Liebes Schreiben

Danke für deine eindringlichen Worte! 

Du hast völlig recht, es ist höchste Zeit, die Nase zur Sonne zu strecken, sich rauszutrauen und mal wieder was zu wagen! Und wenn sogar der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg davon überzeugt ist, wie sollte ich es nicht sein?

Lange genug hab ich im Dunkeln gesessen und daran rumgebastelt. Solange gegossen, bis es keimte und weitergepflegt, bis ein Pflänzchen daraus geworden ist. Mich von einer Korrekturschleife zur nächsten gehangelt, bis Wurzeln geschlagen waren und dann den Durchbruch geschafft. Raus aus dem ewigen Erdreich, rein ins Leben!
Damit der neue Roman sich im Licht sonnen kann, bis er blüht und Früchte trägt:

 „Bis zum Hals“

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Meilensteine

Juni 2017 Veröffentlichung des Romans „Bis zum Hals“

Mai 2017 Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg

Dezember 2016 selbst verfasstes, geprobtes, organisiertes und schließlich aufgeführtes Weihnachtstheaterstück in Stuttgart

Februar 2016 1. Platz Förderpreis des vierten Landschreiberwettbewerbs

Februar 2015 1. Platz Förderpreis des dritten Landschreiberwettbewerbs

Oktober 2013 AE-Johann Preis (1.Platz in Altersgruppe 2)

Juni 2013 Jugendpreis des Athmer Lyrikpreises in Arnsberg (1.Platz)

Februar 2013 1. Platz Förderpreis des ersten Landschreiberwettbewerbs

Dezember 2012 Finale von „Mach dein Ding gegen Rechts“

Juni 2010 4. Platz beim Stuttgarter Jugendlyrikpreis

Wie hart kann man eigentlich zweifeln?

 

Liebe Janina,

wir müssen reden. Unsere Beziehung funktioniert so nicht. Ständig zweifelst du meine Daseinsberechtigung in deinem Leben an. Wie soll ich mich mit dir gut fühlen, wenn du dir alle zwei Minuten wieder unsicher darüber bist, ob wir beide überhaupt zusammenpassen? Du behauptest zwar, dass du mit mir fliegen willst, lässt dich aber von einem Atemstoß des Gegenwindes bereits umpusten.

Doch Beziehungen sind Pflanzen, sie sind wie alles andere Lebendige auf diesem Planeten auch: auf eine gewisse Kontinuität angewiesen. Ohne sicheres Fundament kann es niemals Spielraum und auch kein freies Entwicklungsfeld geben. Die ständigen Beben deiner Zweifel begraben jedes zarte, hoffnungsvoll grüne Stängelchen direkt wieder unter einer fetten Staubschicht der Niederlage, versenken es im ewigen Erdreich der Möglichkeiten. Dort bleibt es ein Könntewäremöglichvielleichtspäter. Natürlich, was man nicht hat, kann man nicht verlieren, was man nicht großzieht, kann nicht zerstört werden. Außerdem muss man sich dann niemals fragen, ob man nicht vielleicht lieber einen anderen Baum gepflanzt hätte, sagen wir eine Araucaria araucana, eine Andentanne. Klingt ja auch viel aufregender, als: Buche. Dann muss man auch garantiert keine Wachstumsschmerzen ertragen und vor allem niemals Höhenangst, falls das mit dem Wachsen tatsächlich geklappt hätte.
Aber ich hoffe, du weißt, der Preis deiner Unbeständigkeit ist das dunkle Träumerdasein unter der Erde. Da kann man sich zwar gefahrlos ausmalen, wie farbenfroh die Welt da draußen wäre, doch mit allen Sinnen erfahren wird man sie nie. Davon mal abgesehen, gibt es da unten die Wühlmäuse der verpassten Chancen. Am Anfang nagen sie vielleicht nur ein bisschen an dir, wenn sie leise nachfragen, was gewesen hätte sein können, wenn du damals nur mal noch einen Schritt weiter gegangen wärest … doch ich verspreche dir, eines Tages wirst du völlig zerfressen von ihnen sein. Natürlich kannst du hier trotzdem im Dunkeln sitzen bleiben, das ist deine Entscheidung, denn:

Ja, du bist ein geistiges Wesen, ein Stück Stille, und in der Stille nicht mal mehr ein Stück, sondern ein Ganzgewordenes mit allem anderen um dich herum. Aber nein, du bist eben nicht nur Geist, sondern: Ja, du bist ein körperliches Wesen.
Im Atombausetzkasten der Welt zusammengebastelt, nach physikalischen Gesetzen geformt und mit all dem Pipapo, den dein Verstand so gerne in allen Einzelheiten zerpflückt, nur, um dann doch niemals aufzustehen und tatsächlich loszugehen.

Ja. Auch Zweifel haben ihre Daseinsberechtigung, wenn sie ein konstruktives Be-Denken sind. Es ist wichtig, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, ob sich das Zusammenleben für einen noch stimmig anfühlt, oder ob man es vielleicht verändern oder gar aufgeben muss. Aber deine Unschlüssigkeit, liebe Janina, das ist kein produktives Hinterfragen, sondern einfach derb langweilig gewordenes Beziehungsdrama – ständig erstickst du unsere Saat im Keim!

Wenn du fremde Prachtbäume dazu benutzt, unseren kleiner zu reden, als er ist.
Wenn du dich nach verblühter Vergangenheit umdrehst und dir die Zukunft ausredest.
Wenn du plötzlich zu träge zum Gießen bist und alles Entstandene vertrocknen lässt.
Wenn dir die Gegebenheiten ständig nicht mehr passen, du das ganze Pflänzchen aus der Erde reißt und woanders versucht, wieder reinzustecken.
Wenn du bei jedem Missgeschick den Mut verlierst und über alles drüber trampelst.
Wenn du dich nach den Beschnittwünschen der anderen richtest und dann alles kurz und klein schnippelst. Und dann behauptest, dass du halt einfach nicht gärtnern kannst.

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Gut, wenn du dir das alles einreden magst, ist das deine Sache – nur, hör dann auf, uns beide zu sabotieren und lass mich in Ruhe. Für mich ist so ein künstlich kleingehaltener Bonsai einfach nichts. Ich wünsche mir einen richtigen Baum, den wir gemeinsam großziehen. Eine simple und solide Buche. Damit ich eines Tages in dieser Baumkrone sitzen kann und mich darin vom Wind bewegen lassen und glaub mir, das Gefühl kommt dann schon ziemlich nah an Fliegen ran. Ich wünsche mir die schwindeligen Höhen der Freiheit und die frischeste Entwicklungsluft, einen breiten Stamm zum Anlehnen, ich wünsche mir ein zweifelfestes Blätterdach. Und ich wünsche mir ein Beziehungsgeflecht mit starken Ästen als Grundfesten der kreativen Entfaltung des Detailverzweigten, denn es will sich endlich ausbreiten und kleine Früchte tragen.

Und wir beide, wir gehören natürlich zusammen, wenn wir nur beide überzeugt davon sind! Das Leben hat diese enorme Anziehungskraft zwischen uns garantiert nicht geschaffen, damit wir an ihr scheitern. Sondern, um sie zu meistern.
Also, bitte. Du willst wirklich mit mir fliegen?
Dann werde bodenständig.

Denn ohne Baum kann es auch keine Buch-Eckern geben.

In Liebe,
dein Schreiben

Blödsinn

Blödelei für Jonas.
In jedweder Hinsicht.

Blödsinn ist das halbe Leben, wenn die andere Hälfte aus Unsinn besteht. Manchmal beschleicht mich auch der Wahnsinn, aber der weigert sich, prozentual ausgedrückt zu werden. Er nistet lieber zwischen den Lücken der grauen Zellen und brütet eine Schnapsidee nach der anderen aus.
Aber ist das schon Blödsinn,

wenn man sich Ringe ansteckt und dadurch heiler fühlt,
wildfrei Leute anspricht, weil man Menschen gerne mag,
oder um Mitternacht in einen See springt.
Wenn man sich dafür entscheidet, dass immer alles gut ist,
einfach so, weil man das glauben mag,
wenn man sich dem Universum in die Arme schmeißt und sagt:
Ja bitte, hier bin ich. Ich habe keine Ahnung, führe du mich.
Wenn man Küsse wie Flyer verteilt auf denen Freude steht und
seinen Gedanken weniger Bedeutung beimisst als der Intuition.
Wenn man Launen niederringt und einen Schatz in der Disziplin findet,
wenn man weitermacht, obwohl es keine Garantie auf den nächsten Moment gibt,
aber man das Ängstliche im Menschenwesen tatsächlich zu lieben gelernt hat
und seinen Schmerz umarmen kann wie ein kleines Kind.

