Wie ich loslasse

Loslassen befreit.
Nachdem ich letzte Woche festgestellt habe, dass nicht das Loslassen, sondern eben das Festhalten schmerzhaft ist – habe ich mich damit beschäftigt, wie ich an diesen Zustand der Durchlässigkeit herankommen könnte und das Loslassen besser lernen.
Dabei ist mir zufälligerweise der passende Satz ganz von selbst über den Weg gelaufen. Scheinbar zufällig, denn wenn ich Eines mittlerweile verstanden habe, dann das Resonanzgesetz! Ich muss nur die Augen aufmachen und solche Sätze passieren:

 

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Für mich bedeutet das so viel wie: Da wo meine Aufmerksamkeit sich befindet, ist auch meine Energie. Sie ist gebunden an meinen Fokus.
Als ich vor einigen Jahren so in der Bulimie verhangen war, ist ein ständig wiederkehrender Gedanke gewesen: Ich will die Essstörung loslassen.
Dabei habe ich logisch schlussgefolgert: Wenn ich etwas loslasse, entsteht Raum.
Diesen Raum muss ich mit Etwas anderem füllen. So bin ich darauf gekommen, dass die aktive Aufgabe nicht darin bestand, die Bulimie loszulassen, sondern mich neu zu orientieren und meinen gedanklichen, zeitlichen und emotionalen Raum anders füllen zu lernen.
Loslassen bedeutet in diesem Sinne für mich eine Umorientierung.
Alles, was man in seinem Leben nicht möchte, verschwindet oft automatisch, sobald man sich auf jenes ausrichtet, das man eigentlich will.
Deshalb entstand das gefühlte Paradoxon, dass ich mich etwas (anderem) zuwenden muss, um etwas loszulassen. Das war total erleichternd, denn das bedeutet, dass ich immer etwas aktiv tun kann.

Sobald ich nämlich versuche, etwas bewusst loszulassen, richte ich meine Aufmerksamkeit auf eben diese eine Sache, die ich eigentlich loslassen möchte. Geht die dadurch weg? Ganz im Gegenteil … und das habe ich in einer lebenslangen Selbststudie mehr oder minder unfreiwillig sehr viel getestet. Glaube mir oder probiere es einfach selbst aus: Denk mal jetzt bitte nicht an lila Eisbären.
Na, wie lange hat es gedauert, bis dein Kopf ein inneres Bild gezaubert hat?
Im Gehirn gibt es das Wort nicht nicht.

So beschäftige ich mich mittlerweile nicht mehr mit dem Loslassen an sich, sondern lieber mit dem, was ich in meinem Leben manifestieren möchte.
Richte ich meine Aufmerksamkeit nämlich auf das, was ich eigentlich möchte, lässt das Andere – völlig ohne mein (hin)Zu-tun – einfach mich los.

 

It’s simple but not easy.
Im Nachhinein klingt das alles so logisch, dass ich mich gewundert habe, wieso ich da nicht früher drauf gekommen bin und warum ich das nicht öfter tu: Loslassen. Umorientieren. All diese schlauen Dinge. Trotz unschlagbarer Logik zieht es mich doch oft zum Gewohnten zurück. Trotz allem halte ich mich teilweise sogar lieber an schmerzhaften Geschichten fest, anstatt weiterzuziehen.
Müsste die Menschheit nicht durchweg glücklich sein, wenn es doch so einfach ist?
Wo kommt der Widerstand her, sich dem Loslassen hinzugeben?
Aus meinem Verständnis heraus entsteht es aus der Angst des Egos vor dem Tod.

 

Das mysteriöse „Ego“
Ich habe es für mich mittlerweile so definiert: Das Ego ist mein innerer Namens-Geber.
Mein Persönlichkeits-Macher. Mein Mein-Sager. Es setzt mich in Beziehung: Zu mir, zu Anderen und zur Welt. Es ist der Ort allen Definierens und Beurteilens.
Hier sind sie zuhause: alle fixen Ideen meines Gehirns. Manchmal auch als Wissen betitelt, wie die Welt so ist und den Vorstellungen darüber, wie sie vor allem zu sein hat.

