erwartet. Jetzt soll ich auch noch etwas auf sein Selbstlob erwidern müssen.
Valerie grinst mir zu. Als wir zurück zum Klassenzimmer gehen, stupst sie mich an und meint: „Julian ist echtn klasse Fang. Ihr passt super zusammen.“ Ein klasse Fang. Als hätte ich einfach mit einer Angel so lange vor dem Teich gesessen, bis der größte Fisch endlich zubiss. Sie zwinkert mir zu. Ich möchte davonrennen.

Es ist das endlose Piepsen, welches mir Kopfschmerzen bereitet. Tagein, tagaus. Angela kommt mittags in der Cafeteria zu uns an den Tisch und ich bin froh, nicht mit Julian allein sein zu müssen. Jetzt klammere ich mich an meinen Kaffee, stochere in ein paar Blatt Salat herum und ernte diesen Blick dafür. Er kratzt an mir herunter, fährt mir mit Krallen übers Gesicht.
„Ist das alles?“, fragt Angela skeptisch und nickt hin zu meinem kargen Mittagessen. Ist das alles? lautet die Frage, die eigentlich keiner Rückäußerung bedarf. Sie sieht es doch, da steht ja nichts mehr. Wieso fragt sie dann? Und wieso glaubt sie, meinen Appetit einschätzen zu dürfen? Der Strick, der da um meinen Hals liegt, zieht sich weiter zu. Kein Platz in der Speiseröhre für nur ein einziges Maiskorn mehr. Ich schiebe den Teller von mir weg. Denn Angela hat in Wirklichkeit nicht gefragt, ob das alles ist; sondern sie hat mich dazu aufgefordert, mehr zu essen. Und ihr Blick mit den scharfen Krallen wartet nun drohend darauf, dass ich dieser Erwartung nachkomme. Aber ich sitze nur noch erstarrt da und fixiere sie wie ein zu Tode erschrecktes Reh. Das Raubtier in ihren Augen springt mich an, als sie ihr eigenes Tablett schließlich auf dem Tisch abstellt – vollbeladen mit Suppe, Hauptgericht und Dessert. Vom Fluchtreflex gepackt, fahre ich hoch.
„Muss mal aufs Klo“, und weg bin ich. Immerhin haben die beiden nicht ganz so viel Entscheidungsgewalt über mich, wie meine Mutter das hat, solange ich die Achtzehn nicht erreicht habe.
Das Klo ist Zufluchtsort. Hier hat keiner mehr etwas zu sagen, hier darf ich guten Gewissens die Türe abschließen und das darf man ja sonst nirgends. Ich ziehe das Heft hervor und auf meiner Liste landet ein Kaffee, schwarz. Einmal Piepsen. Notiz zur Kenntnis genommen. Mein Körper trägt nun auch noch Rechnung für einen Kaffee.
Ein paar mal atme ich tief ein, ziehe jedes Bisschen Harnsäure durch die Nase wie Koks; doch der Strick um meinen Hals ist bereits zu eng, um dem Ekel nachzugeben. Der Salat bleibt drin. Die zu enge Kehle immer im Bewusstsein, mache ich mich wieder auf den Weg zu den Anderen.

Erst nachmittags erlöst mich ein finales Klingeln vom Unterricht. Ich beeile mich loszukommen, denn in einer halben Stunde beginnt schon meine Schicht. Von vier bis acht. Ich habe nur so einen 400-Euro-Job, um mir wenigstens ein bisschen Freiheit zu erkaufen, doch der Preis dafür ist hoch. Ich tausche Zeit gegen Freiheit. Das ist widersinnig, weil Zeit die eigentliche Freiheit ist. Ein banaler 400-Euro-Job, nur so ein bisschen neben der Schule, damit Mutter mich nicht völlig in der Hand hat. Aber wer hat sich schon einmal ausgerechnet, wie lange man bei 8,50 € die Stunde für das Geld arbeiten muss … So verbringe ich drei Nachmittage in der Woche hinter der Kasse und scanne Waren. Ein ums andere Mal ziehe ich Brot, Bananen und Schokolade darüber, in endloser Vielzahl. Die Bedürfnisse der Menschen sind niemals gedeckt, sie müssen essen, essen, jeden Tag, in stundenweisen Abständen brauchen sie Nahrung, immer und immer wieder. Und es piepst und piepst und piepst jedes Mal, wenn ich den Orangensaft und das Joghurt übers Fließband – über den Scanner – bis zum Kunden – vor die Nase – ziehe. Drüber, drüber, immer wieder drüber. Das Geräusch hängt mir immerwährend in den Ohren.
Und ich bin da, ich bin der Weg zum Mittel, das Mittel zum Zweck; ich bin das letzte Zahnrad auf dem Weg zur bitterlich ersehnten Bedürfnisbefriedigung.
In vier Stunden, da kassiere ich gut dreihundert Menschen ab. Da sage ich dreihundertmal Hallo und wieder Tschüss und schönen Tag noch und halte ihnen den Bon hin, den sie dann meistens trotzdem liegen lassen. Und tue ich es nicht, dann fühlen sie sich um ihr persönliches Stück Zettel betrogen. Entmenschlicht sitze ich da und werde dennoch dazu angehalten, mich menschlich zu verhalten. Nach einer Stunde schon, da gleicht meine Stimme einem Tonband, immer wieder drückt einer auf die Repeat-Taste, sobald sich die Kasse schließt. Noch mal, noch mal, ich bin eine Maschine, die aber nicht wie eine wirken darf.
Es hört nicht auf, es hört niemals auf, die Menschen brauchen Essen, jeden Tag, jede Stunde. Aber wieso ich hier sitzen muss, das weiß keiner. Meine Augen, meine Hände, warum müssen die unbedingt kontrollieren, dass jeder für seine Bedürfnisse auch die Rechnung trägt?
Alles ist so teuer geworden, das höre ich hundertmal am Tag. Als hätte ich die Preise gemacht. Aber es muss raus, der Ärger der Menschen muss raus aus ihnen. Er trifft die nächste Person, die einfach da ist. Das bin ich. Und ich darf mich nicht wehren, ich bin dazu angehalten, freundlich zu sein. Ich muss ihn schlucken, den Ärger. Ich schlucke jedes böse Wort, solange, bis es im tausendfachen Echo durch meinen Magen hallt: Nein, so geht das nicht weiter – du bist zu teuer! Du bist einfach zu teuer geworden. Sofortiger Produktionsstopp! In dieses Bankrott-Unternehmen stecken wir keine Ressourcen mehr hinein!
Um acht Uhr schnappt die Kasse ein letztes Mal zu.
„Sehr gut, keine Differenz“, lobt mich mein Chef Thomas nach der Abrechnung. Mit dem Augenblick der Kassenübergabe an den Tresorbeauftragten soll ich mein Robotertum ebenfalls wieder ablegen. Jetzt soll ich wieder das glückliche, junge Mädchen sein, die sechzehnjährige Paula, der alle Möglichkeiten im Leben noch offen stehen. Aber wer glaubt seine Seele einfach wegschließen zu können und nach einiger Zeit gegen eine volle Geldkassette unbeschadet zurückzuerhalten, der irrt.

