Wie hart kann man eigentlich zweifeln?

Liebe Janina,

wir müssen reden. Unsere Beziehung funktioniert so nicht. Ständig zweifelst du meine Daseinsberechtigung in deinem Leben an. Wie soll ich mich mit dir gut fühlen, wenn du dir alle zwei Minuten wieder unsicher darüber bist, ob wir beide überhaupt zusammenpassen? Du behauptest zwar, dass du mit mir fliegen willst, lässt dich aber von einem Atemstoß des Gegenwindes bereits umpusten.

Doch Beziehungen sind Pflanzen, sie sind wie alles andere Lebendige auf diesem Planeten auch: auf eine gewisse Kontinuität angewiesen. Ohne sicheres Fundament kann es niemals Spielraum und auch kein freies Entwicklungsfeld geben. Die ständigen Beben deiner Zweifel begraben jedes zarte, hoffnungsvoll grüne Stängelchen direkt wieder unter einer fetten Staubschicht der Niederlage, versenken es im ewigen Erdreich der Möglichkeiten. Dort bleibt es ein Könntewäremöglichvielleichtspäter. Natürlich, was man nicht hat, kann man nicht verlieren, was man nicht großzieht, kann nicht zerstört werden. Außerdem muss man sich dann niemals fragen, ob man nicht vielleicht lieber einen anderen Baum gepflanzt hätte, sagen wir eine Araucaria araucana, eine Andentanne. Klingt ja auch viel aufregender, als: Buche. Dann muss man auch garantiert keine Wachstumsschmerzen ertragen und vor allem niemals Höhenangst, falls das mit dem Wachsen tatsächlich geklappt hätte.
Aber ich hoffe, du weißt, der Preis deiner Unbeständigkeit ist das dunkle Träumerdasein unter der Erde. Da kann man sich zwar gefahrlos ausmalen, wie farbenfroh die Welt da draußen wäre, doch mit allen Sinnen erfahren wird man sie nie. Davon mal abgesehen, gibt es da unten die Wühlmäuse der verpassten Chancen. Am Anfang nagen sie vielleicht nur ein bisschen an dir, wenn sie leise nachfragen, was gewesen hätte sein können, wenn du damals nur mal noch einen Schritt weiter gegangen wärest … doch ich verspreche dir, eines Tages wirst du völlig zerfressen von ihnen sein. Natürlich kannst du hier trotzdem im Dunkeln sitzen bleiben, das ist deine Entscheidung, denn:

Ja, du bist ein geistiges Wesen, ein Stück Stille, und in der Stille nicht mal mehr ein Stück, sondern ein Ganzgewordenes mit allem anderen um dich herum. Aber nein, du bist eben nicht nur Geist, sondern: Ja, du bist ein körperliches Wesen.
Im Atombausetzkasten der Welt zusammengebastelt, nach physikalischen Gesetzen geformt und mit all dem Pipapo, den dein Verstand so gerne in allen Einzelheiten zerpflückt, nur, um dann doch niemals aufzustehen und tatsächlich loszugehen.

Ja. Auch Zweifel haben ihre Daseinsberechtigung, wenn sie ein konstruktives Be-Denken sind. Es ist wichtig, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, ob sich das Zusammenleben für einen noch stimmig anfühlt, oder ob man es vielleicht verändern oder gar aufgeben muss. Aber deine Unschlüssigkeit, liebe Janina, das ist kein produktives Hinterfragen, sondern einfach derb langweilig gewordenes Beziehungsdrama – ständig erstickst du unsere Saat im Keim!

Wenn du fremde Prachtbäume dazu benutzt, unseren kleiner zu reden, als er ist.
Wenn du dich nach verblühter Vergangenheit umdrehst und dir die Zukunft ausredest.
Wenn du plötzlich zu träge zum Gießen bist und alles Entstandene vertrocknen lässt.
Wenn dir die Gegebenheiten ständig nicht mehr passen, du das ganze Pflänzchen aus der Erde reißt und woanders versucht, wieder reinzustecken.
Wenn du bei jedem Missgeschick den Mut verlierst und über alles drüber trampelst.
Wenn du dich nach den Beschnittwünschen der anderen richtest und dann alles kurz und klein schnippelst. Und dann behauptest, dass du halt einfach nicht gärtnern kannst.

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Gut, wenn du dir das alles einreden magst, ist das deine Sache – nur, hör dann auf, uns beide zu sabotieren und lass mich in Ruhe. Für mich ist so ein künstlich kleingehaltener Bonsai einfach nichts. Ich wünsche mir einen richtigen Baum, den wir gemeinsam großziehen. Eine simple und solide Buche. Damit ich eines Tages in dieser Baumkrone sitzen kann und mich darin vom Wind bewegen lassen und glaub mir, das Gefühl kommt dann schon ziemlich nah an Fliegen ran. Ich wünsche mir die schwindeligen Höhen der Freiheit und die frischeste Entwicklungsluft, einen breiten Stamm zum Anlehnen, ich wünsche mir ein zweifelfestes Blätterdach. Und ich wünsche mir ein Beziehungsgeflecht mit starken Ästen als Grundfesten der kreativen Entfaltung des Detailverzweigten, denn es will sich endlich ausbreiten und kleine Früchte tragen.

Und wir beide, wir gehören natürlich zusammen, wenn wir nur beide überzeugt davon sind! Das Leben hat diese enorme Anziehungskraft zwischen uns garantiert nicht geschaffen, damit wir an ihr scheitern. Sondern, um sie zu meistern.
Also, bitte. Du willst wirklich mit mir fliegen?
Dann werde bodenständig.

Denn ohne Baum kann es auch keine Buch-Eckern geben.

In Liebe,
dein Schreiben

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