Jetzt kommts aber: ICH bin das nicht. Ich lebe nämlich auch, wenn ich nicht denke.
Mein Ego weiß das bloß nicht, weil es selbst eben nur mittels Denken existiert. Es bastelt mein „Ich“ schließlich aus diesen Bezügen, die es herstellt: zur Vergangenheit und eventuellen Zukunftsplänen, Freundeskreis, Beruf – eben all dem Blabla in dieser Welt, was einem wieder weggenommen werden kann, weil es eine äußere Form ist.
Der Tod des Egos (nicht der Tod meiner Existenz!) ist also das Alleinsein = die Bezugslosigkeit.

Der Widerstand gegenüber dem Loslassen entsteht dementsprechend aus der Angst vor dem Alleinsein – womit nicht primär physisches Alleinsein gemeint ist (aber auch).
Sobald ich etwas loslasse, bin ich nämlich „alleiner“ als vorher!
Ganz egal, ob es sich dabei um einen Menschen, eine Erinnerung, einen Gegenstand oder eine Vorstellung von der Welt handelt.

Das Problem: Sobald ich denke so ist es / sollte es sein und die Welt ist nun mal anders, tut es weh (was fällt der eigentlich ein!).
Da Leiden aber nicht mein favorisierter Seinszustand ist, habe ich also überlegt, wie ich mit diesem Protest, den das Ego mir gegenüber meiner Durchlässigkeit bietet, umgehen könnte.
Mein Ehegelübde drückt das folgendermaßen aus – kurz, knapp und radikal:

Ich bin bereit, mein Ego
ein ums andere Mal sterben zu lassen.
Eigenhändig werde ich es auf den Scheiterhaufen stellen
und freiwillig anzünden.
Ich bleibe im Feuer stehen und fühle.

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Oh oh, ich ahne schon, was kommt …
ja, ich habe eine äußerst konkrete Antwort gefunden.
Allen Schmerz auf allen Ebenen bewusst willkommen heißen!
Zu allem, einfach ALLEM ein großes JA aussprechen.
Jeder Situation, jeder Emotion, jeder Erfahrung:
Einfach nur JAAA, ich bin DAAA! Komm in meine Arme, Schmerz.
Weil nämlich:
Jedes Nein der Außenwelt entlarvt mein eigenes Glaubenssystem.
Und immer, wenn es wehtut, weiß ich:
Aha, die Paula klammert sich gerade an einem Gedanken fest.

Anschließend löse ich meine Identifikation damit, indem ich anerkenne, dass Gedanken nicht die Wahrheit, sondern nur Worte sind; mache die eigentliche Realität ausfindig und stelle mich damit Tag für Tag mitten ins Feuer. In das Feuer meines Festhaltens.

Alles, was mir das Leben von sich zeigt, wird seither offenherzig begrüßt:
Her mit den Erfahrungen, vor denen mein Ego sich fürchtet!
Sag mir alles, was mein Verstand nicht hören will, Leben!
Gib mir alles, vor dem ich Angst habe!
… und naja, zum Offen-Herzig begrüßen: Das klappt eben mal mehr, mal weniger gut, nüschwahr.

Ich versuche aber zumindest, es jeder Begegnung mit der Welt auf diese Weise zu erlauben, mich näher zu mir selbst zu bringen. Denn je öfter ich auf den Schmerz stoße und das zulasse, desto besser kann ich mich selbst erkennen. Schmerz ist der zuverlässigste Indikator für mich, um herauszufinden, was ich tatsächlich für wahr halte (wahr halte: Was mein Ego sich also alles an Definitionen, Wahnvorstellungen, fixen Ideen, geglaubtes Wissen in der Summe zusammengeschustert hat).

Begegnungen mit anderen Menschen funktionieren besonders gut, weil ich sehr konkret spüren kann, wann ich mit innerer Ablehnung reagiere.
Und es ist wahnsinnig spannend zu sehen, auf was mein Verstand anspringt: „Du bist hässlich.“
Das tut weh? Aha. Spannend. Warum? Weil ein Teil meiner Identifikation wohl mit meinem Aussehen zusammenhängt. Weil ich mich wohl an meinem Aussehen irgendwie festhalte.
Aber mein Körper wird alt, grau und verwesen. Meinen Körper kann ich nicht nur, sondern WERDE ich verlieren.
Was bleibt, das ich nicht verlieren werde?
Kann ich meine emotionale Identifizierung von allem lösen, was ich verlieren werde?