Ich laufe zum Bus, mein zeterndes Seelchen an der Hand. Es brüllt mich an wie eine Katze, vorwurfsvoll klagend, weil ich die Terrassentüre versehentlich geschlossen hatte und sie draußen im Regen saß.
Als ich daheim ankomme, ist Mutter nicht zuhause. Erleichtert gehe ich nur schnell duschen und lege mich ins Bett. Ein letztes Mal heute hole ich das Notizheft hervor und ziehe Bilanz. Ich wiege Erwartungen miteinander auf, leere und gefüllte Worte, Zeit, Freiheit und Maschinerie.
Dann streife ich das schwere Kleid der Ansprüche von meinem zarten Leib. Übrig bleibt ein hilfloses Gerippe, mit Haut überspannt. Meine Seele fleht leise um Hilfe, denn je mehr Substanz ich abbaue, desto schutzloser wird sie. Aber in ein aussichtsloses Unternehmen steckt man keine Ressourcen. Wenn ich nur Objekt bleibe, Besitztum und Roboter, dann bleibt da keine Hoffnung mehr für meinen bettelnden Lebenswillen.
Er sehnt sich vergebens nach dieser bedingungslosen Lebendigkeit, denn die Schlinge um meinen Hals zieht sich mit jedem Tag – jeder Erwartung, jedem inhaltslosen Hallo und wieder Tschüss, jedem Raus und jedem nur prahlenden Kuss – ein bisschen enger zusammen.

Die Haustüre öffnet und schließt sich. Die Eltern bemerken das Dunkel in meinem Zimmer und kommen nicht herein. Doch den Vater höre ich noch zur Mutter sagen: „Glaubst du, sie hat was gegessen, Marie? Die hat bestimmt wieder nichts zu Abend gegessen, bestimmt nicht. So kann das doch nicht weitergehen! Die isst ja nichts mehr.“
Und das ist alles, das sie sehen.

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Kurzgeschichte: Gleich Herz

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Gleich Herz

Das Etikett der Flasche habe ich schon beinahe abgefriemelt, als das Mädchen ihre Zunge schließlich in deinem Hals versenkt. Ihr steht auf der Wiese unter den bunten Lampions, im Hintergrund die Musik, die tanzenden Menschen, und mein Herz zerspringt beim Anblick dieser Romantik, viel zu pur und unschuldig. Ich weiß ja, du musst sie küssen. Du musst es tun, um zu wissen, dass du zu mir gehörst. Der Mensch ist ein Wesen, das nach dem Ausschlussverfahren funktioniert. Nichts kann ohne die Erfahrung des Gegenteils existieren, nur wenn du sie küsst, wirst du wissen, wie gut es mit mir ist. Und ich muss es mir ansehen, denn es ist wie ein umgekehrter Unfall, es ist so schön, dass man nicht wegsehen kann. Dabei findet der wahre Unfall hier bei mir statt, weil es mir das Herz zerreißt, euch zuzusehen.
Viele Sommerabende zuvor, so viele, das zwischen ihnen ganze vier Winter lagen, habe ich dich zum ersten Mal so geküsst, nicht auf dieser Party, auf einer anderen, und wir haben uns mit unseren niedlichen zwanzig Jahren in eine Beziehung gestürzt. Es ging nicht lange gut, wir waren jung. Alle zwischenmenschlichen Fehler haben wir aneinander ausgetestet, leidenschaftlich, schrecklich verliebt und dumm. Dann gingst du ein Semester ins Ausland, Funkstille. Zwischen uns. Und jetzt dieses andere Mädchen.

Vorhin erst balgten wir beide noch gemeinsam in der Sommerschwüle durch die Mohn- und Kamilleblumen, die in dem unberührten Zwischenraum von Korn und Wald wachsen. Mein Gesicht beugte sich über deines, bis nah an deine Augen heran. Und wie ich hineinsah, fand ich die Scherben darin. Sie lagen am Grunde der seichten Pfütze deiner Iris, im gespiegelten Himmelsblau. Bruchstücke, die im Sonnenlicht funkelten.
„Jonny“, sagte ich und fiel in deinen Blick, „uns beide trennt nicht mehr als ein Buchstabe, es wäre albern, wenn wir den nicht überwinden könnten.“
Ein Zucken lief durch deinen Blick und weil ich noch in ihm lag, kam es für mich einem Erdbeben gleich, einer Erschütterung alles zwischen uns Bestehenden.
Du weißt …“ Er zögerte. Er wartete, bis ich den Satz selbst beendete. Er wartete solange, bis ich es tatsächlich tat, weil ich das Schweigen zwischen uns noch mehr hasse als die Worte.
Ich weiß, du weißt nicht, was du willst. Es ist egal.“ Und wir wussten beide, dass diese Behauptung purer Unfug war.
Du dummer Junge, schalt ich dich im Stillen, warum begreifst du auch deine Einfältigkeit nicht? Was suchst du da draußen im Unbekannten, wenn der Schatz, den es bergen könnte, bereits hier vor dir liegt!
Aber du weißt das nicht, denn du hast nie etwas anderes erfahren als mich. Wir trafen uns, als du aus Mexiko zurückkamst, die Glut alter Vertrautheit entzündete sich zu neuem Feuer, und du offenbartest mir, dass du keinem einzigen anderen Mädchen nahe gewesen bist. Du trautest dich nicht. Und wie einmal, nein, sogar dreimal sich stattdessen ein anderes Mädchen traute, ›fühlte es sich nicht richtig an‹ für dich. Solche lapidaren Worte wirfst du mit Vorliebe in all unsere Zwischenräume, nicht nur die von Korn und Wald. Damals willigtest du noch ein, wieder mit mir zusammen zu sein, aber nach einem Jahr hast du eben jene Worte benutzt – es fühlt sich nicht mehr richtig an –, um auch unsere Verbindung wieder zu lösen. Und meine Welt zerfiel.
Tausendmal musste ich in diesem Winter sterben, um im Frühjahr aus der Asche neu aufsteigen zu können. Heute Nachmittag zischte ich dann wütend von all dem Hin und Her: „Du wirst immer wollen, was du nicht hast!“
Du hast drei Worte erwidert, sie waren sehr simpel, und danach haben wir unsere Zwischenräume lieber wieder mit Küssen statt Worten gefüllt.