Ja, vielleicht ist das ein bisschen blödsinnig,
sich mit Todesangst auf eine Schienenbahn zu schnallen, nur um siebzig Meter in die Tiefe zu stürzen (und Spaß daran zu finden).
Die ganze Nacht zu vertanzen, bis man nur noch eine Stunde Schlaf übrig hat und danach auf große Reise geht.
Oder die Schule gegen einen Traum einzutauschen.
Beim romantischsten Lied einen Lachanfall zu kriegen und alle anderen damit anzustecken,
um vier Uhr früh aufzustehen und einen Berg hochzuradeln, damit man dem Sonnenaufgang entgegen tanzen kann (… oder lieber gleich dort übernachtet und mitten in der Nacht von der Polizei geweckt wird, weil man im Weg rumliegt).

Aber ist das nicht auch Blödsinn,
zu glauben, man käme tatsächlich irgendwo anders an als am Ende?
Oder irgendetwas auf dieser Welt gehöre einem,
wenn man doch sogar sich selbst nur vom Leben geliehen hat.
Ein Dagegen zu suchen, statt einem Dafür oder
genügend Lebensmittel für alle Menschen zu produzieren und die dann nicht richtig aufzuteilen,
seine eigene Gattung als die Krönung der Schöpfung zu betiteln und deshalb
Tiere als weniger wertvoll zu empfinden oder Kinder und Alte nicht ernst zu nehmen.
Gegenstände anzuhäufen, die alle verwelken wie du selbst und
sich über Religion zu streiten, wenn es im Kern doch immer um das Gleiche geht.
Grenzen zwischen Ländern zu ziehen, wenn unsere Füße alle auf derselben Erde stehen
oder Menschen nach Nationalitäten und Geschlechtern zu unterscheiden.
Lebensmittel in Plastik zu verpacken oder Sachen zu essen,
von denen man gar nicht weiß, was drin ist.
Zu vergessen, welch Privileg es ist, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können (Alter Schwede, die Menschheit hat schon krasse Sachen ermöglicht) und
zu verdrängen, welch Potential dem innewohnt, wenn wir uns miteinander verbinden
zu zweit, zu dritt, zu viert, zu achtmilliardenst –
ein kollektives Bewusstsein, das die Welt aus den Angeln hebt.

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Darum, lieber Jonas,
wenn du mich fragst, was Blödsinn ist,
dann lautet meine Antwort:

Das können wir zum Glück selbst entscheiden.
Auch, welchen wir mitmachen wollen.

Widersprüche im ewigen Kreis

Das menschliche Dilemma der Paradoxa.
Unser Beurteilungsvermögen ist durch Gegensätzlichkeit geprägt. Wir werten, indem wir miteinander vergleichen – und haben dadurch eine Welt der Kontraste gebaut. Schön hässlich, angenehm schmerzhaft, hell dunkel, wahnsinnig klar.
Diese Fähigkeit zur Differenzierung ist in der Tat ziemlich nützlich, um Entscheidungen zu treffen. Da hat unser Gehirn wiedermal einen klugen Schritt weiter gedacht. Indem wir Zustände durch Bewertungen nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch miteinander in Relation setzen können, haben wir ein extrem machtvolles Werkzeug zur Hand, um selbstständig gute Wahlen für unser Leben treffen zu können. Wir können damit über gemachte Erfahrungen reflektieren, sie einsortieren und entscheiden, wie wir die Zukunft vor diesem Hintergrund gestalten möchten.

… Aber die Medaille hat natürlich zwei Seiten (wie sollte es auch anders sein, genau das meinte ich ja, mwuah). Denn die Bewertungsgabe nimmt uns logischerweise die Neutralität. Und das ist für mich die naturgegebene Grenze des menschlichen Verstandes – er kann super differenzieren und bewerten, aber er bleibt darum verhaftet in seiner Gegensätzlichkeit. Mit dem Verstand schaffe ich die Grenzen, kann sie aber nicht auflösen.
Denn was er nicht fassen kann, ist der – ich nenne ihn liebevoll – weltliche Einheitsbrei. Äh hä? Ja warte, ich erklärs gleich. Nur Geduld. Von vorne:

 

Form vergeht.
Brechen wir es mal herunter auf die krassesten beiden Pole. Da ist die Geburt, welche dem Tod gegenüber steht. Ich wette, dein Verstand hat da außerdem direkt Bewertungen für anzubieten. Vielleicht wird der Tod schon im ersten Eindruck weniger angenehm wahrgenommen als der Gedanke an ’neues Leben‘.
Wir wissen zwar theoretisch, dass es das Eine ohne das Andere nicht gibt, aber zumindest mein Kopf zieht schnell eine Grenze und sagt: Ooh, da aus dem Samen wächst ein neues Pflänzchen, wie schön, jaaaa. Was, da hinten liegt ein toter Vogel? – Bleib mir bloß weg damit!

Geburt und Tod sind also zwei scheinbar unvereinbare Gegenteile. Wäre da nicht etwas zwischen ihnen, einen Moment, ich glaube, es hieß: Leben.
Und dieses mysteriöse Leben scheint die zwei Worte sogar sehr zuverlässig miteinander zu verbinden.
Macht unser Verstand eine Trennung zwischen Geburt und Tod? Ja.
Gibt es aber eine reale Trennung, wenn diese beiden Zustände doch so unleugbar durch das Leben miteinander verbunden sind? Es gibt den einen Zustand ohne den anderen schließlich nicht.

 

Im ewigen Kreis.
Jaa, für den Verstand ist das schwer begreiflich – der findet natürlich, dass das zwei völlig verschiedene Dinge sind. Aber trotzdem existiert doch beides auf dieser Welt, im selben Augenblick stirbt etwas und gleichzeitig wird etwas anderes geboren. Um dem einen Hut aufzusetzen: Das Andere wird sogar aus und auf der Asche des Einen geboren.
So entsteht der fast komische Widerspruch, dass ich Brennesseln sammele, die wochenlang im Wasser ertränke, bis sie sich völlig aufgelöst haben und damit schließlich anderen Pflanzen beim Wachsen (also geboren werden) helfe. In dem Fall nennen wir das Düngung und haben wenig Bedenken – aber wenn es darum geht, dass auch menschliches Material vergilbt (Wirf mal einen Blick in den Spiegel, da kann man jeden Tag live zugucken, wie das passiert) und sich am Ende mit der Erde vereint, zu Staub wird und neues Leben darauf wächst … dann fühlt sich das plötzlich gleich viel bedrohlicher an.

 

Müll existiert nicht.
Damit zurück zum weltlichen Einheitsbrei: Der entsteht nämlich für mich, wenn man dieses Phänomen einmal aus der Ferne betrachtet. Etwas entsteht, wächst, befruchtet, gedeiht, blüht, tanzt, verwelkt, stirbt, zerfällt in seine Einzelteile, wird Staub und ist dann Nährboden, entsteht, wächst … blablabla. Es ist – ein Kreislauf. Ein Kreislauf, dem ständig neue Formen entspringen: Dinos, Steine, Tulpen, Menschen, Schnee, Walnüsse, Schnecken, Palmen, ihr versteht vielleicht, was ich meine.
Nichts auf dieser Erde geht verloren, alles ist immer da. Es verändert laufend seine äußere Form, aber die Essenz verschwindet niemals. Deshalb ist das Konstrukt des Mülleimers eigentlich auch Schwachsinn, denn er birgt diese verlockende Illusion, man könne etwas ‚loswerden‘. Quark! Wir sind ein irrer Verwertungskreislauf, aber nichts kann tatsächlich vernichtet werden, alles ändert nur seine Form.
Natürlich kann man einen Wald niederbrennen, aber seine Essenz liegt dann trotzdem noch auf dem Boden, ist in der Luft, hat völlig den Zustand verändert, aber ist niemals weg im Sinne von nicht-mehr-existent. Na klar ist da noch etwas existent, nur halt: Anders.