Du bist NICHTS. Ich trenne mich von dir. Ich sage unser Treffen ab. Veganer sind alle dumm. Du lebst in einer Traumwelt. Ich komme nicht mit dir klar. Mir gefällt dein Charakter nicht. Wir, DIE GANZE Menschheit, haben gemeinsam beschlossen, dass genau DU nicht liebenswert bist…
… in dem Zuge, dass ich spüre, was alles wehtut, kann ich herausfinden, womit mein Verstand sich identifiziert hat. Und wenn ich das loslasse, in dem ich dazu JAAA sage, sehe ich was wirklich IST.
Und so kommt:

 

Jeder Mensch, jede Situation ist Gott.
Denn das Schöne ist: Ich muss nur morgens aufwachen und beginne schon mit den Projektionen. Alles ist mein Spiegel. Alles, das in mir IRGENDETWAS auslöst, führt mich nachhause:
Zum Sein. Zur puren Gegenwärtigkeit.
Jedenfalls … wenn ich es zulasse! Das klingt beängstigend und tut weh. Jedenfalls … rede ich mir das ständig ein, weil ich die Emotionen, die es auslöst, als Schmerz betitele. Allerdings habe ich auch schon mal spüren können: Dieses Gefühl, das ich da als Schmerz betitele, ist meistens vor allem eine Form von krasser Intensität. Eigentlich eine aufregende Sache! So gegenwärtig muss ich in den Momenten nur erstmal sein, das zu bemerken.
Darum … Schmerz, wirklich? Oder einfach nur Intensität? Oder Energie? Oder etwas ganz anderes? Dazu ein schöner Satz, den ich gerne beherzige, wenn es mir (mal wieder) richtig fett schlecht geht:

 

When we hit our lowest point, we are open to the greatest change. (aus Avatar, Aang)
Denn je tiefer ich da reingehe, je öfter ich eben nicht kriege, was ich will und genau das vollends annehme und bejahe – desto mehr Schalen kann ich knacken. ( … yey.)
Das sind tausend Tode für mein kleines, verletzliches, ängstliches Ego mit all seinen mannigfaltigen Bedürfnissen … aber es führt mich immer weiter nach innen:
Wenn alles andere weggeht, WAS BLEIBT? Was bleibt übrig von mir?

Ich bin bereit, es weiter herauszufinden!
Es ist nämlich total erleichternd, loszulassen. Die (geglaubte) Kontrolle über das Leben abgeben. Sich zurücklehnen, die kraftraubenden Beurteilungen aus der Welt rauszunehmen – und zu ergründen, wie die Realität dahinter tatsächlich aussieht.

 

Zusammengefasst also
handle ich primär „einfach“ zielorientiert meinen Werten entsprechend, indem ich diese aktiv in die Welt hinaus trage. Im Innen UND Außen richte ich mich ein ums andere Mal ruhig und klar auf das aus, was ich gerne in meinem Leben manifestieren möchte.

Gleichzeitig gebe ich mich so offen wie (mir zu dem Zeitpunkt) möglich allen Menschen und Situationen hin, die mir das Leben anbietet – und lasse auf diese Weise alle fixen Ideen los, wie die Welt auszusehen hat oder das Leben sein soll. Denn sobald das Schmerz auslöst, werde ich mit einem inneren JAAA durchlässig für ihn, weil (und erst wenn) ich bereit bin, ihn auch ehrlich zu fühlen.

So sortiert sich mein Leben schließlich von ganz alleine – und beginnt mir zauberhafterweise in die Hände zu spielen. Ich muss nur noch die Augen aufmachen und dafür wach werden, was es mir denn in der Realität anbietet – und das funktioniert so viel besser, wenn ich nicht mehr kramphaft verbissen nach dem suche, wovon ich denke, dass es mir das Leben jetzt anbieten müsste.

Loslassen tut weh – wirklich?