Ich kann dich ja verstehen, denke ich jetzt, während ich dich dabei beobachte, wie du dem anderen Mädchen über die Lippen streichst, ihre Hand nimmst und sie viel mutiger davonziehst, als deinem Charakter schicklich ist. Es war nicht einfach mit uns, wir haben uns in zwei Pole verrannt, wir haben einen erbitterten Krieg um Nähe und Distanz ausgefochten, in welchem ich zur verschlingenden Furie wurde und du zum Eisklotz. Sich zu trennen stand natürlicherweise deiner Rolle zu, auch wenn ich diesen Bruch gleichermaßen provoziert habe. Acht Monate brauchte es, bis wir einander wieder in den Armen lagen. Genau hier, auf diesem Feldweg, unser Treffpunkt und gleichzeitig die Abkürzung zu deiner Wohnung.
Ich schleiche euch beiden nach, mein Herz klopft verräterisch laut in der heißen Sommernacht, die um halb zwei von dichten Wolken niedergedrückt wird und ihren Zenit an Spannung erreicht.
Nein!, wüte ich im Stillen, das ist nicht dein Ernst, du nimmst sie mit zu dir nach Hause? Ich halte genügend Abstand, um vom Nachtschwarz verschluckt zu sein und genügend, um euch noch herumalbern zu hören. Fassungslos bleibe ich stehen, als ihr das Ende des Feldweges erreicht und gemeinsam im ersten Haus verschwindet.
Eine Bierflasche fällt zu Boden, zerspringt klirrend auf Kieselsteinen. Vielleicht fällt sie aber auch nicht, sondern wird mit aller aufbringbaren Kraft weggeschleudert. Aber was weiß ich schon, ich war mir doch nicht einmal im Klaren darüber, dass ich sie noch in den Händen hielt.
Jetzt lasse ich auch mich auf den Weg fallen, denn dein Zimmer im ersten Stock ist auf einmal erleuchtet. Tränen rinnen mir über das Gesicht, kitschig umrahmt von den ersten, dicken Tropfen, die nun aus der Wolkendecke hervorbrechen und platschend auf den Steinchen bersten.

Ist doch schön, ich gönne es dir ja, mach du nur deine Erfahrungen, das ist wichtig. Wie willst du mit mir zusammen sein und dich von ganzem Herzen dazu bekennen können, wenn du nie etwas anderes als uns beide erfahren hast? Das verstehe ich schon. Das habe ich zumindest vorhin noch behauptet, eine ganze Weile nachdem du diese drei Worte gesagt hast, und ich wiedermal stur fragte, warum wir unsere Zweisamkeit nicht mehr Beziehung nennen können.
Weil das nicht funktioniert hat, schon vergessen?“
Aber ist das ein Naturgesetz, dass es niemals funktioniert, nur weil es das ein… na gut, oft nicht funktioniert hat? Mein Blick stürzte ab. Er fiel in die seichte Pfütze deiner Augen.
Es funktioniert halt nicht‘, das ist noch so eine dieser Sätze aus dem Kästchen deiner Wortvorlieben. Ich will es anzünden, das verfluchte Kästchen, du sollst nie wieder etwas sagen dürfen, das uns beide voneinander trennt, immerzu bist du derjenige, der solche Keile zwischen uns treibt. Dabei siehst du mich immer ganz mitleidig an, wenn du solche Dinge sagst, und niemand weiß, wem dieses Mitleid wirklich gilt: Mir oder dir selbst.
Nimm die Scherben aus deinen Augen, sie schneiden mich!“, fauchte ich und du weintest wieder, wie so oft in unseren zarten Momenten des Miteinanders. Du weintest und sagtest: „Ich bin halt kaputt, ich bin beziehungsunfähig! Ich krieg das einfach nicht hin, das mit dem Zusammensein!“
Warum lässt du mich dann nicht los?“, fragte ich, erst nur verzweifelt, dann auch weinend.
Weil ich es nicht kann, du bist mir doch auch wichtig“, hast du gewinselt, armer, zerbrochener Junge und ich, ich meinte eben das, wie immer an dem Punkt des Gesprächs: Geh und mach deine Erfahrungen. Ich kann es doch verstehen.

Aber mein Herz kann es nicht. Es zerbricht, weil ich genau weiß, was ihr beide da oben gerade hinter dem erleuchteten Fenster tut. Dabei habe ich es oft getan, denn ich bin nicht wie du, nicht schüchtern. Sondern ich bin trotzig in die Welt rausgegangen und habe mehr Männer geküsst, als dass ich mich an alle erinnern könnte – aber jeder von ihnen hat mich doch nur ein wenig mehr zurück in deine Arme geschubst. Weil die Magie der Zwischenmenschlichkeit eben doch nicht beliebig reproduzierbar ist.
„Wir gehören zusammen. Und was zusammengehört, das sollte auch zusammen sein und eine Beziehung führen!“, das behaupte ich immer noch mit derselben unerträglichen Vehemenz, in welcher du es dementierst, weil ‚Beziehung nur ein Wort ohne Gehalt ist‘.
„Nein, Jenny, es ist viel einfacher“, hast du gesagt, „eine einfache Gleichung, und mehr als das gibt es nicht über meine Gefühle oder über uns beide zu wissen.“
Ich verstand nicht, natürlich, wie auch, du bist ein Scherbenrätsel. Also maltest du es mir auf, schriebst mir deine Formel mit dem Finger in den Staub des trockenen Feldweges. Erst ein J, dann ein Pluszeichen, ein nächstes J, ein Gleichheitszeichen, dahinter ein Herz.
„Bist du das erste oder das zweite Jott?“, fragte ich. Aber du meintest, das wäre egal, und ich sagte: „Ich liebe dich.“ Das sind meine Kampfworte in unserem Ringen. Wir prügeln uns miteinander, gegeneinander und umeinander, wir sind ein Sommergewitter, voller Gegensätzlichkeit und Spannung.
Und über meinem Kopf grollt der erste Donner und aus den Tropfen wird in Sekundenschnelle ein heftiger Platzregen. Ich sitze am Boden, die Knie angewinkelt, und balle die Hände zu Fäusten beim Gedanken an die unfaire Romantik eures geteilten Augenblicks. Wie nah ihr euch wohl nun seid, während draußen der Sturm tobt?
Ich aber bleibe regungslos sitzen, die Arme um die Beinen geschlungen, zum Unterstellen ist es sowieso zu spät, und mein letzter Funke Würde ist im Regen erloschen. Es sind schließlich diese Momente jetzt, die alles entscheiden. In denen du rausfindest, ob es wirklich so gut ist, jemand anderem nahe zu sein, oder du halt doch zu mir gehörst.
Ich weiß es nicht‘, echot dein Satz in meinem Kopf. Genau so sehr, wie ich weiß, dass wir zusammen sein sollten, weißt du es nicht. Über meinem Kopf blitzt und donnert es, doch ich bleibe sitzen, bis das Gewitter längst vergangen ist. Ich bleibe sitzen und warte. Auf dich.