Der Verstand kann das aber nicht wirklich begreifen. Er kann es gedanklich nachvollziehen, wenn ich sage, dass sich nichts in Luft auflöst und in der Asche die Überreste des Baumes sind – aber er kann es nicht be-greifen. Was vermutlich damit zusammenhängt, dass der Verstand keine Hände hat. Damit sind wir dem ganzen Geheimnis schon ziemlich nah gekommen: Das Wesentliche kann man eben nur fühlen. Manchmal mit den Händen. Manchmal anderweitig. Aber …

 

… der Verstand hat keinen Zutritt zum Mysterium. (Veit Lindau)
Das skeptische Naturell unseres Verstandes entspricht einer seiner größten Fähigkeiten: Er ist begrenzt. Für ihn wird im Tod wahrscheinlich immer eine gewisse Bitterkeit liegen (und das ist auch okay), aber da sind wir wieder mitten im menschlichen Dilemma angelangt: Das Leben ist schrecklich paradox, wenn man versucht, es mit dem Kopf zu kapieren. Alles steckt voller Widersprüche.

Eine Ebene tiefer gibt es die nicht mehr. Löst man die Bewertungen der Dinge auf, verschwimmen mit ihm die Grenzen zwischen den einzelnen Formen. Dann ist Geburt und Tod untrennbar miteinander verbunden, denn das Leben zieht eine Brücke zwischen ihnen. Dann gibt es Zeit nicht mehr als Gestern-Heute-Morgen, sondern sie wird zum allgegenwärtigen Jetzt. Dann gibt es nicht mehr dich und mich, sondern bloß noch diesen Funken Bewusstsein, den wir miteinander teilen.

In dieser Bewertungsfreiheit liegt wahrer Frieden begraben. Es gibt kein Gut und Schlecht, denn alles I S T. Bewertung ist ein Konzept, das man auf die Realität drauflegen kann und der sehr viel Nützlichkeit innewohnt, aber gemäß seiner Dualität auch ein Schatten. Der Schatten, das alles zwei Seiten bekommt. Eine helle und eine dunkle.

Dem Leben selbst ist das vollkommen egal. Das Leben lebt. Es lebt, wenn wir es scheiße finden und es lebt, wenn wir es gut finden. Es lebt, wenn wir geboren werden und es lebt weiter, wenn wir sterben. Ist das schlimm? Nur, wenn wir es bewerten.

 

Ein Fazit.
An dieser Stelle möchte ich das Wunder des Verstandes noch mal huldigen. Denn es passiert mir öfter, dass ich mit meinem Kopf im Streit liege, weil er Sachen bewertet – ich deswegen schlechte Laune habe und mich darüber aufrege, dass er alles immer gleich bewertet. Alter, der kann so ne Nervensäge sein. Dabei will ich doch nur Frieden.

Aber es ist eine sehr, sehr mächtige Fähigkeit, dass wir werten können. Wir können unseren Verstand damit sehr bewusst einsetzen und ihn als Instrument benutzen, um auf dieser Welt die Formen zu erschaffen, die uns guttun.
Denn: Es gibt keinen Müll! Nichts verschwindet! Und wenn wir tonnenweise Material zu Plastik verarbeiten, haben wir diese Formen zwangsläufig eine Weile (und diese Weile wird unser eigenes Leben wohl deutlich überschreiten) auf unserem Planeten.
Ja, auch Plastik ist ein immens praktischer Stoff, aber da greift wieder die Zweiseitigkeit der Medaille (woah, wie oft denn noch heute? …. Ne im Ernst, guckt mal in deinem Alltag, da findet man dieses Prinzip ständig. Wie oft kannst du es für dich zum Besten nutzen?).

Deshalb liebe ich meinen Verstand dafür, dass er differenzieren kann und auf diese Weise unsere Erde aktiv mitgestalten. Mein Konsumverhalten entscheidet grundlegend mit, welche Formen diese Welt weiterhin zum Vorschein bringen wird. Deshalb kann man sich überlegen, welche Formen man gerne mag.
… Strumpfhosen? Bäume? Gras? Tontöpfe? Geschlachtete Schweine? Taschentücher? Bananen? Cola? Zahnbürsten und wenn ja, wie viele?
Egal was. Alles, was du berühren kannst, ist eine Form.
Gefällt sie dir? Magst du, dass sie weiter Bestand hat? Was für Konsequenzen hat diese Form? Gefallen dir die wiederum?
Und so können wir unseren Verstand richtig fett geil dafür einsetzen, auf diesem Planeten die coolsten Formen zu formen, die uns einfallen. Oder auch das Gegenteil. Ist unsere Entscheidung. Dafür haben wir schließlich einen Verstand.

… und manchmal relativiert der sich sogar von ganz allein:

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Ooooh, ne Katzeeee. Aaah, die liegt ja schon wieder in meinen Pflanzen!! Die soll doch ni- aah, egal. Verdammt, ist die süß.

Loslassen tut weh – wirklich?

Wieso Loslassen, wenn ich es auch festhalten kann!
Das war ein zentraler Grundsatz in meinem Leben
… der in vorhersehbaren Abständen gescheitert ist.
Aber Abschiede, wenn ich das Wort nur schreibe,
wird mir schon schlecht davon.

Denn in Paulas schönem Leben werden
alle guten Menschen und guten Momente und guten Gefühle
in essbare Portionen zerstückelt, eingetütet
und im Gefrierschrank konserviert.

Dosenfutter mag ich zwar überhaupt nicht;
vorgekaut, vorgekocht, vorgefertigt,
alles nicht mein Ding. Nein, frisch soll es sein.
Beseelte Erlebnisse, lebendig, echt aus der Natur
und obendrein authentisch bitteschön.
… aaaaber dann einfrieren wollen.

 

Das Leben ist leider keine Gefriertruhe.
Tja, dass das mit dem Schockfrosten nicht funktioniert, habe ich mir schon so halb gedacht und trotzdem die meiste Zeit meines Lebens probiert zu überlisten. Und wenn überlisten nicht ging, immerhin eine Weile verdrängen. Nur bis der nächste Verlust kommt natürlich … denn dann ist das Geschrei jedes mal groß!
Tatsache ich jedoch: Das Leben kann einem einfach alles wieder wegnehmen. Einfach – ALLES. Alles, was du benennen kannst, kann dir genommen werden. Daran versuche ich mich jeden Tag zu erinnern und mein Ego versucht es jeden Tag wieder zu vergessen.

Aus diesem Gedanken resultierte eine Verlustangst, die begleitete mich seit jeher in den kleinen und großen Dingen des Lebens:
Wenn eine Achterbahnfahrt beginnt, denke ich manchmal schon traurig an ihr Ende;
wenn der Sommer sich in den Herbst wandelt, wird es mir mulmig zumute;
wenn ich am Montag hässlich früh aufstehen muss, kann ich das Wochenende vielleicht nicht mehr richtig genießen;
wenn ich Menschen kennenlerne, frage ich als Erstes, ob sie denn einen Auslandsaufenthalt geplant haben und schiebe sie dann vielleicht lieber gleich wieder aus meinem Leben raus.

Ich hetze ziemlich viel durch die Gegend deswegen, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen und verpasse dadurch das Meiste;
ich versuche alle Menschen, Gegenstände und Hobbies krampfhaft in meinem Leben zu behalten, weil ich fürchte, irgendetwas davon wieder loslassen zu müssen;
ich beginne mich zu verstellen, um etwas nicht zu verlieren;
ich bekomme plötzlich Angst vor dem Tod;
und ich beginne Besitzansprüche an alles Mögliche zu stellen.

Mein Kopf hat sich mit der Zeit einen regelrechten Masterplan gebastelt,
was ich alles tun muss, wie ich mich verhalten muss, wer ich zu sein habe und welchen Ansprüchen ich genügen muss, um den ultimativen Verlust zu vermeiden. Den ultimativen Verlust von was auch immer. Von einer bestimmten Lebenssituation, von gefühlter Sicherheit im Job, von Menschen in meinem Alltag, von guten Gefühlen.