Wieso Loslassen, wenn ich es auch festhalten kann!
Das war ein zentraler Grundsatz in meinem Leben
… der in vorhersehbaren Abständen gescheitert ist.
Aber Abschiede, wenn ich das Wort nur schreibe,
wird mir schon schlecht davon.

Denn in Paulas schönem Leben werden
alle guten Menschen und guten Momente und guten Gefühle
in essbare Portionen zerstückelt, eingetütet
und im Gefrierschrank konserviert.

Dosenfutter mag ich zwar überhaupt nicht;
vorgekaut, vorgekocht, vorgefertigt,
alles nicht mein Ding. Nein, frisch soll es sein.
Beseelte Erlebnisse, lebendig, echt aus der Natur
und obendrein authentisch bitteschön.
… aaaaber dann einfrieren wollen.

 

Das Leben ist leider keine Gefriertruhe.
Tja, dass das mit dem Schockfrosten nicht funktioniert, habe ich mir schon so halb gedacht und trotzdem die meiste Zeit meines Lebens probiert zu überlisten. Und wenn überlisten nicht ging, immerhin eine Weile verdrängen. Nur bis der nächste Verlust kommt natürlich … denn dann ist das Geschrei jedes mal groß!
Tatsache ich jedoch: Das Leben kann einem einfach alles wieder wegnehmen. Einfach – ALLES. Alles, was du benennen kannst, kann dir genommen werden. Daran versuche ich mich jeden Tag zu erinnern und mein Ego versucht es jeden Tag wieder zu vergessen.

Aus diesem Gedanken resultierte eine Verlustangst, die begleitete mich seit jeher in den kleinen und großen Dingen des Lebens:
Wenn eine Achterbahnfahrt beginnt, denke ich manchmal schon traurig an ihr Ende;
wenn der Sommer sich in den Herbst wandelt, wird es mir mulmig zumute;
wenn ich am Montag hässlich früh aufstehen muss, kann ich das Wochenende vielleicht nicht mehr richtig genießen;
wenn ich Menschen kennenlerne, frage ich als Erstes, ob sie denn einen Auslandsaufenthalt geplant haben und schiebe sie dann vielleicht lieber gleich wieder aus meinem Leben raus.

Ich hetze ziemlich viel durch die Gegend deswegen, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen und verpasse dadurch das Meiste;
ich versuche alle Menschen, Gegenstände und Hobbies krampfhaft in meinem Leben zu behalten, weil ich fürchte, irgendetwas davon wieder loslassen zu müssen;
ich beginne mich zu verstellen, um etwas nicht zu verlieren;
ich bekomme plötzlich Angst vor dem Tod;
und ich beginne Besitzansprüche an alles Mögliche zu stellen.

Mein Kopf hat sich mit der Zeit einen regelrechten Masterplan gebastelt,
was ich alles tun muss, wie ich mich verhalten muss, wer ich zu sein habe und welchen Ansprüchen ich genügen muss, um den ultimativen Verlust zu vermeiden. Den ultimativen Verlust von was auch immer. Von einer bestimmten Lebenssituation, von gefühlter Sicherheit im Job, von Menschen in meinem Alltag, von guten Gefühlen.

Meine Verlustangt wusste auch immer von ihrem Lieblingsaussichtspunkt meiner Schulter zu flüstern: Es ist ganz einfach, du musst bloß alles immer kontrollieren!
Jaaa, hahaha.
GEHT NICHT!
Trotzdem folg(t)e ich tagtäglich vielen nervenaufreibenden Glaubenssätzen, auf die mein Kopf sich einbildet, dass sie mich vor Verlust schützen könnten, aber …

 

… das Leben so: Äh, Nein!
Das müssen wir nun nicht im Detail ausführen, das kennt sicherlich jeder selber: Man denkt, so funktioniert die Welt und dann funktioniert sie einfach anders.
Man hat eine super Woche geplant und dann wird man einfach krank.
Man besucht seine Oma im Krankenhaus nicht und dann stirbt sie einfach.
Man klammert sich mit Leib und Seele an seinen Partner und der verlässt einen trotzdem (… oder deswegen).
Einfach. So.
Und nun?