Bis irgendwann der Morgen graut und ich nicht mehr weiß, wann das passiert sein soll. Aber das Mädchen ist nicht herausgekommen. Entweder ich habe ein Zeitfenster übersprungen und nicht mitbekommen, wie sie gegangen ist … oder sie hat tatsächlich bei dir übernachtet. In deinem Bett. Während ich hier herumsaß. Längst bin ich wieder trocken, der Sommer ist unerbittlich in diesem Jahr, die ersten Sonnenstunden bringen neue Hitze mit.
Meine schwindende Hoffnung schreibt ein J in den Kiesstaub und dann noch eines, sie schreibt ein Plus dazwischen und ein Herz hinter das Gleichheitszeichen, an dieselbe Stelle wie du damals. Zwei Jahre ist das schon her, mein Gott. Zwei Jahre, in denen wir uns umeinander im Kreis drehten, nachdem wir ein halbes damit aufgehört haben, bevor wir es vier Monate taten, bevor wir es drei Wochen nicht taten, bevor wir es wieder fünf taten, oder warte, vielleicht … nein, es ist zu verwirrend, ich kann es nicht mal mehr rekonstruieren, es ist pures Chaos.
Ich liebe dich“, sage ich zu dem J, aber ich weiß nicht zu welchem, weil ich nicht weiß, welches zu dir gehört. Aber vielleicht ist das auch völlig egal, weil die Worte eigentlich sowieso nur bedeuten: Ich liebe mich selbst in deinem Kontext. Und über diesem Gedanken schüttle ich den Kopf und rechne die Formel um.
J gleich Herz minus J. Denn vielleicht kommst du erst heraus, wenn man meine Liebe von mir abzieht. Du bist nicht du, wenn du nicht von mir gesehen wirst. Ich frage mich, was dann von dir übrigbleibt, welcher Mensch du bist, wenn du nicht mehr in meinem Licht stehst … oder ich in deinem.
Dieser Gedanke hievt meinen Körper schließlich hoch. Eingerostet bin ich, und müde, mit Sonnenbrand, und gleichzeitig erfroren von der Nacht. Aber das andere Mädchen ist immer noch nicht herausgekommen, es wird wohl gerade in deinem Arm liegen, und ich frage mich: Was wirst du wohl sehen, wenn du ihr nachher in die Augen blickst?
Ich drehe mich um. Ein Stück entfernt vor mir am Boden ist eine Pfütze, nur noch ein seichtes Überbleibsel des Gewitters letzte Nacht. Frisches Himmelsblau spiegelt sich darin und auch noch etwas anderes, Scherben. Die Reste meiner Bierflasche.
Ich gehe die paar Schritte hinüber und mein Gesicht beugt sich hinunter, über die Pfütze. Und wie hineinsehe, finde ich mich selbst darin wieder. Mein Spiegelbild zischt in der Erinnerung des letzten Nachmittages noch einmal wütend: „Du wirst immer wollen, was du nicht hast!“ Und du sagst in der Erinnerung auch deine drei Worte noch einmal: „Genau wie du.“
Wie man die Formel auch dreht und wendet, kommt letztlich dasselbe Ergebnis heraus. Denn vielleicht sind es gar nicht zwei Buchstaben, sondern nur eine Variable: Jott plus Jott

Leseprobe aus „Bis zum Hals“

Zum Buch

Aus Kapitel 2 – Das Monster lebt vom Piepsen

»Paula!«, zischt Helen und versetzt mir einen Stoß in die Rippen. »Die meint dich!«
»Was?«, reagiere ich automatisch und bin zum zweiten Mal die Lachnummer heute. Frau Mayer bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie, und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl: »Raus.« Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre ›Raus‹ nicht unmissverständlich.
Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Ich schlucke meinen Protest hinunter. Man könnte ihn einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Ich zwänge Frau Mayer geradezu, ihre Autorität ein weiteres Mal gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste.
Ich schließe die Türe des Klassenzimmers lauter als nötig. Aber es geht mir sofort besser, als ich mich von der Stille des Korridors voll empfangen lasse. Voll. In der Tat war das eine ziemlich exakte Beschreibung meiner Sommerferien. Voll mit Lebensmitteln. Auf die eine oder andere Weise. Der Gedanke piepst. Das erinnert mich an etwas und ich setze mich auf den Boden, ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Sojamilch. Piepsen. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Piepsen. Ein Apfel. Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes ›Raus‹, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für Sabrinas Sticheleien.

Ich sehe um mich, keine Katze weit und breit. Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das ›Rausfast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken.
Jetzt ist mir schwummrig im Kopf. Erbrechen kostet mehr Kraft als Frühsport. Ich schwanke zurück vor das Klassenzimmer, lehne mich an die Wand und schließe die Augen. Meine Knie zittern. Aber noch halte ich stand. Unter dem Gedanken fasse ich neuen Mut, solange das Monster schläft, kriege ich das alles irgendwie hin. Habe ich früher schließlich auch geschafft. Also bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Weiterhin gegen die Wand gelehnt, öffne ich die Augen wieder. Alles ist grau. Selbst wenn ich aus dem Fenster sehe, ist da nicht mehr als ein grauer Pausenhof. Wie hat sich die Katze das nur vorgestellt? Lass dich doch einfach mal darauf ein. Ohne Sattgrün, ohne Schnecken, ohne Wind um die Nase. Wind. Bei dem Gedanken gleite ich mit der Hand in die Hosentasche, finde meinen Haustürschlüssel und ertaste den Anhänger daran. Eine im Wind gewellte Mähne, spitze Ohren, der kurze Kopf eines Ponys. Auf einmal ist da in meiner Brust noch etwas anderes als Widerstand und Wut.Es ist ein feiner Schmerz, der fließt wie von dem Anhänger aus durch meine Finger und mir ins Herz.
Ich vermisse dich, wallt das Gefühl jäh in mir auf. Du bist mein zarter Schmetterling und ein wilder Sturm und ich vermisse dich.
Und dann klingelt es zur Pause. Es reißt mich zurück in das Einheitsgrau meines Alltags. Der Schmerz verschwindet wieder still unter der Wut.
Für zehn Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben, keine sehr effektive Erziehungsmaßnahme.
Das denkt sich Frau Mayer wohl ebenfalls, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut mittlerweile nur noch mühevoll unterdrückend: »Weswegen eigentlich?«
Und sie antwortet: »Genau deshalb!«
Bevor die Wut mich meine Fassung kostet, gebe ich nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Frau Mayer gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort. Ich will mich gerade umdrehen und endlich verschwinden, als ich bemerke, dass sie einen argwöhnischen Seitenblick an mich geheftet hat.