Meine Verlustangt wusste auch immer von ihrem Lieblingsaussichtspunkt meiner Schulter zu flüstern: Es ist ganz einfach, du musst bloß alles immer kontrollieren!
Jaaa, hahaha.
GEHT NICHT!
Trotzdem folg(t)e ich tagtäglich vielen nervenaufreibenden Glaubenssätzen, auf die mein Kopf sich einbildet, dass sie mich vor Verlust schützen könnten, aber …

 

… das Leben so: Äh, Nein!
Das müssen wir nun nicht im Detail ausführen, das kennt sicherlich jeder selber: Man denkt, so funktioniert die Welt und dann funktioniert sie einfach anders.
Man hat eine super Woche geplant und dann wird man einfach krank.
Man besucht seine Oma im Krankenhaus nicht und dann stirbt sie einfach.
Man klammert sich mit Leib und Seele an seinen Partner und der verlässt einen trotzdem (… oder deswegen).
Einfach. So.
Und nun?

 

Du kannst nichts haben, solange du es nicht loslässt. (irgendjemand Kluges)
Meine Angst vor Verlust ständig im Nacken, ist mir bewusst geworden, dass ich nichts wirklich genießen kann – sobald ich Angst habe, lasse ich mich nicht mehr wirklich ein.
Erst wenn ich mit dem Bewusstsein, dass nichts ewig ist, in den Moment eintrete und mich dem hingebe, kann ich überhaupt aufnehmen, was da an schönen Erfahrungen und Gefühlen in mein Leben tritt.
Da ist kein Platz etwas wahrhaftig zu erleben, wenn man schon mit Festhalten beschäftigt ist, während es stattfindet. In diesem Versuch etwas krampfhaft behalten zu wollen oder länger auszudehnen, verliere ich genau den Augenblick, in dem ich es hätte erleben können … denn mein Kopf ist zu oft bereits auf der Metaebene und mit Konservierungsarbeiten voll ausgelastet.

Das ist, als würde ich den ganzen Tag darüber nachdenken, wie ich am besten verhindern kann, dass der Tag vorüber geht – und der Tag geht schließlich irgendwann zuende (wie dreist von ihm!) und ich habe damit nichts getan, als über eine künstliche Verlängerung seiner Dauer nachzudenken.

 

Jede Erscheinungsform ist der Vergänglichkeit unterworfen.
Alles was ich berühren kann, werde ich wieder loslassen müssen.
Denn: Ich sterbe.
und denn: Alles verändert sich. Fortwährend. Da ist sie, die Realität!
Jedes Jahr lassen die meisten Bäume ihre Blätter fallen, jeden Abend geht die Sonne unter und unzählige Zellen meines Körpers sterben jetzt genau in diesem Moment.
Wirklich Malina, du musst ALLES am Ende ohnehin wieder loslassen. Ganz ehrlich.
Diese Erkenntnis versuche ich tief in meinem Leben zu verwurzeln.
Integriere sie in meinen Alltag.

So stellten sich die Folgefragen mit der Zeit wie von selbst:
Möchte ich Zeit meines Lebens tatsächlich damit verbringen, mich an allem festzuklammern, was mir zwischen die Finger kommt?
Mir einreden, dass ich Kontrolle darüber habe?
So tun, als müsste ich nicht wieder alles loslassen?
So tun, als gäbe es Besitz?
Das klingt ein wenig überflüssig vor der Tatsache, dass alles vergänglich ist und sowieso wieder losgelassen werden muss. Das macht schon Sinn, hmm.
Aberaberaber – loslassen tut doch so weh!

 

Loslassen tut weh – wirklich?
Endlich habe ich mir die Mühe gemacht, mal ehrlich darüber nachzudenken.
Nehmen wir an, mein Partner verlässt mich. Tut mir tatsächlich weh, dass er nicht mehr da ist … oder ist es vielmehr, dass ich mich dagegen wehre?
Tut es weh, wenn ich Pläne mache, krank werde, die aufgrund dessen nicht verwirklichen kann und anschließend loslasse … oder ist es schmerzhafter, wenn ich eben an diesen Plänen festhalte, obwohl ich doch merke, es geht nicht?

Für mich hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, das mir eigentlich nicht das Loslassen, sondern gerade das Festhalten wehtut. Sobald ich demgegenüber, was nunmal Realität ist, in einen Widerstand gehe – leide ich. Sobald ich versuche etwas zu behalten.
Egal was es ist: Den Tag, den Freund, das Ding, die gute Laune, die Kreativität oder mein Haus.
Schmerzhaft ist, wenn ich es eben nicht loslasse.
Das war vielleicht erleichternd zu erkennen. Loslassen ist gar nicht schlimm! Loslassen ist sogar eben das, was mich befreit, wenn es mir schlecht geht.

„Das bloße Verlangen nach der Wiederholung des Vergnügens ruft Schmerz hervor, denn es ist nicht mehr das Gleiche wie gestern.“ (Jiddu Krishnamurti)

 

Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. (Lao Tse)
In der Pferdewelt gibt es den schönen Begriff der Losgelassenheit.
Er beschreibt den Zustand eines Pferdes, dessen Muskeln sich in der Bewegung unverkrampft an- und entspannen, innerlich ist es ruhig und im zwanglosen Dialog mit dem Menschen.

Ich kenne dieses Befinden ebenfalls, zum Beispiel manchmal beim Tanzen. Wenn das Denken aufhört und ich durchlässig werde. Wenn alles zu fließen beginnt. Impulse kommen und gehen widerstandsfrei durch meinen Körper. Der wiederum ist aufmerksam und lässt geschehen. Was auch immer kommt. Er nimmt es an, wandelt es um, lässt es frei.
Beim Paartanz bin ich auf diese Weise gut zu führen – und zappel ich mit mir alleine um die Wette, trägt die Musik mich auf Händen durch ihr Lied; ganz ohne, dass ich groß an meine Bewegungen denken müsste.

Was passiert wohl, wenn ich so auch dem Leben gegenüber treten würde?
Man stelle sich einmal vor, ich würde mich tatsächlich gegen den Wandel der Zeiten nicht mehr wehren. Ich würde mich der Veränderung des Universums hingeben, jeden Augenblick.
Das Leben würde mir Impulse schicken – Menschen, Situationen, Gefühle – und ich würde zu keiner einzigen innerlich NEIN! sagen, sondern sie alle annehmen. Ich würde es zulassen, dass sie mich berühren; dass sie in mein Leben treten und mich innerlich bewegen dürfen. Sie haben die Erlaubnis durch meinen emotionalen Körper zu fließen. Sie haben die Erlaubnis, mich wieder zu verlassen, wenn das Universum entscheidet, dass es Zeit für etwas anderes ist. Ich müsste sie nicht festhalten – die Menschen, Situationen, Gefühle – denn ich wüsste, das Leben schenkt mir in jedem Moment, was ich wirklich brauche.
Das wäre für mich die absolute emotionale Losgelassenheit. Sie ist durchlässig, widerstandsfrei und darum ohne Leiden.

 

Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche. (Lao Tse)
Etwas, das mich von dieser Durchlässigkeit regelmäßig abhält,
ist der Gedanke: Ich brauche das aber! (diesen Menschen in meinem Leben, dieses eine Gefühl, das bestimmte Erlebnis, meine Gesundheit, die Umsetzung jener Pläne … )
Das ist klein Paula mit Füßen stampfend, trotzig die Arme vor der Brust verschränkt. Mit Tränen in den Augenwinkeln tobt sie im Kreis, brüllt herum und verflucht die ganze Welt, wenn sie nicht bekommt, was sie möchte – wenn sie dabei doch denkt, sie brauche das jetztaberechtganzwirklich ÜBERLEBENSWICHTIGDRINGEND! Das ist Angst.
Die nackte Angst um das Überleben unreflektiert nach außen gekehrt. Hinter: Ich brauche aber genau das jetzt steckt eine emotional aufgeladene Gedankenkette, in der klein Paula -logischerweise- letztendlich ALLES verliert und natürlich sofort stirbt, wenn sie nun nicht das bekommt, was sie gerade denkt zu brauchen (und by the way: ja, eines Tages stirbst du – und, ist das wirklich schlimm?).

