Loslassen tut weh – wirklich?

Wieso Loslassen, wenn ich es auch festhalten kann!
Das war ein zentraler Grundsatz in meinem Leben
… der in vorhersehbaren Abständen gescheitert ist.
Aber Abschiede, wenn ich das Wort nur schreibe,
wird mir schon schlecht davon.

Denn in Paulas schönem Leben werden
alle guten Menschen und guten Momente und guten Gefühle
in essbare Portionen zerstückelt, eingetütet
und im Gefrierschrank konserviert.

Dosenfutter mag ich zwar überhaupt nicht;
vorgekaut, vorgekocht, vorgefertigt,
alles nicht mein Ding. Nein, frisch soll es sein.
Beseelte Erlebnisse, lebendig, echt aus der Natur
und obendrein authentisch bitteschön.
… aaaaber dann einfrieren wollen.

Das Leben ist leider keine Gefriertruhe
Tja, dass das mit dem Schockfrosten nicht funktioniert, habe ich mir schon so halb gedacht und trotzdem die meiste Zeit meines Lebens probiert zu überlisten. Und wenn überlisten nicht ging, immerhin eine Weile verdrängen. Nur bis der nächste Verlust kommt natürlich … denn dann ist das Geschrei jedes mal groß!
Tatsache ich jedoch: Das Leben kann einem einfach alles wieder wegnehmen. Einfach – ALLES. Alles, was du benennen kannst, kann dir genommen werden. Daran versuche ich mich jeden Tag zu erinnern und mein Ego versucht es jeden Tag wieder zu vergessen.

Aus diesem Gedanken resultierte eine Verlustangst, die begleitete mich seit jeher in den kleinen und großen Dingen des Lebens:
Wenn eine Achterbahnfahrt beginnt, denke ich manchmal schon traurig an ihr Ende;
wenn der Sommer sich in den Herbst wandelt, wird es mir mulmig zumute;
wenn ich am Montag hässlich früh aufstehen muss, kann ich das Wochenende vielleicht nicht mehr richtig genießen;
wenn ich Menschen kennenlerne, frage ich als Erstes, ob sie denn einen Auslandsaufenthalt geplant haben und schiebe sie dann vielleicht lieber gleich wieder aus meinem Leben raus.

Ich hetze ziemlich viel durch die Gegend deswegen, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen und verpasse dadurch das Meiste;
ich versuche alle Menschen, Gegenstände und Hobbies krampfhaft in meinem Leben zu behalten, weil ich fürchte, irgendetwas davon wieder loslassen zu müssen;
ich beginne mich zu verstellen, um etwas nicht zu verlieren;
ich bekomme plötzlich Angst vor dem Tod;
und ich beginne Besitzansprüche an alles Mögliche zu stellen.

Mein Kopf hat sich mit der Zeit einen regelrechten Masterplan gebastelt,
was ich alles tun muss, wie ich mich verhalten muss, wer ich zu sein habe und welchen Ansprüchen ich genügen muss, um den ultimativen Verlust zu vermeiden. Den ultimativen Verlust von was auch immer. Von einer bestimmten Lebenssituation, von gefühlter Sicherheit im Job, von Menschen in meinem Alltag, von guten Gefühlen.

Meine Verlustangt wusste auch immer von ihrem Lieblingsaussichtspunkt meiner Schulter zu flüstern: Es ist ganz einfach, du musst bloß alles immer kontrollieren!
Jaaa, hahaha.
GEHT NICHT!
Trotzdem folg(t)e ich tagtäglich vielen nervenaufreibenden Glaubenssätzen, auf die mein Kopf sich einbildet, dass sie mich vor Verlust schützen könnten, aber …

… das Leben so: Äh, Nein!
Das müssen wir nun nicht im Detail ausführen, das kennt sicherlich jeder selber: Man denkt, so funktioniert die Welt und dann funktioniert sie einfach anders.
Man hat eine super Woche geplant und dann wird man einfach krank.
Man besucht seine Oma im Krankenhaus nicht und dann stirbt sie einfach.
Man klammert sich mit Leib und Seele an seinen Partner und der verlässt einen trotzdem (… oder deswegen).
Einfach. So.
Und nun?

„Du kannst nichts haben, solange du es nicht loslässt“ (irgendjemand Kluges)
Meine Angst vor Verlust ständig im Nacken, ist mir bewusst geworden, dass ich nichts wirklich genießen kann – sobald ich Angst habe, lasse ich mich nicht mehr wirklich ein.
Erst wenn ich mit dem Bewusstsein, dass nichts ewig ist, in den Moment eintrete und mich dem hingebe, kann ich überhaupt aufnehmen, was da an schönen Erfahrungen und Gefühlen in mein Leben tritt.
Da ist kein Platz etwas wahrhaftig zu erleben, wenn man schon mit Festhalten beschäftigt ist, während es stattfindet. In diesem Versuch etwas krampfhaft behalten zu wollen oder länger auszudehnen, verliere ich genau den Augenblick, in dem ich es hätte erleben können … denn mein Kopf ist zu oft bereits auf der Metaebene und mit Konservierungsarbeiten voll ausgelastet.