»Paula, warte mal«, bittet Frau Mayer nun und hat den Tonfall einer strengen Lehrerin für den Moment abgelegt. Ich beiße mir auf die Lippe und wende mich ihr erneut zu. Es zehrt an meinen Kraftreserven, die abgeklärte Haltung zu wahren und um uns herum lärmt die jugendliche Menge. Sie drängt zum Pausenhof, denn vor dem Schulgebäude sonnt sich der September trunken im Restsommer.
Einige Zeit lang betrachtet Frau Mayer mich stumm und ich realisiere, dass sie wartet, bis alle anderen Schüler den Raum verlassen haben. Steif stehe ich da, alarmiert bis in die Zehenspitzen.
»Was gibt es?«, frage ich mit aller Freundlichkeit, die ich aufbringen kann und das ist nicht sonderlich viel. Meine Tonlage verrutscht in unnatürliche Höhen.
Anstatt mir zu antworten, fragt Frau Mayer: »Paula, geht es dir gut?«
Meine Kehle schnürt sich zu bei diesen Worten, was bildet die sich eigentlich ein? Verpasst mir erst eine Strafarbeit und denkt tatsächlich, mich hinterher nach meinem Befinden fragen zu können! Meine rechte Hand legt sich auf die linke, verbirgt reflexartig die Wunden an den Fingerknöcheln, die ich heute schon einmal vor jemandem verborgen habe. Aber wenn man sich die Hand ständig bis zum Anschlag in den Rachen schiebt, gibt die Haut unter den nagenden Zähnen irgendwann nach.
»Ja«, entgegne ich bedächtig, aber mein Puls ist auf hundertachtzig. Ich spüre, dass das Eis dünner geworden ist. Ihr harmloser Stimmklang droht an, dass sie unsere Begegnung auf eine zwischenmenschliche Ebene verschoben hat.
»Hast du dich in den Sommerferien denn gut erholen können?«, hakt Frau Mayer nach, nun beinahe sanft und weckt Erinnerungen, die ich alle vergessen haben möchte. Hastig nicke ich.

Eine Welle Unsicherheit schwappt ihr über die Gesichtszüge. Sie hat eine ausführlichere Antwort erwartet. Schließlich war ich im Juli ganze drei Wochen krankgeschrieben und das weckt natürlich Neugierde. Aber das Immunsystem einer permanent Hungernden gibt eines Tages zwangsläufig den Geist auf. Schlussendlich bin vor den Sommerferien gar nicht mehr zur Schule gekommen, weil ich wiedermal mit einer Grippe im Bett lag, während die Welt draußen den Beginn des Sommers feierte. Dazu wurde bei herrlichem Wetter der Grill angeschmissen, meine gesamte Familie war bei Freunden zum Essen eingeladen. Nur ich blieb alleine zu Hause, mürbe vom Fieber. Tagelang hatte ich mich schon durch das Bett gewälzt, traumschwer und schwitzend und frierend zugleich. Mein Sport- und Essensplan war durch die Krankheit völlig durcheinander geraten und wenn ich etwas hasste, dann war das Unruhe in meiner Routine. Meine Tabellen waren bei der Gewichtsabnahme doch meine Konstanten im Leben geworden, die mir Halt gaben. Dabei war meine treuste Gefährtin die Disziplin. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich bis zum bitteren Ende zu begleiten. Aber an diesem einen Tag, ich war von der Grippe emotional zerschlagen, schwächelte sie unter den körperlichen Schmerzen bedrohlich.

Ich warf einen deprimierten Blick auf mein vernachlässigtes Sportprogramm und mich befiel ein leises Gefühl der Sinnlosigkeit. Ob ich wohl zugenommen hatte? Nicht einmal das wusste ich mit Sicherheit, denn Mutter hatte eine Weile zuvor die Waage versteckt. Sie wollte mir das Wiegen nicht mehr zugestehen. Ich saß also auf dem Bett und merkte, dass ich absolut keine Möglichkeit zur Überprüfung hatte und außerdem für eine weitere Suchaktion der Waage, davon gab es natürlich einige, keine Kraft mehr. Und im Moment dieses Gedankens knurrte mein Magen.
Das war der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte, von dem ich gar bisher nicht gewusst hatte, dass es schon lange bis zum Rand gefüllt war. Als meine geschwächte Disziplin die Sturmwelle des überlaufenden Fasses ahnte, flüchtete sie. Die Hoffnung auf mein baldiges Entschwinden aus dem Leben lag eine Sekunde im Zweifel und meine Seele nutzte das, um durch die Rüstung zu brechen. Von innen heraus knackte sie die Schalen meines verbissenen Wartens und kämpfte sich an das Tageslicht. Dort hat das abgemagerte Kätzchen nach Luft geschnappt und mich fürchterlich ausgeschimpft: Was fiele mir eigentlich ein, sie da drinnen einzusperren und mich währenddessen in den Tod zu hungern? Sie hat da wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden!
Ich knickte unter ihrer Anklage ein wie ein Grashalm und keinen Moment später fiel der gebündelte Hunger zweier Jahre über mich her.

In der Einheit meiner Empfindungen

Heute gibt’s ein Video in Anlehnung an den Roman „Bis zum Hals“.
Die Hauptfigur Paula wird darin auf eine Weise mit sich selbst konfrontiert, die nicht immer einfach für sie ist. Und um sie ein bisschen zu unterstützen, und euch vielleicht einen Impuls dazulassen, habe ich etwas zusammengebastelt:

Wo lehnst du dich selbst noch ab, weil du etwas an dir nicht magst?
… Und was, wenn genau diese Anteile unbedingt von dir geliebt werden möchten?
Schau hin. Umarme dich. In ALL deinen Facetten.