Ich nehme sie an der Hand, mein kleines Mädchen und setze mich eine Weile mit ihr auf den Balkon. Wir streicheln die Kätzchen, fühlen milde Sommerluft auf der Haut. Die Sonne nähert sich bereits dem Horizont und taucht uns in das warme Licht der Dämmerung.
Also meine kleine Paula, wende ich mich an sie, lass uns doch einmal gemeinsam auf dein bisheriges Leben zurückschauen:
Erinnerst du dich an die Momente in deinem Leben, in denen du dir nicht vorstellen konntest, dass es jemals anders sein könnte und nun ist trotzdem alles anders?
Erinnerst du dich an Menschen, von denen du dachtest, du könntest nicht ohne sie sein und sie sind trotzdem nicht mehr in deiner Gegenwart?
Wie oft sind Dinge völlig unerwartet passiert, die du eine Minute, eine Stunde oder einen Monat vorher überhaupt nicht vorausgesehen hast?
Wenn du ein Jahr in Vergangenheit reisen könntest und zu dir selbst sagen: Guck mal, in einem Jahr wirst du dieses und jenes tun! oder es wird das passieren! würde dein altes Ich vielleicht lachen oder sich an die Stirn tippen, weil es damit niemalsnicht gerechnet hätte?
Klein Paula denkt eine Weile nach. Ihre Nasenspitze wird von der Sonne ein letztes Mal gekitzelt und manchmal nickt sie gedankenverloren vor sich hin. Wenn sie ruhig wird, findet sie tatsächlich viele Beispiele dafür, wie sie dachte: So und so, das wäre jetzt richtig, wichtig oder nötig und anschließend ist es ganz anders gekommen – und das war entweder auch in Ordnung oder viel besser oder wichtig für etwas anderes.
Klein Paula wischt sich die Tränchen weg und nickt tapfer. Na gut, sagt sie, mal gucken, was wirklich passiert, wenn ich NUR DIESES EINE Brauchen jetzt loslasse. Ich bin bereit, es auszuprobieren.
Gemeinsam legen wir die Kontrolle des Lebens zurück in die Hände des Universums und schicken einen Gruß hinterher. Denn wir erinnern uns daran, dass es nicht in unserer Macht liegt, über das Brauchen zu entscheiden und können nun vorbehaltlos das Wunder genießen, das da gerade vor unseren Augen geschieht: Die Sonne küsst den Horizont, verabschiedet sich von ihm und wir alle drei -Paula, Malina und der Horizont- wissen mit einem Lächeln, dass sie schon wieder zurückkehren wird, wenn das Leben entscheidet, dass es Zeit dafür ist.
Angst vor der Dunkelheit haben wir keine mehr. Das Leben ist schließlich bei uns.

… und wie macht man das mit dem Loslassen nun?
Damit werde ich mich beschäftige ich mich hier, denn:

„Wer loslässt vom Muss – wird wollen
Wer loslässt vom Wollen – wird tun
Wer loslässt vom Tun – darf sein“
(Wilma Eudenbach)

Auszüge meines Ehegelübdes

Nach meiner Selbstheirat folgt hier ein Auszug meines Ehegelübdes.
Auf dass ich dem treu bleibe und es euch inspiriert.


Liebste JaninaPaulaMalina.

alles auf dieser Welt ist für dich.

Lass los.
Du hast keine Kontrolle über das Leben – du bist Teil davon.
Lass dich ein.

Atme.
In alle Zwischenräume und darüber hinaus.
Das Leben atmet dich.

Ein Jahr lang möchte ich dich zur Frau nehmen
und mich dir völlig hingeben.

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Zu Mir:

2016 werde ich mich voll und ganz auf dieses Wesen einlassen, das ich bin.
Auf meine gegenwärtige Existenz als Mensch auf diesem Planeten.
Darum verpflichte ich mich mir selbst gegenüber:

Ein Jahr lang werde ich versuchen so ehrlich wie möglich mit mir selbst zu sein.
Ich werde mich allen Gedanken und Gefühlen stellen –
gerade auch denen, die ich als unangenehm empfinde.

Ich werde all meinen Bedürfnissen zuhören
und mich mit ihnen auseinandersetzen.
Ich werde für sie einstehen und dann der Führung des Lebens übergeben,
denn am Ende entscheidet die Realität, was mit mir geschieht.
Deshalb werde ich mich nicht mehr davor fürchten,
nicht das zu bekommen, was ich möchte;
weil ich weiß, dass ich alleine vom Universum getragen werde.

Alle Gefühle der Traurigkeit, des Schmerzes, der Einsamkeit,
der Verzweiflung, der Sinnlosigkeit und der Müdigkeit
werde ich wahrnehmen und willkommen heißen.
Ebenso wie die der Freude, der Inspiration und Kreativität,
der Dankbarkeit, Albernheit und Euphorie.

Um meinen Körper werde ich mich nach bestem
Wissen, Können und Vermögen kümmern und
ihn zu meiner besten Freundin machen.
Ich werde gesund, lecker, mit Genuss und Dankbarkeit
essen und versuchen dabei so nah wie möglich
an den Veganismus und eine weitgehend
rohköstliche Lebensweise heranzukommen.
Regelmäßig werde ich mich auf eine liebevolle Weise bewegen,
die meiner Gesundheit, Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit
förderlich ist und mir Freude bringt.
In guten und schlechten, in kranken und gesunden Zeiten
werde ich den Bedürfnissen meines Körpers
lauschen und mich für sie einsetzen.

Ich werde allen Widerstand dem Leben gegenüber aufgeben.
Alle Abwehr, alle Masken, alle Persönlichkeit,
jede Fassade und jede Verteidigung
werde ich fallen lassen. Denn ich erkenne

dass dieser Ich-Gedanke, das kleine Ego, der gedankenüberfüllte Kopf
keine Kontrolle hat. Er hat keinen Zutritt
zur Macht, zum Wissen, zum Sollte oder Müsste oder zur Richtigkeit.
Darum werde ich all meine Urteile prüfen und
fallenlassen, sobald ich kann.

Ich bin bereit, mein Ego
ein ums andere Mal sterben zu lassen.
Eigenhändig werde ich es auf den Scheiterhaufen stellen
und freiwillig anzünden.
Ich bleibe im Feuer stehen und fühle.

Darüber hinaus erkenne ich an, dass Gedanken
weder die Wahrheit noch Wirklichkeit sind
und ich die Wahl habe, diese
zu glauben
zu hinterfragen
oder zu beobachten.

Meiner Integrität übergebe ich die Führung
meines Entscheidens und Handelns
und gestehe ihr den ersten Platz
in meinem Leben zu.

 

Zu den Anderen:

Mit Allem, das ich bin, werde ich mich auf alle Menschen und alle Situationen einlassen.
Ich erkenne mich in jedem als meinen Spiegel, sie alle sind Gott.Ich gebe ihnen die Erlaubnis, mich zu mir selbst nachhause zu führen,
indem ich ihnen mit dem größten inneren JAAA begegnen werde,
das mir zu dem Zeitpunkt möglich ist.

Ich achte die drei Angelegenheiten:
Meine – Deine – Gottes
Für mein eigenes Leben übernehme ich die volle Verantwortung
in dein Leben mische ich mich nicht ein und übernehme keine Verantwortung dafür
und dem Leben selbst übergebe ich die Führung des Universums.

Aufgrund dieser Achtung kann ich
den Gedanken loslassen, irgendjemanden oder etwas ändern
und darauf verzichten, ein bestimmtes Bild von mir vermitteln
zu wollen.

Soweit meine Bedürfnisse andere Menschen betreffen,
werde ich dies so offen, ehrlich und klar wie möglich kommunizieren.
Ich werde nichts zulassen oder tun, das ich nicht selbst möchte.

Weder Drama noch Streit existieren,
solange ich bei meiner eigenen Angelegenheit bleibe; also
solange ich den Anderen in seinem So-Sein weder ablehne noch denke,
ich müsste die Illusion meiner „Persönlichkeit“ verteidigen.

Deshalb richte ich mich einfach klar auf meine persönlichen Werte aus
kommuniziere sie frei und lausche dann dir mit offenen Ohren.
Dadurch kann ich nüchtern erkennen, was passt
und was nicht passt, was geht und was nicht geht für mich.

Niemand schuldet mir etwas.
Ich schulde niemandem etwas.

 

Zum Leben:

Wir alle sind Atome, Atome sind Anziehungskraft,
wir alle sind Eins. Wir sind verbunden durch
die Ewigkeit dieses Augenblickes.

Die Realität ist namenlos und benötigt meine Bewertungen nicht.
Sie zeichnet sich jeden Moment durch ihre jeweilige Form aus,
die der ständigen Vergänglichkeit und Veränderung unterliegt.

Die Einsamkeit werde ich weder fürchten noch flüchten,
denn ich erkenne mich, meine liebste Malina, als
höchste und einzige Form meiner Existenz an.
Ich verstehe, dass ich immer nur mich selbst spüren kann
und ALLEINE STERBEN WERDE.

