Liebe Welt, mein Kind, was liegt dir am Herzen?

Politik: Dem Herzen der Welt lauschen
Ein Spaziergang, ein guter Freund und eigentlich nur paar Gedanken zur Koalitionsbildung haben mich am heutigen Sonnenssamstag zu folgendem Satz verleitet: „Die Welt ist doch auch nur ne große Familie.“
Und mit diesem Satz ist ein Bild entstanden, das ich gerne einmal wörtlich auseinander pflücken mag.

Dazu gestalten wir die Außenpolitik ein wenig anschaulicher und behaupten: Jedes Land ist ein Mensch. Und übertragen das Ganze auf die Innenpolitik: Jeder Mensch besteht aus ner Menge innerer Stimmen.
Jedenfalls, wenn man Hesse Glauben schenkt, was ich zugegebenermaßen ziemlich gerne tu. Wir folgen auch mal der Idee des „inneren Teams“ von Schulz von Thun und stellen uns vor, alle diese Stimmen sitzen an einem Tisch und diskutieren über irgendeine Entscheidung. Und ja, da geht dann so einiges ab. Manche Stimmen fühlen sich benachteiligt und ringen um Emanzipierung, andere pöbeln rum, manche weigern sich einfach mitzuentscheiden und manchmal fühlt der Mensch als Ganzes sich so sehr bedroht von irgendwas, dass die innere Meinungsmache etwas arg extrem in eine (un)rechte Richtung ausschlägt. Denn wir dürfen über all dem schließlich nicht vergessen, dass unsere inneren Stimmen keinesfalls unberührt von der äußeren Welt sind, weil …

Alles beeinflusst alles beeinflusst alles beeinflusst alles beeinflusst
Deshalb könnten wir allein darüber gut und gerne ein paar Jahre streiten, inwieweit der Mensch überhaupt selbstbestimmt entscheidet. Aber weil das zu weit abschweifen würde, halten wir einfach mal fest: Schon die Entscheidungsfindung eines einzelnen Menschen ist eine durchaus komplizierte Angelegenheit. Eben weil man irgendwie all seine Empfindungen, Wünsche, Gedanken, Ängste – und wer immer da sonst noch bei einem mit am Tisch hockt – unter einen Hut bringen muss. Dementsprechend ist jede getroffene Entscheidung ein Kompromiss von mehr oder minder bewusst oder unbewusst miteinbezogenen inneren Anteilen.

Und das, finde ich, lässt sich ganz wunderbar auf eine Landesregierung übertragen. In Deutschland darf sogar jeder, der will, tatsächlich eine Stimme abgeben und dann wird so fair wie möglich versucht, das in den Entscheidungsfindungen unseres Landes widerzuspiegeln. Das dabei auch ne Menge unter den Tisch fällt und schief läuft, spricht eigentlich nur für die Menschen–Metapher …

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Ich mag Blumen. Und ja, das ist wichtig fürs Thema.

Jedenfalls haben wir im Endeffekt einen Haufen Länder, die alle gemeinsam in einem Boot sitzen. Nennen wir dieses Boot nun einfach mal Welt. Und nennen wir das Universum Wasser, dann ist es sogar noch hübscher.
Klar, wir haben zwar ein paar imaginäre Linien durch den Sand gezogen und grenzen uns anhand derer nun mit hinreißend albern-ernster Verbissenheit voneinander ab, aber mal ehrlich … das ist doch in der Realität einfach nur

Bullshit.
Nicht die Idee, einzelne Erdteile unterschiedlich zu organisieren. Aber zu glauben, wir wären deshalb tatsächlich getrennt voneinander. Nein, unsere Länder werden einander nicht los, egal wie sehr sie sich auch gegenseitig ärgern oder doof finden mögen. Und so kam ich überhaupt erst zu diesem überaus logischen Schluss: Na, ne Familie eben!
Ein bisschen ist das ja auch normal bei Geschwistern und Verwandten, oder? Wir sind Menschen, da wird sich gegenseitig auch mal die Köpfe eingeschlagen, gerade dann, wenn man zu viel Zeit in einem engen Boot miteinander verbringt. Und wir sind nun mal keine jemals fertigen Wesen, sondern stecken bis zu unserem Lebensende in einem andauernden Entwicklungsprozess (fest), der aus den kleinen Kindern manchmal größere Kinder macht.