 

In der Einheit

Hallo … Ich,
ich weiß, du magst micht nicht
weil du glaubst, nicht gut genug zu sein
und dich deshalb nicht traust, mich mal von allen Seiten anzuschauen

Stattdessen verhältst du dich, als wär ich nicht wichtig,
tust so, als wär was an mir falsch – dabei kennst du mich einfach nicht richtig
Denn die Wahrheit ist, liebes Ich: Du bist heilig
Ja genau, dich meine ich! Mach die Augen auf
all meine Wesenszüge wollen raus

Die traurigen brauchen Verstehen,
die verspielten suchen mein Sehen
und die klugen wollen vielleicht denken,
alle liebenden möchten sich verschenken
an die Welt da draußen und um die Wette laufen

mit meinem Neid, der Wut und dem Hass
darin steckt so viel Kraft
in jedem Gefühl kann ich es spüren
die Lebendigkeit im Kindlichsein und verzweifelt schreien,
in all meinen hässlichen Anteilen

Die gehen doch Hand in Hand mit meinem Lachen,
wollen alberne Sachen machen,
dem Peinlichen zum Trotz
und wenn ich meine Enttäuschung auskotz,
dann bin das immer noch ich, strebe zum ‚Mich‘,
damit du erkennen kannst:
Mein Leben ist ein Selbstbegegnungstanz

Also lauf nicht weg, schau hin!
Was und wer und wie ich alles bin

In der Einheit erst
meiner widersprüchlichsten Empfindungen
und ohne innere Distanz
werde ich ganz

Hereinlassen

Ein Gedicht, das ich geschrieben und mit einem Freund zusammen verfilmt habe

Wir gewannen damit den 1.Platz des Nachwuchspreises beim Athmer Lyrikpreis im Juni 2013

Hier findet ihr die Broschüre mit allen Preisträgern des Wettbewerbs.
Zur Preisverleihung selbst gibt es außerdem noch einen Online Artikel.

ATHMER

Hereinlassen

Das Herz, es klopft so laut
bis in die Fingerspitzen kann ich es spüren.

Und mein Blick, ganz versunken ist er
im Relief vom dunklen Eichenholz.

Es ist ein Bruchteil nur, den ich da warte
von einer einzigen Sekunde.

Und in die Länge zieht sie sich endlos,
zerreißt mir fast den Puls in den Adern.

Hastige Schritte, sie klingen in meinen Ohren
es sind seine, das kann ich spüren.

Die Klinke, sie senkt sich ganz behutsam
und es sind meine Knie, die zittern haltlos.

Denn was hier passiert, das ist alles
aber nicht nur eine Türe, die sich öffnet.

Es ist vielmehr – hereinlassen
in ein Zuhause und ein Herz.

Herr Schmidt

Kurzgeschichte aus dem Januar 2013
Vorgetragen am 17.03.13 auf der Buchmesse Leipzig im Rahmen des Landschreiber Wettbewerbs
Zum Thema „Mit Sprache über Sprache“
(Förderpreis für junge Autoren erhalten)

herrschmidt

Herr Schmidt

Da steht sie. Mit schiefgelegtem Kopf und zusammengekniffenen Augen. Er stattdessen fuchtelt hilflos mit den Armen herum, ganz in der beharrlichen Annahme, es würde seinen leeren Worthülsen mehr Inhalt verleihen.
Kraftlos sieht sie aus dem Fenster und ihr Blick fällt auf den grauen Alltag: Das Blumenbeet ist auch diese Woche wieder leer geblieben. Einen Garten voller Rosen, das war der Traum gewesen. Nur wann hatte sich seiner eigentlich von ihrem getrennt?
„Jonas … „, entgegnet sie besänftigend, doch das matte Lächeln ist lange nicht mehr echt.
„Nein, echt – nein! Nein, das geht zu weit. Ich bin einfach grundsätzlich immer schuld, oder? Da kann ich auch gleich an eine Wand hinschwätzen und es hätte denselben Effekt.“
Mina schüttelt noch entschuldigend den Kopf, doch er ist schon zur Tür hinaus veschwunden.
Just in diesem Moment streift der besorgte Blick des Nachbarn die Szene – wie sie da so traurig im Türrahmen lehnt und er ungestüm das gemeinsame Grundstück verlässt. Es ist das dritte Mal in dieser Woche. Auf seiner Stirn bilden sich eine Reihe Falten und ein mitleidiges Seufzen verlässt seine Lippen, bevor er sich wieder dem Leeren des Briefkastens zuwendet.
Mina schließt leise die Türe hinter sich, rutscht an ihr herunter, zieht die Knie an den Körper.
Es ist ja nicht so, als würden sie nicht miteinander sprechen. Und der Beziehungsratgeber betont doch immer: Streiten ist gesund!
Sie streiten viel. Oft. Reden stundenlang. Über sich und die Welt und die Beziehung – und trotzdem kommt rein gar nichts dabei herum.
Schon bald hat Mina begonnen, sich damit zu beschäftigen. Es kann schließlich nicht sein, dass man zwar den lieben langen Tag mit reden zubringt, aber doch nie das Gefühl hat, man hätte miteinander kommuniziert. Was fehlt ihnen?
Also hat sie sich informiert: Über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun.
Nicht mit zwei, sondern mit vier Ohren hört man alles, behauptet der nämlich. Lang und breit wird erklärt, wie die Anatomie der Sprache aufgebaut ist, was Metakommunikation und die Kongruenz von Nachrichten bedeutet. Warum Frau gleich austickt, weil sie sich kritisiert fühlt, wenn Mann mit: „Sag mal, wo hast du denn das Brot her?“ kommt und dabei doch nur wissen möchte, bei welchem Bäcker sie es gekauft hat. Weshalb jede Botschaft auch eine Selbstoffenbarung und „Schön, dass du die Spülmaschine mal wieder ausgeräumt hast“ eigentlich eine Aufforderung ist.
Mina seufzt. Und wenn sie schließlich keine Lust mehr haben über die Sache selbst zu reden, reden sie halt darüber, wie sie miteinander darüber reden.
Ihre Augen wandern durch den Raum; in der Wohnung herrscht dasselbe Chaos, wie in ihrer Beziehung. Nichts ist mehr in Ordnung – und irgendwann fehlt dann einfach die Kraft noch weiterzumachen. An guten, wie an schlechten Tagen, hat der Pfarrer verkündet und Paartherapie ist das aktuelle Streitthema.
„Was – um rumzusitzen und noch mehr zu reden und dafür auch noch Geld hinzulegen, damit uns einer dabei zuhört?!“, nein, Jonas war alles, aber nicht begeistert von der Idee.
Mina rafft sich auf und verschwindet im Bad, wäscht sich die salzigen Spuren ihrer letzten Auseinandersetzung mit kaltem Wasser aus dem Gesicht. Anschließend geht sie ins Wohnzimmer – und bleibt einen Augenblick lang bewegungslos stehen, während sie die Unordnung stumm betrachtet.
Eine Art Fluchtreflex flüstert ihr reizvoll zu, dass sie dieses Schlachtfeld ebenfalls verlassen sollte. Mit spitzen Lippen und lieblichem Klang in der Stimme verspricht er ihr eine verlockende Leichtigkeit. Einfach gehen. Lass die Trümmer doch Trümmer sein. Mina zögert.
Die Sekunde dehnt sich aus, verwandelt sich in eine unschlüssige Minute, in eine ausharrende Stunde. Wie ein Stein liegt die Entscheidung auf ihrem Herzen, wiegt mit jedem Moment schwerer.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie schnappt sich den Staubsauger und dreht die Musik laut auf. Es ist endgültig an der Zeit etwas zu tun!
Binnen mehrerer Stunden putzt sie sich einmal komplett durch die Wohnung. Die Geschirrberge in der Küche werden von Minute zu Minute kleiner, die Klamotten verschwinden in der Waschmaschine, der Müll findet den Weg in die Tonne. Ihre Putzodyssee führt sie einmal durch ihr ganzes Zuhause. Die Bettwäsche wird gewechselt und alte Zeitschriften fliegen raus, abgelaufene Lebensmittel und verjährte Zettelwirtschaft auch.
Mit dreckigen Händen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und niest den aufgewirbelten Staub aus der Nase. Ein leichtes Gefühl macht sich in der Magengegend breit und schließlich hüpft sie erschöpft und beschwingt zugleich unter die Dusche.
Erst der anschließende Blick auf die Uhr trübt ihre Stimmung wieder augenblicklich: Kurz nach elf Uhr abends. Sie hat gar nicht mitbekommen, wie der Tag seinem finsteren Ebenbild gewichen ist. So lange ist Jonas noch nie weggewesen, denkt sie niedergeschlagen und weiß noch nicht, dass er in dieser Nacht auch nicht mehr zurückkehren wird.