Alles, das ich berühre, werde ich wieder loslassen müssen,
denn alles Berührbare wird
geboren, wächst, erblüht, verwelkt und stirbt.
Wir sind ein großer Kreislauf
in sich geschlossen, miteinander verbunden
einander beeinflussend und durcheinander bedingt.

In dem ich jeden Moment, den das Leben mir anbietet
voll wahrnehmen und annehmen werde, auskosten und genießen,
werde ich lernen loszulassen. Jeden Widerstand
gebe ich auf. Ich ergebe mich dem Universum.

Ich werde mich in die Existenz hineinentspannen
in den einen Augenblick, der mein Leben ist,
die momentäre Ewigkeit meiner Gegenwart.
In der Stille werde ich versuchen den Raum zu meinem unverlierbar
unberührten Energiefeld zu öffnen und weiten.

Alles ist nur eine Frage der Identifikation.
Sobald ich aufhöre, das Leben persönlich zu nehmen,
wird es beginnen Spaß zu machen.

Je umfassender ich zulasse,
desto tiefer wird meine Bindung zum Universum
und ich verstehe, dass Liebe nicht etwas ist,
das ich fühlen kann, sondern bin.
So wie Alles um mich herum Liebe ist.

So werde ich das Leben feiern
in Stille und Frieden
jeden Augenblick.

Denn liebste PaulaMalina,
im Momentum deines Lebens und deines Sterbens
ICH BIN BEI DIR.

Von der Wunderkerze zur Selbstheirat

Die verblüffende Wirkung einer Sekunde
In meinem Bücherregal steht schon eine Weile Heirate dich selbst von Veit Lindau. Es ist auch schon oft gelesen und durchgeblättert worden und die ein oder andere Übung umgesetzt. Alles so ein bisschen halbherzig.

Und dann plötzlich – der Sekundenzeiger sprang nur einen Zentimeter weiter,
war es 2016.

Ich stehe um Mitternacht auf einem x-beliebigen Hügelchen in Stuttgart, um mich herum ein paar liebe Menschen und die Glocken schlagen dreiz- nein, zwölf Uhr.
Die vorher schwarze Nacht beginnt im Feuerwerksgewitter bunt zu leuchten.
Ich fühle mich nicht sonderlich inspiriert, mehr traurig (weil ich mich noch an einem Stück Vergangenheit festhalte). Mein Blick wurschtelt sich so über den Himmel und sammelt dort einige leuchtende Raketengebilde ein. Die werden vom Gehirn genau eine halbe Sekunde lang gespeichert und anschließend schon wieder vergessen. Mir ist kalt. Hier stinkts. Scheiß Feuerwerk. Irgendwo grölen Leute.
Neben uns steht eine Gruppe Menschen, ich beobachte ein Mädchen dabei, wie sie Wunderkerzen verteilt. Ein jäher Impuls trägt meine Füße zu ihr herüber und fragt sie, ob ich auch eine haben kann. Mit einem Strahlen im Gesicht sagt sie: „Aber na klar!“ und schenkt mir eine. Jemand anders zündet sie mir sogar an.

Da stehe ich auf einmal mit einer flammenden Wunderkerze in der Hand. Vor ein paar Momenten war die noch nicht da. Wie unerwartet die nun in mein Leben getreten ist. Hab ich vor zwei Minuten weder gewusst, noch geahnt. Und ich fühle mich plötzlich unendlich dankbar: für mein persönliches Stückchen Glitzerfeuer.
Und so, so dankbar für das Strahlen dieses wildfremden Mädchens. Und für den anonymen Anzünder. Für meine Freunde gleich ein paar Meter weiter, für den Mond, für die Nacht, für das Gras unter meinen Füßen … und je länger ich da stehe, desto weiter wird dieses Gefühl. Von diesem kleinen Geschenk aus dehnt es sich bis in die Fingerspitzen der gesamten Existenz. Einmal um den Erdball und zurück.
Wie unwahrscheinlich, dass ich in genau diesem Augenblick hier stehe und atme.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich überhaupt geboren bin.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich solange überlebt habe.
Wie un-fassbar dieser eine Moment doch ist, der schon 23 Jahre lang andauert und sich mein Leben nennt.

Wahnsinn.

 

In diesem einen Augenblick
hat etwas tief in mir ungefähr eine Sekunde lang eine Ahnug davon gehabt, was der folgende Satz wirklich bedeuten könnte: Alles auf dieser Welt ist für dich.
Ich gehöre zu Allem und Alles gehört zu mir.
Es gibt keine Trennung, es gibt keine Benennung. Es gibt nicht mich auf der einen Seite und die Welt auf der anderen. Es gibt nur Ein-Alles und von diesem einem Alles bin ich Teil und Alles.

Und da habe ich kurz spüren können, wie dieser ganze Kampf mit sich selbst – wie vollkommen überflüssig der doch ist. Die ganze Ablehnung, die ganze Kritik, das ganze Beurteilen – ganz und gar unnötig. Ich könnte mich jetzt und hier einfach exakt so annehmen wie ich bin.
Aber … aber … aber gibt es dann nicht bestimmt so eine krasse Explosion und die Welt zerberstet in tausend Einzelteile … oder sowas?!
Nein, in diesem einen Augenblick wusste ich: Ganz im Gegenteil.
Wenn ich meinen Verstand mit all seinen lückenschaffenden Bewertungen loslasse und stattdessen dieses Janinadingensda, wenn ich das genau, einfach GANZGENAU so zulasse, wie es ist – kann nichts auf der Welt mich mehr aufhalten. Weil ich dann die Welt bin.

Einen Augenblick später war dieses Gefühl leider wieder verschwunden.

 

Zurück zum Glück (die toten Hosen)
Aber: Eine Ahnung davon ist geblieben. Die steckt mir seither so in den Blutkörperchen und kitzelt ab und zu, um mich daran zu erinnern, dass sie noch da ist.

Weil ich außerdem glücklicherweise ein ungeduldiger Mensch bin, war ich nicht einverstanden damit, dieses Gefühl einfach wieder gehen zu lassen … sondern habe sofort Pläne geschmiedet, wie ich an diese Freiheit wieder herankommen könnte. So schnell und nachhaltig wie möglich. Mir ging es nämlich SCHEIßEGUT in diesem einen Augenblick da.

Also wie war das doch gleich? Ich friere, es stinkt, Mitternacht, die Gruppe Leute, meine Füße gehen – ah, meine Füße. Wieso sind meine Füße rüber gelaufen? Da war ein Impuls. Ich wollte eine Wunderkerze. Ich bin dem gefolgt. Ich habe … Ja gesagt. Ja zum Impuls. Und dann – hat das fremde Mädchen Ja zu mir gesagt. Und der anzünde-Mensch hat Ja gesagt. Und irgendwie hab ich danach gefühlt, dass eigentlich so vieles Ja zu mir sagt, was weniger offensichtlich ist: Gras. Bäume. Himmel. Andere Menschen allein durch ihre Anwesenheit. Ich.
Ich, ja stimmt. Ich habe Ja gesagt. Ja zu mir selbst. Für einen Augenblick lange habe ich mich selber einhundert Prozent nicht in Frage gestellt, nicht bewertet, nicht in eine Persönlichkeit gepackt, nicht zurückgehalten – da war keinerlei Widerstand, weder mir selbst noch der Welt gegenüber.

So kam ich zur Erinnerung an ein altes Vorhaben, das schon eine Weile so ein bisschen halbherzig in mir geschlummert hat. So kam die Idee zum …

 

… Ja, ich will!
Denn Heiraten ist Ja sagen. Zu dem, was ist. Gut, dass ich gerade mal so seit, ähh 23 Jahren … schon bin. Der Beschluss war getroffen.

Noch in dieser Nacht, der erste Januar 2016 um vier oder fünf Uhr morgens, sitze ich in der U-Bahn auf dem Heimweg (alle um mich herum sind entweder besoffen oder einfach so völlig fertig mit der Welt), krame mein Notizbuch heraus und beginne hochmotiviert ein Ehegelübde zu schreiben.

