Kurzgeschichte: Fremde

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Konzentrierte Janina beim Vorlesen. (Foto: Wekenmann)

Im November 2017 durfte ich die folgende Kurzgeschichte auf der Preisverleihung des Schreibwettbewerbes Wekenmann vortragen. Sie teilt sich den zweiten Platz in der zweiten Altersgruppe und ist unter dem Motto „Mut und Zuversicht statt Ablehnung und Hass“ entstanden.

Ein Film vom ZDF über den Wettbewerb … sogar mit kurzem Statement von mir:

 

Fremde

Sie zwingt sich, tief durchzuatmen. Sich nichts anmerken zu lassen, das ist das Wichtigste. Alles gut. Es ist alles gut! Das wiederholt sie im Geiste solange, bis sie es sich selbst nicht mehr glauben kann, das Herz klopft zu verräterisch laut. Fast fürchtet sie, er könne es hören. Dabei ist er noch mindestens vier Meter entfernt. Mindestens. Oder?
Der Kopf zuckt, aber sie widersteht dem Drang sich umzudrehen, sie hat keine Ahnung, wie weit er tatsächlich noch entfernt ist. Alles, was sie von ihm besitzt, ist ein Augenwinkelbild.
Er war gleichzeitig mit ihr, nur von der anderen Seite her, zur breiten Treppe eingebogen, da hat sie einen Blick auf ihn erhascht, um kurz nach acht in der Dämmerung des beginnenden Herbstes. Aber draußen ist es noch warm, Wetter und Jahreszeit haben lange den Bezug zueinander verloren, und sie trägt deshalb nur einen weiten Rock, lang zwar, aber dennoch: ein Rock. Er stattdessen trägt einen Bart, einen buschigen, daran erinnert sie sich auf jeden Fall. Und er wirkte kräftig. Aber im Vergleich zu ihr wirken alle Männer kräftig.

Parallel zueinander, aber mit großem Abstand, waren sie gemeinsam Stufe um Stufe die Treppe hinunter gestiegen. Sie hatte sich in diesen Momenten noch keine Gedanken über seine Statur gemacht, denn sie war sich sicher gewesen, er würde links zum Bahnsteig in die Gegenrichtung abbiegen und sie nach rechts, und das wäre das Ende ihres gemeinsamen Stück Weges gewesen.
Sie blickt sich unmerklich um, ohne den Kopf dabei zu bewegen. Irgendjemand, irgendwo? Aber der Bahnsteig ist menschenleer. Keiner da. Der sie sehen oder hören würde. Ihre Finger verkrampfen sich um die Rucksackträger, angestrengt lauscht sie und versucht einzuschätzen, wie weit er noch von ihr entfernt ist. Die anderen haben sie gewarnt.
Es sind zu viele Fremde hier! Und du kennt diese Menschen doch gar nicht, du weißt absolut nichts über sie! Das haben sie gesagt. Aber das war ihr egal bisher, sie ist im Grunde überzeugt davon, dass alle Menschen einander friedlich gesonnen sind, selbst wenn manche von ihnen das ganz tief ihren Herzen vergraben haben. Sie ist zu naiv! Schon immer gewesen. Denn, wenn man ganz links auf einer Treppe läuft, dann will man doch auch nach links abbiegen, das ist logisch. Und der Mann ist auch erst einen kleinen Schritt nach links gegangen, aber anschließend hat er zu ihr herübergesehen, ganz offenkundig, und ist stehengeblieben. Als sie dann nach rechts abbog, die letzte Treppe zum Bahnsteig hinunter, irgendwie beunruhigt wegen des musternden Blickes, ist er ihr plötzlich gefolgt. Sie weiß es, weil neben den Gleisen, auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, niemand aufgetaucht ist. Sie weiß es, weil sie seither seine Schritte in der Lautlosigkeit einer abendlich verlassenen S-Bahn Haltestelle hinter sich hören kann.

Ärgerlich beißt sie sich auf die verkniffenen Lippen, warum hat sie vorhin nicht genauer auf ihn geachtet? Alles, was sie noch weiß, ist, dass der Bart vom selben Schwarz wie die Haare waren und nur ein ausgewaschenes T-Shirt über der sonnenbraunen Haut lag. Dabei ist es Mitte September, verdammt! Da sollte es in Deutschland kälter sein. Und wenn es schon kälter gewesen wäre, wäre sie auch bestimmt nicht mehr im Rock losgezogen, um mit ihrem Bleistift den Stadtrand auf einem Blatt Papier einzufangen, weil sich das Leben mit Augen und Fingern so viel besser begreifen lässt. Und dann hätte sie die vielen vergangenen Stunden auch nicht erst bemerkt, als es zum Zeichnen schließlich zu dunkel geworden war.
Vielleicht hat der Mann sich einfach in der Richtung geirrt, vielleicht folgt er mir gar nicht, redet sie sich leise ein, aber in diesem Augenblick macht er ein Geräusch hinter ihr, etwas zwischen Räuspern und Husten.
Pass auf, haben die anderen ihr gesagt, pass auf! Du bist erst zwanzig, du bist schmächtig, du bist eine Frau – und diese Leute sind dir in der Mentalität vollkommen unbekannt, die sind in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen als du! Du kannst nicht wissen, wie sie dich behandeln werden, du weißt nicht, welche Geschichte das Leben ihnen geschrieben hat!
Nein, das kann sie nicht wissen. Alles nicht. Ihre Angst macht die Finger schwitzig, sie rutschen von den Rucksackträgern. Die Schritte verschnellern sich, sie kann es nicht mehr verhindern. Und dann sagt er etwas. Hinter ihr, laut. Es ist eindeutig an sie gerichtet, und diese unverständlichen Worte sind der Schubs, auf den ihre Angst nur gewartet hat. Vorbei ist es mit aller Selbstbeherrschung, sie will zu einem Sprung nach vorn ansetzen, aber zu spät, sie spürt schon seine Hand auf ihrer Schulter.
Schrei!, verlangt sie von sich selbst, aber sie schreit nicht. Dafür reißt sie sich mit einem heftigen Ruck los, es ist erschreckend einfach, und bevor sie sich das überhaupt vornehmen muss, rennt sie bereits um ihr Leben. Dabei rennt sie in ihrer Panik an der Treppe am anderen Ende des Bahnsteiges vorbei und rennt noch das letzte Stückchen weiter, bis sie endlich merkt, dass sie in einer Sackgasse gelandet ist.