Auf den Stufen zur Tür sieht er sie sitzen, schon frühmorgens um sieben. Er ist ein aufmerksamer Nachbar; er weiß, dass sie gestern bis lange in die Nacht wach war – das Licht ist doch angewesen bis um halb drei.
Mit dampfendem Kaffee in den Händen kommt er um kurz nach acht zu ihr herüber.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt er besorgt. Mit hängenden Schultern blickt sie ihn an.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht. Jonas ist nicht heimgekommen“, erwidert Mina mit müder Stimme. „Er hat angerufen. Er wird es auch nicht mehr.“
„Nicht heimgekommen“, schmunzelt ihr Nachbar nur und lächelt sie sanft an. „So wie es aussieht, ist es doch schon lange kein Zuhause mehr. Zumindest nicht das einer Beziehung.“
“ … wie bitte?“, halb erschrocken, halb verwirrt sieht die junge Frau den Mann mit den dunklen Haaren an. Die tiefblauen Augen halten ihrem Blick mühelos stand.
„Bist du denn traurig darüber?“, fragt dieser statt einer Antwort.
„Ich weiß es gar nicht“, antwortet Mina wahrheitsgemäß. „Ich bin nur so schrecklich erschöpft. Ich mag nicht mehr reden und ich mag auch nicht mehr das Gefühl haben, dass sich rein gar nichts bewegt.“ Mit einem Nicken überreicht Herr Schmidt ihr den Kaffee und verabschiedet sich dann abrupt. Dankbar über das heiße Getränk schaut Mina ihm nach, wie er im gegenüberliegenden Haus verschwindet. Wann hat ihr zuletzt jemand einen Kaffee gebracht?

Am nächsten Tag, als Minas Blick wie jeden Morgen aus dem Fenster und auf den Alltag fällt, ist dieser plötzlich nicht mehr ganz so grau. Da steht etwas.
Mit schlagendem Herzen eilt sie hinaus in den Garten und bückt sich hinunter zu der roten Blume, die da einsam in ihrem Beet auf sie wartet.
Daneben liegt ein Zettel. Eilig faltet sie ihn auseinander:
Ich weiß, wir kennen uns kaum, doch Zuwendung verlangt das auch gar nicht. Ich möchte dir eine Blume schenken. Habe nämlich vor einer Ewigkeit mal gehört, wie du darüber mit ihm geredet hast – über Blumen im Garten. Ich möchte mich auch gar nicht einmischen, dir nur sagen:
Am allerwenigsten haben Worte mit Sprache zu tun.
Die rote Lilie steht für Entschlossenheit und Tatkraft – mögen ihr noch viele folgen,
Herr Schmidt

Erstaunt liest sich Mina die kurze Nachricht mehrmals durch. Und versteht auf einmal ganz viel … und vor allem, was ihr und Jonas gefehlt hat.
Sie sieht hinüber zum Haus auf der anderen Straßenseite: Bisher hatte sie sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wie ihr Nachbar eigentlich mit Vornamen heißt.

Kein Mensch ist illegal

Kurzgeschichte vom 26.10.12
Vorgetragen am 13.12.12 beim Finale von „Mach dein Ding gegen Rechts“