Daran habe ich einige Tage wild herumgebastelt. Es wurde immer länger und stimmiger und ich zufriedener damit. Nochmal einige Tage später habe ich mich schließlich feierlich selbst geheiratet. Für ein Jahr lang. Danach will ich ehrlich darüber nachdenken, wie ich es denn so finde, meine eigene Ehefrau zu sein und ob vielleicht Trennung besser wäre.
Aber EIN JAHR LANG werde ich JAAA sagen. Zu mir.
Und damit zur Welt. Denn ein Teil in mir hat in dieser Nacht deutlich gespürt: Wenn ich aufhöre, mich selber in der Tiefe irgendwo abzulehnen, kann ich wahrscheinlich endlich auch aufhören das mit der Welt zu tun. Ständig versuche ich da draußen mit Allem in Frieden zu kommen – und führe doch einen stillheimlich kalten Krieg gegen mich selber. Denn eine bisher ziemlich unerschütterliche Grundfeste in meinem Innern ist: Ich verdiene das nicht.
Mein vernunftbegabter Teil des Gehirns kann die Unsinnigkeit dieses Satzes gut fassen, aber meine innere Überzeugung bremst mich immer wieder ab. Ich laufe gegen meine eigenen Windmühlen. Mensch, ist das anstrengend.

Es gab eine schöne Feier, allein geheim und danach mit Freunden und danach mit Tanzen und natürlich eine Hochzeitsnacht mit meiner tollen Braut (hehehe…). Wunderkerzen gab es übrigens auch.

Frisch verheiratete Paula mit Ehering:

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Es ist ein schönes Gefühl, einen Ring zu tragen. Ich schätze ihn sehr als Symbol, das mich immer wieder zu mir selbst zurückholt.

Ich mag auch den Gedanken, mit mir selbst verheiratet zu sein sehr gerne.
Gestern erst „erwischte“ mich ein Freund beim Schokolade essen (Süßigkeitenfreier Monat und so) und meinte empört: „He – warum isst du die jetzt?“
Malina so: „ähähäh….“ (so klingt das Ringen um eine gute Ausrede)
Guter Freund: „Kein Stress, ist ja nicht so, als wärst du mit mir verheiratet oder so.“
Das hat mich sofort zu mir zurückgebracht. Ja, stimmt – ich bin mit mir verheiratet. Da gibt es eine Frau in meinem Leben, die braucht das von mir. Erklärungen. Wenn jemand, dann die. Da gibt es eine Frau, die endlich mal auf den ersten Platz in ihrem Leben gehört.

Was Glaube mit Selbstliebe zu tun hat

Der Mensch ist ein glaubendes Wesen.
Allzu gerne setzt man Glauben mit Religion gleich. Vermutlich weil Religion die wahrscheinlich gewagteste Form des Glaubens ist, beinahe provokant: Es gibt keine Beweise und dennoch bin ich überzeugt davon.
Denn Glaube – das heißt immer irgendwie nicht mit Sicherheit wissen und trotzdem darauf vertrauen, dass in dem Gedanken wenigstens ein Fünkchen Wahrheit steckt.
Ob nun religiös oder nicht: Jeder Mensch g l a u b t. In der einen oder anderen Form. Dass es wohl anstrengend für alle Beteiligten sein kann, aus seinem Glauben ein Dogma zu formen, ist dabei eine ganz andere Sache.

 

DIE Wahrheit.
Gibt es nicht. Es gibt Wahrnehmungen, allesamt subjektiv, weil man doch nie ganz aus sich heraus kann; am Ende sehen wir trotzdem nur, was wir kennen. Denn Sinne trügen fortwährend, weil das Gehirn die ständige Reizüberflutung verarbeitet und eindämmt – alle Aspekte einer Situationen können gar nicht auf einmal bewusst wahrgenommen werden.
Deshalb gibt es auch nicht DIE Wahrheit, sondern immer nur die Wahrheiten.

Ich nehme wahr, du nimmst wahr … letztlich waren wir zwar zur selben Zeit am selben Ort und haben trotzdem zwei verschiedene Erinnerungen an diesen einen Moment und somit auch zwei unterschiedliche Wahrheiten dazu.

Es scheint auch mathematische Wahrheiten zu geben, das System in sich mag völlig stimmig sein und dennoch funktioniert es nur solange ich „annehme, dass…“. In dem Augenblick, wenn meine Vier einfach sechs bedeutet und rosa Herzchen ein Achtel sind, kann man dem mathematisch gar nichts mehr entgegensetzen. Und wer hat jetzt tatsächlich die Macht behaupten zu können, dass meine Herzchen-Wahrheit weniger wahr ist, als deine Eins-Zwei-Drei-Vier-Wahrheit?

Man spielt so leichtfertig mit dem allmächtigen Überwissen der einzig gültigen Wahrheit, obwohl wir doch alle nur Menschen sind: Ich meine Menschen. Nicht nur, dass wir eben diese eine halbe Sekunde Entwicklung auf der Evolutionsuhr sind, dass es die Erde schon Milliarden Jahre vor uns existierte und sehr gut ohne unsere Wahrheiten zurecht gekommen ist, nein;
wir haben auch ausschließlich unsere unglaublich beschränkte Wahrnehmung zur Verfügung – mit den paar Prozent, die das Gehirn effektiv dem Bewusstsein zum Futter gibt, meint der Mensch teilweise tatsächlich über die Welt richten zu können.

Und jetzt behaupte ich einfach: Es gibt keine Wahrheit. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Und wenn du nun kommst und das Gegenteil behauptest, hat keiner von uns mehr recht als der andere … weil wir eben doch nur alle kleine Menschlein sind. Wir beurteilen zwar fortwährend, sind kritisch bis zum Himmel (und darüber hinaus), aber wir haben deshalb noch lange nicht die Macht über Richtigkeit (also Wahrheitsanspruch) zu entscheiden. Darauf ein Amen.

Ich glaube …
… denn mehr bleibt mir gar nicht übrig.
„Ich glaube“ wird meistens einfach als Äquivalent zu „ich weiß es nicht“ verwendet, also: Eine sehr negativ besetzte Sache. Etwas nicht zu wissen, ist ja immer gleich ganz schlecht. Da ist man schon raus aus dem Bewerbungsgespräch – doch denkt man noch mal genau darüber nach, entspricht das ständige Rumgeglaube vielleicht doch ein bisschen mehr der Realität, als das Beharren auf einer unanfechtbaren Richtigkeit seines -geglaubten- Wissens (jedenfalls in meiner Realität, aber bau du dir ruhig deine eigene)
… weil man eben doch nichts mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann.

 

Stets habt ihr Gott gesucht, aber niemals in euch selbst. Er ist nirgends sonst. Es gibt keinen anderen Gott, als der in euch ist. (Hermann Hesse)
Wenn ich nichts weiß und du nichts weißt und es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der irgendetwas sicher weiß … bleibt einem erstmal sein Stückchen Glauben.
Denn der Mensch sucht zwar fortwährend nach seiner einzig gültigen Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum und dem Wieso, aber eines Tages wird ihm vielleicht klar:
Wenn ich an Gott glaube, dann finde ich ihn nicht auf einer Reise nach Mekka und nicht in einer Kirche, es gibt keine Bestätigung, es gibt keine Beweise; Alles, das ich suche, liegt in mir selbst.

„Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“ (Hermann Hesse)
Sinn, Wahrheit und Gott; vielleicht meinen sie alle dasselbe?

 

Ich muss mich nicht suchen, ich kann mich nur finden.
Eine meiner vielleicht wichtigsten Erkenntnisse für mich selbst. In allem, was ich tue, kann ich immer nur ein Stückchen von mir finden. Da gibt es nichts Mysteriöses zu suchen, sondern in jeder Erfahrung, die ich mache und in jedem Schritt, den ich tue, finde ich nur immer wieder ein Bisschen mehr von mir.

Es gibt kein Ich, keine wahre Janina, die da draußen irgendwo auf der Straße liegt und noch von mir gesucht werden muss, damit ich endlich genau so sein kann, wie ich bin oder endlich die bin, die ich eben bin … denn, ach – wer bin ich denn eigentlich, verdammt noch mal?
Und als ich noch durch den Wald lief und mein Ich suchte, wusste mein schlauer Relilehrer schon längst:

 

Ich bin, der ich bin und werde sein, der ich sein werde. (Herr Helbig)
Der Satz klingt banal, ist er aber gar nicht. Denn wenn du dich fragst, wer du bist; krabbel einen Augenblick soweit wie möglich aus dir heraus und schau dich an: DAS bist du. Nichts anderes. Du bist jetzt. Und hier.

