Widersprüche im ewigen Kreis

Das menschliche Dilemma der Paradoxa
Unser Beurteilungsvermögen ist von der Gegensätzlichkeit geprägt. Wir werten, indem wir miteinander vergleichen – und haben dadurch eine Welt der Kontraste gebaut. Schön hässlich, angenehm schmerzhaft, hell dunkel, wahnsinnig klar.
Diese Fähigkeit zur Differenzierung ist in der Tat ziemlich nützlich, um Entscheidungen zu treffen. Da hat unser Gehirn wiedermal einen klugen Schritt weiter gedacht. Indem wir Zustände durch Bewertungen nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch miteinander in Relation setzen können, haben wir ein extrem machtvolles Werkzeug zur Hand, um selbstständig gute Wahlen für unser Leben treffen zu können. Wir können damit über gemachte Erfahrungen reflektieren, sie einsortieren und entscheiden, wie wir die Zukunft vor diesem Hintergrund gestalten möchten.

… Aber die Medaille hat natürlich zwei Seiten (wie sollte es auch anders sein, genau das meinte ich ja, mwuah). Denn die Bewertungsgabe nimmt uns logischerweise die Neutralität. Und das ist für mich die naturgegebene Grenze des menschlichen Verstandes – er kann super differenzieren und bewerten, aber er bleibt darum verhaftet in seiner Gegensätzlichkeit. Mit dem Verstand schaffe ich die Grenzen, kann sie aber nicht auflösen.
Denn was er nicht fassen kann, ist der – ich nenne ihn liebevoll – weltliche Einheitsbrei. Äh hä? Ja warte, ich erklärs gleich. Nur Geduld. Von vorne:

Form vergeht
Brechen wir es mal herunter auf die krassesten beiden Pole. Da ist die Geburt, die dem Tod gegenüber steht. Ich wette, dein Verstand hat da außerdem direkt Bewertungen für anzubieten. Vielleicht wird der Tod schon im ersten Eindruck weniger angenehm wahrgenommen als der Gedanke an ’neues Leben‘.
Wir wissen zwar theoretisch, dass es das Eine ohne das Andere nicht gibt, aber zumindest mein Kopf zieht schnell eine Grenze und sagt: Ooh, da aus dem Samen wächst ein neues Pflänzchen, wie schön, jaaaa. Was, da hinten liegt ein toter Vogel? – Bleib mir bloß weg damit!

Geburt und Tod sind also zwei scheinbar unvereinbare Gegenteile. Wäre da nicht etwas zwischen ihnen, einen Moment, ich glaube, es hieß: Leben.
Und dieses mysteriöse Leben scheint die zwei Worte sogar sehr zuverlässig miteinander zu verbinden.
Macht unser Verstand eine Trennung zwischen Geburt und Tod? Ja.
Gibt es aber eine reale Trennung, wenn diese beiden Zustände doch so unleugbar durch das Leben miteinander verbunden sind? Es gibt den einen Zustand ohne den anderen schließlich nicht.

Im ewigen Kreis
Jaa, für den Verstand ist das schwer begreiflich – der findet natürlich, dass das zwei völlig verschiedene Dinge sind. Aber trotzdem existiert doch beides auf dieser Welt, im selben Augenblick stirbt etwas und gleichzeitig wird etwas anderes geboren. Um dem einen Hut aufzusetzen: Das Andere wird sogar aus und auf der Asche des Einen geboren.

So entsteht der fast komische Widerspruch, dass ich Brennesseln sammele, die wochenlang im Wasser ertränke, bis sie sich völlig aufgelöst haben und damit schließlich anderen Pflanzen beim Wachsen (also geboren werden) helfe. In dem Fall nennen wir das Düngung und haben wenig Bedenken – aber wenn es darum geht, dass auch menschliches Material vergilbt (Wirf mal einen Blick in den Spiegel, da kann man jeden Tag live zugucken, wie das passiert) und sich am Ende mit der Erde vereint, zu Staub wird und neues Leben darauf wächst … dann fühlt sich das plötzlich gleich viel bedrohlicher an.

Müll existiert nicht
Damit zurück zum weltlichen Einheitsbrei: Der entsteht nämlich für mich, wenn man dieses Phänomen einmal aus der Ferne betrachtet. Etwas entsteht, wächst, befruchtet, gedeiht, blüht, tanzt, verwelkt, stirbt, zerfällt in seine Einzelteile, wird Staub und ist dann Nährboden, entsteht, wächst … blablabla. Es ist – ein Kreislauf. Ein Kreislauf, dem ständig neue Formen entspringen: Dinos, Steine, Tulpen, Menschen, Schnee, Walnüsse, Schnecken, Palmen, ihr versteht vielleicht, was ich meine.
Nichts auf dieser Erde geht verloren, alles ist immer da. Es verändert laufend seine äußere Form, aber die Essenz verschwindet niemals. Deshalb ist das Konstrukt des Mülleimers eigentlich auch Schwachsinn, denn er birgt diese verlockende Illusion, man könne etwas ‚loswerden‘. Quark! Wir sind ein irrer Verwertungskreislauf, aber nichts kann tatsächlich vernichtet werden, alles ändert nur seine Form.
Natürlich kann man einen Wald niederbrennen, aber seine Essenz liegt dann trotzdem noch auf dem Boden, ist in der Luft, hat völlig den Zustand verändert, aber ist niemals weg im Sinne von nicht-mehr-existent. Na klar ist da noch etwas existent, nur halt: Anders.