 

Du kannst nichts haben, solange du es nicht loslässt. (irgendjemand Kluges)
Meine Angst vor Verlust ständig im Nacken, ist mir bewusst geworden, dass ich nichts wirklich genießen kann – sobald ich Angst habe, lasse ich mich nicht mehr wirklich ein.
Erst wenn ich mit dem Bewusstsein, dass nichts ewig ist, in den Moment eintrete und mich dem hingebe, kann ich überhaupt aufnehmen, was da an schönen Erfahrungen und Gefühlen in mein Leben tritt.
Da ist kein Platz etwas wahrhaftig zu erleben, wenn man schon mit Festhalten beschäftigt ist, während es stattfindet. In diesem Versuch etwas krampfhaft behalten zu wollen oder länger auszudehnen, verliere ich genau den Augenblick, in dem ich es hätte erleben können … denn mein Kopf ist zu oft bereits auf der Metaebene und mit Konservierungsarbeiten voll ausgelastet.

Das ist, als würde ich den ganzen Tag darüber nachdenken, wie ich am besten verhindern kann, dass der Tag vorüber geht – und der Tag geht schließlich irgendwann zuende (wie dreist von ihm!) und ich habe damit nichts getan, als über eine künstliche Verlängerung seiner Dauer nachzudenken.

 

Jede Erscheinungsform ist der Vergänglichkeit unterworfen.
Alles was ich berühren kann, werde ich wieder loslassen müssen.
Denn: Ich sterbe.
und denn: Alles verändert sich. Fortwährend. Da ist sie, die Realität!
Jedes Jahr lassen die meisten Bäume ihre Blätter fallen, jeden Abend geht die Sonne unter und unzählige Zellen meines Körpers sterben jetzt genau in diesem Moment.
Wirklich Malina, du musst ALLES am Ende ohnehin wieder loslassen. Ganz ehrlich.
Diese Erkenntnis versuche ich tief in meinem Leben zu verwurzeln.
Integriere sie in meinen Alltag.

So stellten sich die Folgefragen mit der Zeit wie von selbst:
Möchte ich Zeit meines Lebens tatsächlich damit verbringen, mich an allem festzuklammern, was mir zwischen die Finger kommt?
Mir einreden, dass ich Kontrolle darüber habe?
So tun, als müsste ich nicht wieder alles loslassen?
So tun, als gäbe es Besitz?
Das klingt ein wenig überflüssig vor der Tatsache, dass alles vergänglich ist und sowieso wieder losgelassen werden muss. Das macht schon Sinn, hmm.
Aberaberaber – loslassen tut doch so weh!

 

Loslassen tut weh – wirklich?
Endlich habe ich mir die Mühe gemacht, mal ehrlich darüber nachzudenken.
Nehmen wir an, mein Partner verlässt mich. Tut mir tatsächlich weh, dass er nicht mehr da ist … oder ist es vielmehr, dass ich mich dagegen wehre?
Tut es weh, wenn ich Pläne mache, krank werde, die aufgrund dessen nicht verwirklichen kann und anschließend loslasse … oder ist es schmerzhafter, wenn ich eben an diesen Plänen festhalte, obwohl ich doch merke, es geht nicht?

Für mich hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, das mir eigentlich nicht das Loslassen, sondern gerade das Festhalten wehtut. Sobald ich demgegenüber, was nunmal Realität ist, in einen Widerstand gehe – leide ich. Sobald ich versuche etwas zu behalten.
Egal was es ist: Den Tag, den Freund, das Ding, die gute Laune, die Kreativität oder mein Haus.
Schmerzhaft ist, wenn ich es eben nicht loslasse.
Das war vielleicht erleichternd zu erkennen. Loslassen ist gar nicht schlimm! Loslassen ist sogar eben das, was mich befreit, wenn es mir schlecht geht.

„Das bloße Verlangen nach der Wiederholung des Vergnügens ruft Schmerz hervor, denn es ist nicht mehr das Gleiche wie gestern.“ (Jiddu Krishnamurti)

 

Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. (Lao Tse)
In der Pferdewelt gibt es den schönen Begriff der Losgelassenheit.
Er beschreibt den Zustand eines Pferdes, dessen Muskeln sich in der Bewegung unverkrampft an- und entspannen, innerlich ist es ruhig und im zwanglosen Dialog mit dem Menschen.