Aber genau an dem Punkt möchte ich einhaken und zumindest mir selber Mut machen, denn was mir beim Spazierengehen dann klargeworden ist: Hey, in unseren Familien gibt es auch kleinere und größere Kinder, und wir als Familie (und auch als Menschheit) kriegen es doch trotzdem hin, miteinander als unterschiedlich weit entwickelte Individuen umzugehen – wir ziehen die Kinder groß, ohne ihnen ihren Seinszustand „Kind“ absprechen zu müssen und wir kommen mit Pubertierenden klar, obwohl sie vielleicht ab und zu ein bisschen arg nerven beim Rebellieren, wir haben Nachsicht mit der älteren Generation und versuchen auch als sogenannte „Erwachsene“ irgendwie miteinander klarzukommen.
Sagt nichts, natürlich läuft auch da nicht alles rund, aber im Großen und Ganzen: Kriegen wir es verdammt noch mal auf die Reihe! Sonst gäbs ja jetzt keine Menschheit mehr. Und das ist doch geil! … Also, dass wir das hinkriegen mit dem „miteinander umgehen“.
Weil das für mich im Umkehrschluss auch heißt: Es gibt einen Weg, alle Länder (in welchem Entwicklungszustand sie sich auch immer gerade befinden mögen) irgendwie einigermaßen friedlich miteinander zu koordinieren. Es. Gibt. Ihn!
Was für mich ein sehr befreiender Gedanke ist, weil ich bisher öfter mal daran gezweifelt habe. Aber wenn Familienfrieden möglich ist, dann ist auch Weltfrieden möglich.

Vom Mikro ins Makro ins Mikro
Zuletzt können wir diesen Faden nun wieder von hinten aufrollen – denn wenn die Welt eine Familie ist und jedes Land ein Mensch, der zur Familie gehört, und jeder Mensch im Land eine Stimme ist, und ich ein Mensch bin, der voller Stimmen ist … bin ich nicht dann auch irgendwie die Welt? Vielleicht ist die Welt eigentlich ein völlig homogener Stimmen-Eintopf und wir checken es nur nicht, ja – vielleicht ist die Aussage: „Ich bin die Welt“ im Ganzen doch viel weniger narzisstisch, als sie klingt, wenn die Welt auch ich sein darf.

Und wenn ich mich selber so angucke und bemerke, wie ich durch mein Leben wurschtel und mein Bestes gebe, einigermaßen gute Entscheidungen zu treffen – dann versteh ich auch ein wenig besser, dass es vermutlich gar nicht so einfach für ein ganzes Land ist, sich selber zu koordinieren (von der großen Weltenfamilie mal ganz abgesehen). Und dann könnte ich ebenso vermutlich auch die Eingangsfrage umdrehen und mich selber fragen:

Liebes Herz, mein Kind, was liegt dir an der Welt?
Und es wäre vielleicht sogar die gleiche Frage. Und damit beende ich all diese Überlegungen mit zwei vorläufigen Faziten, von denen eins ne auf ihnen basierende Frage ist:

Erstens: Wie kriegen wir es als Weltenfamillie auf die Reihe, uns miteinander zu koordinieren, ohne den einzelnen Ländern ihre jeweilig momentanen Entwicklungsstadien abzusprechen?
Zweitens: Ob die Welt sich wohl auf die Reihe kriegt, wenn ich mich selber auf die Reihe krieg?

Ups, jetzt warens zwei Fragen. Na ja, macht nix. Zum Abschluss hab ich noch mehr geistigen Input in petto, mit einer analogen Idee von einem ziemlich coolen Typen, tadaa:

Maaz:

„[…] Wenn ich die gegenwärtige Demokratie auch als eine normopathische Gesellschaft beschreibe und begreife, dann ist es ganz wichtig, dass man die großen Werte einer demokratischen Gesellschaft – also Demokratie an sich, aber auch Freiheit und Liberalität – nicht nur als äußere Werte begreift, sondern eben auch als innerseelische Fähigkeiten und Möglichkeiten.
[Fähigkeiten] Die natürlich eingeengt sind, wenn wir Selbststörungen haben, wenn wir in der Folge der eben aufgezählten Selbststörungen eben nicht zum demokratischen, zum freiheitlichen und liberalen Verhalten innerseelisch in der Lage sind.“

„Es geht auch darum, wie ich selbst in Würde lebe und überlebe, mit den Menschen, mit denen ich zusammenlebe. […] Dort geht es immer darum, dass ich bemüht bleibe, meine eigene Selbstentfremdung zu überwinden und zu erkennen.
Also im Grunde genommen hätten wir unsere Vergangenheit erst dann bewältigt, wenn jeder Antwort findet darauf: ‚Wo bin ich Nazi?‘ oder: ‚Wo bin ich narzisstisch? gierig, konsumsüchtig … und betreibe [so] diese narzisstische Gesellschaft mit?‘
Erst wenn ich Antworten darauf finde, wo das bei mir sitzt, wie ich damit umgehe, wie ich es zu regulieren lerne – dann gibt es eine Chance, dass ich wenigstens selbst zu einem Stück ehrlicheren Leben finde … und ja, wenn’s viele tun, dann hätten wir schon viel gewonnen.“

Normopathie = Persönliche Fehlentwicklung, die von der Mehrheit getragen wird

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