Das ist, als würde ich den ganzen Tag darüber nachdenken, wie ich am besten verhindern kann, dass der Tag vorüber geht – und der Tag geht schließlich irgendwann zuende (wie dreist von ihm!) und ich habe damit nichts getan, als über eine künstliche Verlängerung seiner Dauer nachzudenken.

Jede Erscheinungsform ist der Vergänglichkeit unterworfen
Alles was ich berühren kann, werde ich wieder loslassen müssen.
Denn: Ich sterbe.
und denn: Alles verändert sich. Fortwährend. Da ist sie, die Realität!
Jedes Jahr lassen die meisten Bäume ihre Blätter fallen, jeden Abend geht die Sonne unter und unzählige Zellen meines Körpers sterben jetzt genau in diesem Moment.
Wirklich Malina, du musst ALLES am Ende ohnehin wieder loslassen. Ganz ehrlich.
Diese Erkenntnis versuche ich tief in meinem Leben zu verwurzeln.
Integriere sie in meinen Alltag.

So stellten sich die Folgefragen mit der Zeit wie von selbst:
Möchte ich Zeit meines Lebens tatsächlich damit verbringen, mich an allem festzuklammern, was mir zwischen die Finger kommt?
Mir einreden, dass ich Kontrolle darüber habe?
So tun, als müsste ich nicht wieder alles loslassen?
So tun, als gäbe es Besitz?
Das klingt ein wenig überflüssig vor der Tatsache, dass alles vergänglich ist und sowieso wieder losgelassen werden muss. Das macht schon Sinn, hmm.
Aberaberaber – loslassen tut doch so weh!

Loslassen tut weh – wirklich?
Endlich habe ich mir die Mühe gemacht, mal ehrlich darüber nachzudenken.
Nehmen wir an, mein Partner verlässt mich. Tut mir tatsächlich weh, dass er nicht mehr da ist … oder ist es vielmehr, dass ich mich dagegen wehre?
Tut es weh, wenn ich Pläne mache, krank werde, die aufgrund dessen nicht verwirklichen kann und anschließend loslasse … oder ist es schmerzhafter, wenn ich eben an diesen Plänen festhalte, obwohl ich doch merke, es geht nicht?

Für mich hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, das mir eigentlich nicht das Loslassen, sondern gerade das Festhalten wehtut. Sobald ich demgegenüber, was nunmal Realität ist, in einen Widerstand gehe – leide ich. Sobald ich versuche etwas zu behalten.
Egal was es ist: Den Tag, den Freund, das Ding, die gute Laune, die Kreativität oder mein Haus.
Schmerzhaft ist, wenn ich es eben nicht loslasse.
Das war vielleicht erleichternd zu erkennen. Loslassen ist gar nicht schlimm! Loslassen ist sogar eben das, was mich befreit, wenn es mir schlecht geht.

„Das bloße Verlangen nach der Wiederholung des Vergnügens ruft Schmerz hervor, denn es ist nicht mehr das Gleiche wie gestern.“ (Jiddu Krishnamurti)

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte“ (Lao Tse)
In der Pferdewelt gibt es den schönen Begriff der Losgelassenheit.
Er beschreibt den Zustand eines Pferdes, dessen Muskeln sich in der Bewegung unverkrampft an- und entspannen, innerlich ist es ruhig und im zwanglosen Dialog mit dem Menschen.

Ich kenne dieses Befinden ebenfalls, zum Beispiel manchmal beim Tanzen. Wenn das Denken aufhört und ich durchlässig werde. Wenn alles zu fließen beginnt. Impulse kommen und gehen widerstandsfrei durch meinen Körper. Der wiederum ist aufmerksam und lässt geschehen. Was auch immer kommt. Er nimmt es an, wandelt es um, lässt es frei.
Beim Paartanz bin ich auf diese Weise gut zu führen – und zappel ich mit mir alleine um die Wette, trägt die Musik mich auf Händen durch ihr Lied; ganz ohne, dass ich groß an meine Bewegungen denken müsste.

Was passiert wohl, wenn ich so auch dem Leben gegenüber treten würde?
Man stelle sich einmal vor, ich würde mich tatsächlich gegen den Wandel der Zeiten nicht mehr wehren. Ich würde mich der Veränderung des Universums hingeben, jeden Augenblick.
Das Leben würde mir Impulse schicken – Menschen, Situationen, Gefühle – und ich würde zu keiner einzigen innerlich NEIN! sagen, sondern sie alle annehmen. Ich würde es zulassen, dass sie mich berühren; dass sie in mein Leben treten und mich innerlich bewegen dürfen. Sie haben die Erlaubnis durch meinen emotionalen Körper zu fließen. Sie haben die Erlaubnis, mich wieder zu verlassen, wenn das Universum entscheidet, dass es Zeit für etwas anderes ist. Ich müsste sie nicht festhalten – die Menschen, Situationen, Gefühle – denn ich wüsste, das Leben schenkt mir in jedem Moment, was ich wirklich brauche.
Das wäre für mich die absolute emotionale Losgelassenheit. Sie ist durchlässig, widerstandsfrei und darum ohne Leiden.

„Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche(Lao Tse)
Etwas, das mich von dieser Durchlässigkeit regelmäßig abhält,
ist der Gedanke: Ich brauche das aber! (diesen Menschen in meinem Leben, dieses eine Gefühl, das bestimmte Erlebnis, meine Gesundheit, die Umsetzung jener Pläne … )
Das ist klein Paula mit Füßen stampfend, trotzig die Arme vor der Brust verschränkt. Mit Tränen in den Augenwinkeln tobt sie im Kreis, brüllt herum und verflucht die ganze Welt, wenn sie nicht bekommt, was sie möchte – wenn sie dabei doch denkt, sie brauche das jetztaberechtganzwirklich ÜBERLEBENSWICHTIGDRINGEND! Das ist Angst.
Die nackte Angst um das Überleben unreflektiert nach außen gekehrt. Hinter: Ich brauche aber genau das jetzt steckt eine emotional aufgeladene Gedankenkette, in der klein Paula -logischerweise- letztendlich ALLES verliert und natürlich sofort stirbt, wenn sie nun nicht das bekommt, was sie gerade denkt zu brauchen (und by the way: ja, eines Tages stirbst du – und, ist das wirklich schlimm?).

Ich nehme sie an der Hand, mein kleines Mädchen und setze mich eine Weile mit ihr auf den Balkon. Wir streicheln die Kätzchen, fühlen milde Sommerluft auf der Haut. Die Sonne nähert sich bereits dem Horizont und taucht uns in das warme Licht der Dämmerung.
Also meine kleine Paula, wende ich mich an sie, lass uns doch einmal gemeinsam auf dein bisheriges Leben zurückschauen:
Erinnerst du dich an die Momente in deinem Leben, in denen du dir nicht vorstellen konntest, dass es jemals anders sein könnte und nun ist trotzdem alles anders?
Erinnerst du dich an Menschen, von denen du dachtest, du könntest nicht ohne sie sein und sie sind trotzdem nicht mehr in deiner Gegenwart?
Wie oft sind Dinge völlig unerwartet passiert, die du eine Minute, eine Stunde oder einen Monat vorher überhaupt nicht vorausgesehen hast?
Wenn du ein Jahr in Vergangenheit reisen könntest und zu dir selbst sagen: Guck mal, in einem Jahr wirst du dieses und jenes tun! oder es wird das passieren! würde dein altes Ich vielleicht lachen oder sich an die Stirn tippen, weil es damit niemalsnicht gerechnet hätte?
Klein Paula denkt eine Weile nach. Ihre Nasenspitze wird von der Sonne ein letztes Mal gekitzelt und manchmal nickt sie gedankenverloren vor sich hin. Wenn sie ruhig wird, findet sie tatsächlich viele Beispiele dafür, wie sie dachte: So und so, das wäre jetzt richtig, wichtig oder nötig und anschließend ist es ganz anders gekommen – und das war entweder auch in Ordnung oder viel besser oder wichtig für etwas anderes.
Klein Paula wischt sich die Tränchen weg und nickt tapfer. Na gut, sagt sie, mal gucken, was wirklich passiert, wenn ich NUR DIESES EINE Brauchen jetzt loslasse. Ich bin bereit, es auszuprobieren.
Gemeinsam legen wir die Kontrolle des Lebens zurück in die Hände des Universums und schicken einen Gruß hinterher. Denn wir erinnern uns daran, dass es nicht in unserer Macht liegt, über das Brauchen zu entscheiden und können nun vorbehaltlos das Wunder genießen, das da gerade vor unseren Augen geschieht: Die Sonne küsst den Horizont, verabschiedet sich von ihm und wir alle drei -Paula, Malina und der Horizont- wissen mit einem Lächeln, dass sie schon wieder zurückkehren wird, wenn das Leben entscheidet, dass es Zeit dafür ist.
Angst vor der Dunkelheit haben wir keine mehr. Das Leben ist schließlich bei uns.

… und wie macht man das mit dem Loslassen nun?
Damit werde ich mich beschäftige ich mich hier, denn:

„Wer loslässt vom Muss – wird wollen
Wer loslässt vom Wollen – wird tun
Wer loslässt vom Tun – darf sein“
(Wilma Eudenbach)

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2 Gedanken zu „Loslassen tut weh – wirklich?

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