Kurzgeschichte: Das Lechzen meiner Hoffnung

Diese Kurzgeschichte durfte sich stolz im Frühjahr 2015 einen Button anstecken: Den Förderpreis des dritten Landschreiberwettbewerbs.

18Landscheiber Preisverleihung

 

Das Lechzen meiner Hoffnung

Meine Tage sind begleitet von diesem Piepsen. Der Apfel, das Fruchtmüsli mit Beeren, die Biomilch von Rewe. Ich lege den Löffel neben die Schüssel, stelle das Glas Wasser zum Messer; so symmetrisch und akkurat wie nur möglich. Die Handgriffe sind sorgfältig gewählt und einstudiert. Stoische Ruhe durchzieht das Schauspiel am Frühstückstisch, wie Nebel in der Feuerlinie. Zwischen jeder Geste liegt ein unauffälliger Blick versteckt, den ich zur Mutter rüberwerfe. Die blättert in der Morgenzeitung und tut, als würde sie es nicht bemerken. Die gegnerische Front bleibt defensiv.
Mutter hat ihr Brot längst aufgegessen, den Kaffee getrunken und steht trotzdem nicht auf. Sie wirkt versunken, aber das nehme ich ihr nicht ab. Hochmut kommt schließlich vor dem Fall.
Als die Flocken schon in der Milch baden und der Apfel zerteilt ist in zwölf exakt gleich große Stücke – da schreit mein strategisches Kalkül nach einer Planänderung.
Also rücke ich den Stuhl so beherrscht wie möglich nach hinten und ignoriere das Zittern in meinen Beinen. Dann halte ich mich gedeckt im Wohnzimmernorden Richtung Klo. Mutter sieht hoch, Blicke kreuzen sich. Die Deckung ist aufgeflogen. Ihre Augenbraue wandert gefährlich weit nach oben und verschwindet irgendwann unter ihrem modischen Ponyhaarschnitt. Es fühlt sich an wie das Nachladen einer Waffe. Verbissen wende ich mich ab, schaue stur geradeaus, behalte mein Ziel vor Augen. Mutters Lippen kräuseln sich, sie hat schon entsichert, mich längst im Visier. Als Droge meiner Wahl pumpe ich mir Adrenalin durch den Körper, das mich im Endspurt über das offene Kriegsfeld trägt. Doch es nützt alles nichts; Mutter zielt, feuert, trifft. Von hinten werde ich noch von ihrem Sprachgewehr erschossen, direkt zwischen den Schulterblättern trifft mich ihr Kommentar:„Setz dich hin und iss!“
„Aber ich muss aufs -“
„Kannst du auch danach gehen. Ich werde sowieso nicht aufstehen, bis du was gegessen hast.“
Ergebenes Seufzen. Mit der Kugel im Rücken schleppe ich mich zurück auf das Schlachtfeld.

„Paula.“ Das Wort läuft durch den Raum, verheddert sich in seinen eigenen Buchstaben. Die irren dann wie verlorene Schäfchen zwischen den jugendlichen Köpfen umher und suchen ihren Namensträger.
„Paula!“ Marie, Thomas, Angela, Valerie, Julian. Carina. Paula. Man könnte uns auch ganz einfach die Nummern zuordnen, die im Personalausweis stehen. Da hat schließlich schon jeder seine eigene.
„PAULA!“ Jetzt schrecke ich endlich auf. Die Mathelehrerin durchbohrt mich mit ihrem Blick. Ich kann darin eine Erwartung lesen, deren Inhalt mir aber verborgen bleibt. Auch ein kurzes Studieren des Tafelanfschriebs bringt mich nicht weiter. Ein Strick liegt um meinen Hals, der zieht sich enger zusammen; denn mir bleibt nichts anderes übrig, als ganz unschuldig zu fragen: „Ja?“
Die Klasse bricht in Gelächter aus und Mathefrau bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie (und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl): „Raus.“
Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft noch. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre Raus nicht unmissverständlich.

Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, ja schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Das kann man einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Man zwänge ihn geradezu, seine Autorität nochmals gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste. Ich lasse hier schon genug Zeit meines Lebens liegen. Im Gang setze ich mich auf den Boden und ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Milch. Und in meinem Ohr piepst es einmal. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Da piepst es das zweite Mal. Und ich schreibe: Ein Apfel, Sorte – Granny Smith. Ein drittes Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes Raus, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für den unfreundlichen Mann im Bus, der lautstark über die lärmende Schülermenge hergezogen ist, um der Unzufriedenheit im eigenen Leben maskierten Ausdruck zu verleihen.
Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das Raus fast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken. Draußen klingelt es zur Pause. Für fünf Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben. Keine sehr effektive Strafe. Das denkt sich die Mathefrau wohl auch, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut noch mühevoll unterdrückend: „Weswegen eigentlich?“, und sie antwortet: „Genau deshalb!“
Ich habe schon zu viele Kriege geführt und zu wenige gewonnen, deshalb gebe ich jetzt nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Sie gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort.

Auf dem Pausenhof geselle ich mich zu ein paar Freundinnen. Sie empfangen mich in ihrem Kreis, wie selbstverständlich stehe ich zwischen ihnen und fühle mich trotzdem nicht rund genug. Doch die soziale Struktur verlangt meine Zugehörigkeit und wenn ich nicht im Schutze einer Clique unterkomme, wird mir das Leben hier nur noch schwerer gemacht. So wie Carina. Die isst ihr Pausenbrot mit Blick zur Endstation Boden hin. Meiner stattdessen kann sich wenigstens mit Julian treffen. Der lächelt, stellt sich zu mir und sein Arm legt sich um meine Schultern. Hier wird jetzt ein Exempel statuiert, ich bin das Beispiel seines Besitzes. Sein Arm zeigt das an und sein Finger bestätigt es, als er mir das Kinn hebt, um einen Kuss einzufordern. Seine Lippen schmecken salzig, die Zunge möchte mehr und der Strick um meinen Hals scheuert mir die Haut auf.
„Du bist schön.“, flüstert er mir rau ins Ohr und mir steigt die Galle hoch. Die üppigen Ausmaße meines Körpers werden mir schlagartig wieder bewusst. Ich fühle die sich weitende Brust bei jedem Atemzug; spüre die ganze Breite meiner Hüfte, wenn ich an Julians Oberschenkel damit stoße. Ich bin eine gerundete Frau, einer Birne gleich geformt. Alles ist gewölbt, alles überbordend. Die Birne zwingt mich ins Klischee, an eine Frau sind Erwartungen geknüpft. So tusche ich mir die Wimpern, trage kurze Röcke und lange Haare. Denn den Blicken, den verurteilenden Blicken halte ich nicht stand. Ich ordne mich den Ansprüchen des hineingeborenen Klischees meines Geschlechtes folgsam unter, den Ausschluss aus der Herde ständig fürchtend.
„Sscht, Paula?“, schnurrt Julian mir in die Haare. „Hast du mich nicht gehört? Ich find dich wunderschön.“
Ich nicke gegen den Aufschrei in meinem Kopf an. Viel schöner, als er mich findet, findet er wohl die Tatsache, dass dieser schöne Frauenkörper gerade neben ihm steht. Er kann den Arm um ihn legen, flüstert ihm leise Komplimente ins Ohr, die er eigentlich sich selber zugedacht hat. Denn jedes lobende Wort an mich, hebt doch nur seinen eigenen Status. Ich bin ein Symbol. Und wäre seine Aussage tatsächlich nur eine Aussage gewesen, sein Gefühlsausdruck, so hätte er es nicht zu wiederholen brauchen, um zu signalisieren, dass er eine Antwort erwartet. Jetzt soll ich auch noch etwas auf sein Selbstlob erwidern müssen.
Valerie grinst mir zu. Als wir zurück zum Klassenzimmer gehen, stupst sie mich an und meint: „Julian ist echtn klasse Fang. Ihr passt super zusammen.“ Ein klasse Fang. Als hätte ich einfach mit einer Angel so lange vor dem Teich gesessen, bis der größte Fisch endlich zubiss. Sie zwinkert mir zu. Ich möchte davonrennen.