Warum hat sie nicht auf die anderen gehört? Sie vertraut zu viel, viel zu viel, ich bin schrecklich naiv, schimpft sie sich selbst, als sie vor der Mauer zum Stehen kommt und ihre einzige Fluchtmöglichkeit der Aufzug ist, der zu lange brauchen wird. Der Mann wird sie schon fünfmal erreicht haben, bis der Aufzug bei ihr ankommt, und trotzdem drückt sie wie verrückt auf die Taste, sie muss es wenigstens versuchen! Voller Angst dreht sie sich um, bereit sich gegen den Fremden zu wehren, bereit mit allen Mitteln zu… oh.
Er steht noch dort hinten.
Dort, wo er sie angesprochen hatte.
Er ist ihr seither gar nicht weiter gefolgt. Dafür hat er die Hände entschuldigend gehoben und schüttelt wild den Kopf. Er ruft wieder etwas in seiner fremden Sprache, die sie nicht versteht, und macht jetzt sehr vorsichtige Schritte auf sie zu. In seinem Gesicht kann sie dieselbe Verwirrung lesen, die mittlerweile in ihrem steht. Warum ist er ihr nicht weiter gefolgt, wenn er … wollte er gar nicht …? Sie ringt mit sich. Was will er dann von ihr? Hat er vielleicht ein Problem? Nein, schon wieder! Die anderen sagen ihr immer wieder, dass sie zu naiv ist, sie vertraut zu viel … Aber was, wenn er wirklich ein Problem hat?

Der Mann macht keine weiteren Schritte mehr, sondern steht nur noch wartend da, um sie nicht wieder zu verschrecken. Zum ersten Mal hat sie Zeit, ihn richtig anzusehen.
Er dürfte kaum älter als sie selbst sein, bemerkt sie, und die Aufzugtüre öffnet sich. Nur ein Schritt. Sie würde im Aufzug zurück an die Erdoberfläche fahren und wäre viel schneller verschwunden, als er die Treppen wieder hinaufrennen könnte. Pass auf, haben die anderen gesagt, und sie stellt unwillkürlich einen Fuß hinter sich in die Türe, um sie am Schließen zu hindern. Noch einmal blickt sie ihn an, kann in seinen Augen weder Aggressivität noch eine Forderung entdecken.
Nein, denkt sie dann, also vielmehr: Ja.
Nein, so wie er da steht, kann sie nicht mehr glauben, dass er ihr aus böser Absicht gefolgt ist, sondern ja: Sie will vertrauen. Vorsichtig macht sie einen Schritt auf ihn zu, ein Schritt, der gegen alles geht, was sie ihr gesagt haben. Halte lieber Abstand von denen, sei vorsichtig! Zaghaft überläuft sie all diese Worte, eines nach dem anderen.
Sehr leise fragt sie ihn dann, ob er Hilfe braucht, aber er kann sie genauso wenig verstehen wie sie ihn. Stattdessen deutet er auf ihren Rucksack. Was will er denn mit …? Etwas irritiert nimmt sie ihn von den Schultern.
Und versteht.
Er ist offen. Die zusammengeknäulte Jacke hängt bereits heraus, der Zeichenblock droht ebenfalls zu fallen. Es ist der Reißverschluss, der endgültig den Geist aufgegeben hat.
Da streckt der junge Mann ihr noch etwas anderes entgegen. Ihren Bleistift.
Jetzt ist sie es, die den Kopf schüttelt, während im Hintergrund eine blecherne Stimme etwas ankündigt. Keinen Augenblick später kann man das nahende Grollen eines Zuges aus der Tiefe des Tunnels vernehmen.
Es tut mir leid, denkt sie so laut wie möglich, damit er es vielleicht hören kann. Der Zug kommt quietschend zum Stehen und der Mann deutet ein Abschiedsnicken an, er muss wohl auf den anderen Bahnsteig. Gerade will er sich von ihr abwenden, da legt sie ihm die Hand auf den Arm, die Türen der S-Bahn öffnen sich. Sie kann noch nicht viele Worte deutsch, aber das eine weiß sie schon: »Danke.«

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