Der Verstand kann das aber nicht wirklich begreifen. Er kann es gedanklich nachvollziehen, wenn ich sage, dass sich nichts in Luft auflöst und in der Asche die Überreste des Baumes sind – aber er kann es nicht be-greifen. Was vermutlich damit zusammenhängt, dass der Verstand keine Hände hat. Damit sind wir dem ganzen Geheimnis schon ziemlich nah gekommen: Das Wesentliche kann man eben nur fühlen. Manchmal mit den Händen. Manchmal anderweitig. Aber …

… der Verstand hat keinen Zutritt zum Mysterium (Veit Lindau)
Das skeptische Naturell unseres Verstandes entspricht einer seiner größten Fähigkeiten: Er ist begrenzt. Für ihn wird im Tod wahrscheinlich immer eine gewisse Bitterkeit liegen (und das ist auch okay), aber da sind wir wieder mitten im menschlichen Dilemma angelangt: Das Leben ist schrecklich paradox, wenn man versucht, es mit dem Kopf zu kapieren. Alles steckt voller Widersprüche.

Eine Ebene tiefer gibt es die nicht mehr. Löst man die Bewertungen der Dinge auf, verschwimmen mit ihm die Grenzen zwischen den einzelnen Formen. Dann ist Geburt und Tod untrennbar miteinander verbunden, denn das Leben zieht eine Brücke zwischen ihnen. Dann gibt es Zeit nicht mehr als Gestern-Heute-Morgen, sondern sie wird zum allgegenwärtigen Jetzt. Dann gibt es nicht mehr dich und mich, sondern bloß noch diesen Funken Bewusstsein, den wir miteinander teilen.

In dieser Bewertungsfreiheit liegt wahrer Frieden begraben. Es gibt kein Gut und Schlecht, denn alles I S T. Bewertung ist ein Konzept, das man auf die Realität drauflegen kann und der sehr viel Nützlichkeit innewohnt, aber gemäß seiner Dualität auch ein Schatten. Der Schatten, das alles zwei Seiten bekommt. Eine helle und eine dunkle.
Dem Leben selbst ist das vollkommen egal. Das Leben lebt. Es lebt, wenn wir es scheiße finden und es lebt, wenn wir es gut finden. Es lebt, wenn wir geboren werden und es lebt weiter, wenn wir sterben. Ist das schlimm? Nur, wenn wir es bewerten.

Ein Fazit
An dieser Stelle möchte ich das Wunder des Verstandes noch mal huldigen. Denn es passiert mir öfter, dass ich mit meinem Kopf im Streit liege, weil er Sachen bewertet – ich deswegen schlechte Laune habe und mich darüber aufrege, dass er alles immer gleich bewertet. Alter, der kann so ne Nervensäge sein. Dabei will ich doch nur Frieden.

Aber es ist eine sehr, sehr mächtige Fähigkeit, dass wir werten können. Wir können unseren Verstand damit sehr bewusst einsetzen und ihn als Instrument benutzen, um auf dieser Welt die Formen zu erschaffen, die uns guttun.
Denn: Es gibt keinen Müll! Nichts verschwindet! Und wenn wir tonnenweise Material zu Plastik verarbeiten, haben wir diese Formen zwangsläufig eine Weile (und diese Weile wird unser eigenes Leben wohl deutlich überschreiten) auf unserem Planeten.
Ja, auch Plastik ist ein immens praktischer Stoff, aber da greift wieder die Zweiseitigkeit der Medaille (woah, wie oft denn noch heute? …. Ne im Ernst, guckt mal in deinem Alltag, da findet man dieses Prinzip ständig. Wie oft kannst du es für dich zum Besten nutzen?).

Deshalb liebe ich meinen Verstand dafür, dass er differenzieren kann und auf diese Weise unsere Erde aktiv mitgestalten. Mein Konsumverhalten entscheidet grundlegend mit, welche Formen diese Welt weiterhin zum Vorschein bringen wird. Deshalb kann man sich überlegen, welche Formen man gerne mag.
… Strumpfhosen? Bäume? Gras? Tontöpfe? Geschlachtete Schweine? Taschentücher? Bananen? Cola? Zahnbürsten und wenn ja, wie viele?
Egal was. Alles, was du berühren kannst, ist eine Form.
Gefällt sie dir? Magst du, dass sie weiter Bestand hat? Was für Konsequenzen hat diese Form? Gefallen dir die wiederum?
Und so können wir unseren Verstand richtig fett geil dafür einsetzen, auf diesem Planeten die coolsten Formen zu formen, die uns einfallen. Oder auch das Gegenteil. Ist unsere Entscheidung. Dafür haben wir schließlich einen Verstand.

… und manchmal relativiert der sich sogar von ganz allein:

SANYO DIGITAL CAMERA

Ooooh, ne Katzeeee. Aaah, die liegt ja schon wieder in meinen Pflanzen!! Die soll doch ni- aah, egal. Verdammt, ist die süß.

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