Es ist das endlose Piepsen, welches mir Kopfschmerzen bereitet. Tagein, tagaus. Angela kommt mittags in der Cafeteria zu uns an den Tisch und ich bin froh, nicht mit Julian allein sein zu müssen. Jetzt klammere ich mich an meinen Kaffee, stochere in ein paar Blatt Salat herum und ernte diesen Blick dafür. Er kratzt an mir herunter, fährt mir mit Krallen übers Gesicht.
„Ist das alles?“, fragt Angela skeptisch und nickt hin zu meinem kargen Mittagessen. Ist das alles? lautet die Frage, die eigentlich keiner Rückäußerung bedarf. Sie sieht es doch, da steht ja nichts mehr. Wieso fragt sie dann? Und wieso glaubt sie, meinen Appetit einschätzen zu dürfen? Der Strick, der da um meinen Hals liegt, zieht sich weiter zu. Kein Platz in der Speiseröhre für nur ein einziges Maiskorn mehr. Ich schiebe den Teller von mir weg. Denn Angela hat in Wirklichkeit nicht gefragt, ob das alles ist; sondern sie hat mich dazu aufgefordert, mehr zu essen. Und ihr Blick mit den scharfen Krallen wartet nun drohend darauf, dass ich dieser Erwartung nachkomme. Aber ich sitze nur noch erstarrt da und fixiere sie wie ein zu Tode erschrecktes Reh. Das Raubtier in ihren Augen springt mich an, als sie ihr eigenes Tablett schließlich auf dem Tisch abstellt – vollbeladen mit Suppe, Hauptgericht und Dessert. Vom Fluchtreflex gepackt, fahre ich hoch.
„Muss mal aufs Klo“, und weg bin ich. Immerhin haben die beiden nicht ganz so viel Entscheidungsgewalt über mich, wie meine Mutter das hat, solange ich die Achtzehn nicht erreicht habe.
Das Klo ist Zufluchtsort. Hier hat keiner mehr etwas zu sagen, hier darf ich guten Gewissens die Türe abschließen und das darf man ja sonst nirgends. Ich ziehe das Heft hervor und auf meiner Liste landet ein Kaffee, schwarz. Einmal Piepsen. Notiz zur Kenntnis genommen. Mein Körper trägt nun auch noch Rechnung für einen Kaffee.
Ein paar mal atme ich tief ein, ziehe jedes Bisschen Harnsäure durch die Nase wie Koks; doch der Strick um meinen Hals ist bereits zu eng, um dem Ekel nachzugeben. Der Salat bleibt drin. Die zu enge Kehle immer im Bewusstsein, mache ich mich wieder auf den Weg zu den Anderen.