Dann krabbel in dich zurück und frage dich vielleicht noch, wie sich denn anfühlt, wer du gerade bist. Denn FÜHLEN (damit meine ich nicht nur den Tastsinn, sondern alle Sinneseindrücke) bedeutet WAHRNEHMUNG. Und auch wenn die schrecklich beschränkt ist, mehr haben wir nicht zur Verfügung. Somit: Die Intensität, in der wir wahrnehmen, bestimmt am Ende unsere persönliche Wahrheit.
Im Übrigen eigentlich gar nicht so ein weiter Gedankensprung von der Wahrnehmung zur Wahrheit.
Plötzlich bekommt damit auch die Aufmerksamkeit einen ganz neuen Stellenwert. Aufmerksamkeit = intensivere Wahrnehmung = mehr Auswahl an Aspekten, um sich aus denen seine eigene Wahrheit zu fabrizieren.

 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel)
Glaube hält am Leben, denn Glaube ist Hoffnung. Allerdings mit diesen zwei wichtigen Zutaten mehr an Zuversicht und Vertrauen: Ich hoff das nicht nur, sondern ich glaube daran. Ich bin mir einer Sache sicher, obwohl es keine Wahrheit und keine Beweise gibt.
Das spielt vor Allem dann eine wichtige Rolle, sobald es um den Glauben an sich selbst geht. Denn Glaube ist immer richtungsweisend in die Zukunft und nicht rückwirkend. Das ist der Grund, warum ich morgens aufstehe: Weil ich an etwas glaube. Nicht nur an etwas, sondern: An mich selbst.
Weil ich weiß (… also so sehr daran glaube, dass ich mich gewagt aus dem Fenster lehne und das Wörtchen „wissen“ verwende), dass ich genau so sein werde, wie ich sein werde und dass das sein wird, wie es eben sein wird und das ist gut.
Wenn Wahrnehmung meine Wahrheit formt, aber Wahrheit eigentlich nur Glaube ist, dann werde ich eines Tages genau so werden, wie ich glaube, dass ich sein werde – da sind wir nun auch bei selbsterfüllenden Prophezeiungen angelangt.
Eine der größten Herausforderungen ist dabei für mich, an die unterbewussten Glaubenssätze heranzukommen. Denn mein Glaube ist nicht gleichzusetzen mit meinen Gedanken:
Ich kann vielleicht denken „ich möchte das haben“, aber wenn meine tiefe Überzeugung eigentlich ist: „ich verdiene das nicht“, werde ich es eher nicht bekommen – beziehungsweise es sehr schwer haben, mein Leben in eine dementsprechende Richtung zu entwickeln.

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„Alles wird gut“, posaunt das Positive Denken.
„Alles ist gut“ flüstert das Urvertrauen. (Andreas Tenzer)
Es wird nicht nur gut sein, wie ich sein werde – es ist vor allem schon jetzt gut. Immer. Egal in welcher Situation. Ich behandele mich mit demselben Respekt und derselben Bereitschaft zu verzeihen, wie jeden anderen.
Menschen sind bedürftige Wesen. Sie brauchen bedingungslose Liebe und damit meine ich: A b s o l u t vorbehaltlos. Ohne Wertung, ohne Bedingung, ja: unbedingt. unbedingte Liebe.
Aber eben nicht vor allem später in jedweden Beziehungen zu anderen Menschen – sondern als Kind von den Eltern und danach: Von sich selbst.
Niemand kann einem diese absolute und uneingeschränkte Liebe sonst geben. Das bleibt die eigene Lebensaufgabe, das kann einem kein anderer Mensch mehr abnehmen, das ist ein Preis, den es weder in einer Paarbeziehung, noch einer Karriere zu gewinnen gibt (und auch sonst nirgends). Die Bereitschaft und Befähigung liegt ausschließlich dem eigenen Selbst zugrunde, sobald man dem hilflosen Zustand des Kindseins entwachsen ist und erwachsen wird.
Und was ist der Glaube an Gott, wenn nicht das Bitten um diese bloße Liebe? Und wenn Hermann Hesse recht hat, dann findet man den schließlich auch nur in sich selbst. Ein Kreis schließt sich.

 

(Selbst)Liebe ist immer der Anfang, niemals das Ergebnis.
Liebe ist ein Geschenk, Liebe kann man sich nicht verdienen. Weder die von anderen, noch die an und von sich selbst.
Liebe ist auch immer ein Wagnis, Liebe fordert Mut. Leben braucht Mut.
Denn ich schenke mir diese Liebe und gebe mir damit eine bedingungslose Daseinsberechtigung. Und weil man keine Ahnung hat, was tatsächlich in diesem Körper an Mensch, Fähigkeiten und Tatkraft steckt – in diesem Ich, von dem man da auf der Reise seines Lebens immer neue Stückchen findet; ist es natürlich ein Risiko. Aber was passiert, wenn ich das nicht eingehe? Für mich gibt es keine vernünftige Alternative.
So wie die Eltern (hoffentlich) ihren Kindern Liebe schenken, auch wenn die garantiert anders werden, als man sie vorher haben wollte oder sich zumindest vorgestellt hat. Man liebt trotzdem. Und wenn es die Eltern vielleicht nicht geschafft haben, hat man nur noch mehr Grund, es jetzt selbst zu tun.

Trotz – dem. Zum Trotz, dass man nicht weiß, was passiert. Weil es keine einzig gültige Wahrheit gibt, weil das ganze Leben ungewiss ist, weil man nur sein popliges Bisschen Wahrnehmung hat und jetzt entscheiden soll, was richtig ist oder auch nicht.

Gut, dass wir alle wenigstens Eines sicher wissen: Liebe, die man gibt, die man teilt (auch mit sich selbst!), die verdoppelt sich. Liebe wird niemals weniger, wenn man sie gibt, sondern immer nur mehr. Und wenn man heute anfängt, sich selbst bedingungslos anzunehmen, wie man ist (auch tollpatschig und vermeintlich nichts-könnerisch und sowieso hässlich und vielleicht über der Kloschüssel hängend und kotzend), wird das Ganz bald jemand mit einem teilen wollen.
Erst wenn man sich liebt, kann man un-bedingt sein und damit auch irgendwann: Werden. Aber ich kann nicht „werden“, wenn ich gar nicht „bin“. Und menschliches Sein funktioniert nur mit Liebe: Der absolut uneingeschränkten Grundannahme, dass es gut ist, dass man da ist.

Und das Werden beginnt dann schließlich mit Glauben. Und zwar auch aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotz. Denn wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder normal essen kann, wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder glücklich mit beiden Beinen gleichzeitig aus dem Bett springen werde …
dann gibt es keinen äußeren Umstand, warum das nicht so passieren sollte. Zwischen dem, wer ich bin und dem, wer ich sein möchte, stehe immer nur ich selbst. Deshalb noch eine ganz entscheidende Info zuletzt:

 

Interpretation ist formbar.
Nicht nur zwei Menschen haben zwei unterschiedliche Wahrnehmungen, auch der Mensch in sich selbst hat die Fähigkeit zur Offenheit. Er kann eine Situation aus beliebig vielen Blickwinkeln betrachten, wenn er offen und aufmerksam ist und bereit, mal einen Schritt von seinem ersten Eindruck der Dinge wegzutun.
So kann man seine Wahrnehmung verschieben – was sehe ich, was höre ich, was fühle ich dabei?
Je aufmerksamer, desto vielfältiger das Endbild. Wenn einem also auf den ersten Blick vielleicht nicht gefällt, was man sieht, wenn auf sich selbst oder die Welt oder irgendein Ereignis schaut … kann man versuchen die Perspektive wechseln.

Da wir jedoch im Laufe unserer Lebens sehr viele Glaubenssätze einsammeln, die irgendwann so tief im Unterbewusstsein vergraben sind, dass es schwer fällt an sie heranzukommen, habe ich hier mein lieblings Werkzeug für euch:
The Work von Byron Katie ist eine wirklich simple Methode, um diese Glaubenssätze aufzudecken, verstehen zu lernen und umzulernen.
Das Arbeitsblatt dazu gibt es hier.

Viel Spaß im Reich des Glaubens und Hinterfragens!
Ich finde es immer wieder faszinierend, was bei mir alles an die Oberfläche gelangt, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es glaube.