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Kein Mensch ist illegal

Rennen. Seine Hand umschließt ihre ganz fest.
Mit seinen langen Beinen muss Atul nur einen Schritt machen, wenn sie schon zwei braucht. Der Atem geht schwer in der Winterkälte, die eisige Luft brennt in den Lungen.
„Atul!“, keucht sie und ihre Stiefel knirschen im frisch gefallenen Schnee. „Nicht so schnell!“
Doch er gibt nicht nach, wird sogar eine Spur hastiger. Für den Moment dreht er ihr das Gesicht zu, sein breites Grinsen ist herausfordernd. Es sagt; Fang mich, wenn du kannst! und das obwohl ihre Hände einander doch bereits fest umklammert halten, als hinge ihr Leben davon ab.
Wie ein junges Fohlen mit unverhältnismäßig langen Beinen, springt Atul in immer größeren Schritten über den Schneeteppich, die Füße in den halbhohen Turnschuhen längst durchnässt. Sie hängt stolpernd an seinem Arm und versucht ihr Möglichstes, nicht zu fallen.
Bleib endlich stehen, ich will dich küssen!, möchte sie schreien, doch traut sich nicht.
Stattdessen bleibt sie abrupt stehen, stemmt die Füße in den Boden. Nicht empfehlenswert. Mit einem Ruck wird Atul herumgerissen, ihre Finger sind schließlich felsenfest miteinander verkettet. Heftig prallen sie aufeinander und fallen am Ende beide umstandslos in den Schnee.
„Hast du dir was getan?!“
„Hast du dir was getan?!“
Erschrocken blicken sie sich an; einen Moment lang herrscht fassungslose Stille, dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Sanft rollt sich Atul auf sie, seine Augen blitzen freundlich. Eine seiner Locken hängt direkt zwischen ihren Gesichtern und fasziniert dreht sie die feinen Haare um ihren Finger, streicht sie vorsichtig hinter sein Ohr zurück.
„Shhht, Sema“, flüstert er zaghaft. „Kannst du den Schnee fallen hören?“
„Nö“, erwidert sie prompt und lacht, streckt die Zunge raus, schnappt nach den weichen Flocken, die freudig vom grauen Himmel herabtanzen.
Es ist still. Ja, fast friedlich. Und während Semas Hose langsam durchnässt, breitet sich stattdessen ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus; es gelangt in alle Zehen und bis in die Fingerspitzen, fließt durch jede Faser ihres Körpers -“ wie eine vollkommene Glückseligkeit. Für den einen Moment ist alles perfekt. Da ist nur sie und Atul und der Schnee und die Kälte. Und was diesen Moment so schön macht, ist vielleicht gerade die Abwesenheit des ganzen verdammten Restes der Welt -“
da gäbe es zum Beispiel Herrn Fritz, den sie jeden Morgen freundlich grüßt und der jeden Morgen so tut, als hätte er sie nicht gehört. Manchmal sieht er sie sogar an, wenn er Tag um Tag seinen zu dicken Hund ausführt. Doch der flüchtige Seitenblick gilt nicht wirklich ihr, er ist nur ein verächtliches Abfertigen, wenn seine Augen abschätzig ihr Kopftuch streifen, als wäre es eine Krankheit. Manchmal fragt sie sich, ob er gar absichtlich das Haus um die exakt selbe Uhrzeit verlässt, die sie sich auf den Weg zur Schule macht; ob er es wohl genießt, ihr jeden Morgen nicht zu antworten. Aber ihre Mutter besteht darauf, dass sie freundlich zu den Menschen ist, ganz gleich, wie diese sie auch behandeln mögen.
Du wirfst ein schlechtes Licht auf alle Türken in Deutschland, wenn du dich unhöflich verhältst! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ihre Gastfreundlichkeit zu schätzen wissen, dass wir es auch verdient haben, hier zu sein!, zetert sie dann los und keiner weiß, warum sie sich jetzt über ihre Tochter aufregt, die niemals auch nur irgendjemandem Respektlosigkeit entgegen gebracht hat.
Welche Gastfreundlichkeit…? denkt Sema in solchen Augenblicken traurig und: Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort bin? Warum muss ich wem was beweisen, wenn meine Füße doch immer noch auf genau demselben Erdboden stehen, wie die aller anderen Menschen auch?
Ihr Vater stattdessen will von alledem nichts wissen; Du bist hier geboren, Sema! Wir SIND Deutsche!, sagt er oft und sieht ihre Mutter fast ein bisschen böse an.
Jaaa klar doch, ich bin Deutsche, aber einen Bikini lässt er mich trotzdem nicht tragen und meine Haare darf ich nicht offen zeigen und was passiert, wenn er wüsste, dass ich mich mit einen indischen Jungen treffe, will ich gar nicht wissen!, denkt sich Sema dabei nur. Was für leere Worte.
Atul rollt sich von ihr herunter und starrt in den wolkenverhangenen Himmel.
„Worüber denkst du nach?“, fragt er sie leise.
„Ach, es ist nichts“, erwidert Sema geknickt. „Nur die Welt. Nein, nicht die Welt; es sind die Menschen. Sie machen alles so schrecklich kompliziert. Sie teilen die Welt in Länder und schaffen Grenzen, die vorher nicht da waren -“ und jetzt scheint es keinen Ort mehr zu geben, an dem es in Ordnung ist, wenn du in mich verliebt bist und ich in dich. Aber wie kann das sein, wie kann das nicht in Ordnung sein?“ Und sie kann nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen.
„Nein, Sema, weine doch nicht“, bittet Atul verzweifelt und seufzt tief.
„Weißt du“, sagt er. „Weißt du, das ist wie mit den Schneeflocken. Menschen wissen nur, was sie sehen -“ und wenn das, was sie sehen, anders ist, als das, was sie kennen, dann bekommen sie Angst. Warum haben Menschen keine Angst vor Schneeflocken, Sema?“
„Ich … weiß nicht? Warum sollte man auch? Sie sind alle weiß und harmlos und -„, antwortet Sema, doch Atul unterbricht sie: „Genau, ganz genau! Sie sehen alle gleich aus. Man guckt sie an und sie sind alle klein und weiß! Aber du weißt doch, dass jede dieser Schneeflocken eigentlich einizgartig ist, nicht wahr? Dass wenn du sie unter dem Mikroskop ansiehst, keine mehr der anderen gleicht.“
„Ja, das weiß ich“, haucht Sema verwirrt, weiß nicht, worauf er hinausmöchte.
„Und das ist genau umgekehrt wie bei den Menschen“, fährt Atul fort. „Wir sehen nicht alle gleich aus, wir sind bunt; mit dunkler und heller Haut, runden und ovalen Augen und haben in fünfzig verschiedenen Sprachen fünfzig verschiedene Wörter -“ für ein und dieselbe Sache. Aber im Herzen sind wir alle gleich.“
Vorsichtig fängt er ihre Tränen auf, wischt sie fort. Sema lächelt. „Wusstest du, dass weiß die Summe aller Farben ist?“, fragt sie ihn leise. „Weiß ist eigentlich selbst gar keine Farbe. Weiß ist, wenn dein Auge das Gemisch aus Farben nicht mehr trennen kann und es zu einem Einzigen zusammenfügt -“ dann siehst du weiß. Weiß ist eigentlich bunt.“
„Schneeflocken sind weiß“, sagt jetzt Atul und Sema nickt: „Und Menschen sind Schneeflocken. Ein einziges buntes Gemisch, das am Ende doch nur weiß ergibt.“
Sie grinsen sich an. Und Sema versteht: Es ist tatsächlich alles perfekt. Denn es gibt einen Ort an dem es in Ordnung ist, wenn Schneeflocke Atul in Schneeflocke Sema verliebt ist und umgekehrt. Der Ort ist hier und der Augenblick jetzt. Und was den Moment so perfekt macht, sind sie beide. Atul und Sema und das Gefühl von Zuneigung, was sie beide verbindet; die universelle Sprache der Liebe. Weiß und bunt gleichzeitig, einzigartig und ohne Grenzen.
Was den Moment so perfekt macht, ist gar nicht die Abwesenheit aller anderen Menschen, denn die ist völlig egal; die einzigen beiden, die es etwas angeht, was zwischen ihnen passiert, liegen doch ohnehin schon hier beieinander in der schneebedeckten Wiese und küssen sich jetzt liebevoll. Und die Erde unter ihren Körpern ist dieselbe, auf der alle restlichen Menschen dieser Welt auch herumwandern. Exakt dieselbe.
Da gibt es keinen Grund, warum es nicht in Ordnung sein könnte. Denn es ist in Ordnung.
„Und nur das müssen sie noch lernen“, flüstert Sema gedankenverloren sich selber zu, streckt die Zunge raus und schnappt wieder nach den tanzenden Schneeflocken.