Erst nachmittags erlöst mich ein finales Klingeln vom Unterricht. Ich beeile mich loszukommen, denn in einer halben Stunde beginnt schon meine Schicht. Von vier bis acht. Ich habe nur so einen 400-Euro-Job, um mir wenigstens ein bisschen Freiheit zu erkaufen, doch der Preis dafür ist hoch. Ich tausche Zeit gegen Freiheit. Das ist widersinnig, weil Zeit die eigentliche Freiheit ist. Ein banaler 400-Euro-Job, nur so ein bisschen neben der Schule, damit Mutter mich nicht völlig in der Hand hat. Aber wer hat sich schon einmal ausgerechnet, wie lange man bei 8,50 € die Stunde für das Geld arbeiten muss … So verbringe ich drei Nachmittage in der Woche hinter der Kasse und scanne Waren. Ein ums andere Mal ziehe ich Brot, Bananen und Schokolade darüber, in endloser Vielzahl. Die Bedürfnisse der Menschen sind niemals gedeckt, sie müssen essen, essen, jeden Tag, in stundenweisen Abständen brauchen sie Nahrung, immer und immer wieder. Und es piepst und piepst und piepst jedes Mal, wenn ich den Orangensaft und das Joghurt übers Fließband – über den Scanner – bis zum Kunden – vor die Nase – ziehe. Drüber, drüber, immer wieder drüber. Das Geräusch hängt mir immerwährend in den Ohren.
Und ich bin da, ich bin der Weg zum Mittel, das Mittel zum Zweck; ich bin das letzte Zahnrad auf dem Weg zur bitterlich ersehnten Bedürfnisbefriedigung.
In vier Stunden, da kassiere ich gut dreihundert Menschen ab. Da sage ich dreihundertmal Hallo und wieder Tschüss und schönen Tag noch und halte ihnen den Bon hin, den sie dann meistens trotzdem liegen lassen. Und tue ich es nicht, dann fühlen sie sich um ihr persönliches Stück Zettel betrogen. Entmenschlicht sitze ich da und werde dennoch dazu angehalten, mich menschlich zu verhalten. Nach einer Stunde schon, da gleicht meine Stimme einem Tonband, immer wieder drückt einer auf die Repeat-Taste, sobald sich die Kasse schließt. Noch mal, noch mal, ich bin eine Maschine, die aber nicht wie eine wirken darf.
Es hört nicht auf, es hört niemals auf, die Menschen brauchen Essen, jeden Tag, jede Stunde. Aber wieso ich hier sitzen muss, das weiß keiner. Meine Augen, meine Hände, warum müssen die unbedingt kontrollieren, dass jeder für seine Bedürfnisse auch die Rechnung trägt?
Alles ist so teuer geworden, das höre ich hundertmal am Tag. Als hätte ich die Preise gemacht. Aber es muss raus, der Ärger der Menschen muss raus aus ihnen. Er trifft die nächste Person, die einfach da ist. Das bin ich. Und ich darf mich nicht wehren, ich bin dazu angehalten, freundlich zu sein. Ich muss ihn schlucken, den Ärger. Ich schlucke jedes böse Wort, solange, bis es im tausendfachen Echo durch meinen Magen hallt: Nein, so geht das nicht weiter – du bist zu teuer! Du bist einfach zu teuer geworden. Sofortiger Produktionsstopp! In dieses Bankrott-Unternehmen stecken wir keine Ressourcen mehr hinein!
Um acht Uhr schnappt die Kasse ein letztes Mal zu.
„Sehr gut, keine Differenz“, lobt mich mein Chef Thomas nach der Abrechnung. Mit dem Augenblick der Kassenübergabe an den Tresorbeauftragten soll ich mein Robotertum ebenfalls wieder ablegen. Jetzt soll ich wieder das glückliche, junge Mädchen sein, die sechzehnjährige Paula, der alle Möglichkeiten im Leben noch offen stehen. Aber wer glaubt seine Seele einfach wegschließen zu können und nach einiger Zeit gegen eine volle Geldkassette unbeschadet zurückzuerhalten, der irrt.

Ich laufe zum Bus, mein zeterndes Seelchen an der Hand. Es brüllt mich an wie eine Katze, vorwurfsvoll klagend, weil ich die Terrassentüre versehentlich geschlossen hatte und sie draußen im Regen saß.
Als ich daheim ankomme, ist Mutter nicht zuhause. Erleichtert gehe ich nur schnell duschen und lege mich ins Bett. Ein letztes Mal heute hole ich das Notizheft hervor und ziehe Bilanz. Ich wiege Erwartungen miteinander auf, leere und gefüllte Worte, Zeit, Freiheit und Maschinerie.
Dann streife ich das schwere Kleid der Ansprüche von meinem zarten Leib. Übrig bleibt ein hilfloses Gerippe, mit Haut überspannt. Meine Seele fleht leise um Hilfe, denn je mehr Substanz ich abbaue, desto schutzloser wird sie. Aber in ein aussichtsloses Unternehmen steckt man keine Ressourcen. Wenn ich nur Objekt bleibe, Besitztum und Roboter, dann bleibt da keine Hoffnung mehr für meinen bettelnden Lebenswillen.
Er sehnt sich vergebens nach dieser bedingungslosen Lebendigkeit, denn die Schlinge um meinen Hals zieht sich mit jedem Tag – jeder Erwartung, jedem inhaltslosen Hallo und wieder Tschüss, jedem Raus und jedem nur prahlenden Kuss – ein bisschen enger zusammen.

Die Haustüre öffnet und schließt sich. Die Eltern bemerken das Dunkel in meinem Zimmer und kommen nicht herein. Doch den Vater höre ich noch zur Mutter sagen: „Glaubst du, sie hat was gegessen, Marie? Die hat bestimmt wieder nichts zu Abend gegessen, bestimmt nicht. So kann das doch nicht weitergehen! Die isst ja nichts mehr.“
Und das ist alles, das sie sehen.

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