Ich kenne dieses Befinden ebenfalls, zum Beispiel manchmal beim Tanzen. Wenn das Denken aufhört und ich durchlässig werde. Wenn alles zu fließen beginnt. Impulse kommen und gehen widerstandsfrei durch meinen Körper. Der wiederum ist aufmerksam und lässt geschehen. Was auch immer kommt. Er nimmt es an, wandelt es um, lässt es frei.
Beim Paartanz bin ich auf diese Weise gut zu führen – und zappel ich mit mir alleine um die Wette, trägt die Musik mich auf Händen durch ihr Lied; ganz ohne, dass ich groß an meine Bewegungen denken müsste.

Was passiert wohl, wenn ich so auch dem Leben gegenüber treten würde?
Man stelle sich einmal vor, ich würde mich tatsächlich gegen den Wandel der Zeiten nicht mehr wehren. Ich würde mich der Veränderung des Universums hingeben, jeden Augenblick.
Das Leben würde mir Impulse schicken – Menschen, Situationen, Gefühle – und ich würde zu keiner einzigen innerlich NEIN! sagen, sondern sie alle annehmen. Ich würde es zulassen, dass sie mich berühren; dass sie in mein Leben treten und mich innerlich bewegen dürfen. Sie haben die Erlaubnis durch meinen emotionalen Körper zu fließen. Sie haben die Erlaubnis, mich wieder zu verlassen, wenn das Universum entscheidet, dass es Zeit für etwas anderes ist. Ich müsste sie nicht festhalten – die Menschen, Situationen, Gefühle – denn ich wüsste, das Leben schenkt mir in jedem Moment, was ich wirklich brauche.
Das wäre für mich die absolute emotionale Losgelassenheit. Sie ist durchlässig, widerstandsfrei und darum ohne Leiden.

 

Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche. (Lao Tse)
Etwas, das mich von dieser Durchlässigkeit regelmäßig abhält,
ist der Gedanke: Ich brauche das aber! (diesen Menschen in meinem Leben, dieses eine Gefühl, das bestimmte Erlebnis, meine Gesundheit, die Umsetzung jener Pläne … )
Das ist klein Paula mit Füßen stampfend, trotzig die Arme vor der Brust verschränkt. Mit Tränen in den Augenwinkeln tobt sie im Kreis, brüllt herum und verflucht die ganze Welt, wenn sie nicht bekommt, was sie möchte – wenn sie dabei doch denkt, sie brauche das jetztaberechtganzwirklich ÜBERLEBENSWICHTIGDRINGEND! Das ist Angst.
Die nackte Angst um das Überleben unreflektiert nach außen gekehrt. Hinter: Ich brauche aber genau das jetzt steckt eine emotional aufgeladene Gedankenkette, in der klein Paula -logischerweise- letztendlich ALLES verliert und natürlich sofort stirbt, wenn sie nun nicht das bekommt, was sie gerade denkt zu brauchen (und by the way: ja, eines Tages stirbst du – und, ist das wirklich schlimm?).

Ich nehme sie an der Hand, mein kleines Mädchen und setze mich eine Weile mit ihr auf den Balkon. Wir streicheln die Kätzchen, fühlen milde Sommerluft auf der Haut. Die Sonne nähert sich bereits dem Horizont und taucht uns in das warme Licht der Dämmerung.
Also meine kleine Paula, wende ich mich an sie, lass uns doch einmal gemeinsam auf dein bisheriges Leben zurückschauen:
Erinnerst du dich an die Momente in deinem Leben, in denen du dir nicht vorstellen konntest, dass es jemals anders sein könnte und nun ist trotzdem alles anders?
Erinnerst du dich an Menschen, von denen du dachtest, du könntest nicht ohne sie sein und sie sind trotzdem nicht mehr in deiner Gegenwart?
Wie oft sind Dinge völlig unerwartet passiert, die du eine Minute, eine Stunde oder einen Monat vorher überhaupt nicht vorausgesehen hast?
Wenn du ein Jahr in Vergangenheit reisen könntest und zu dir selbst sagen: Guck mal, in einem Jahr wirst du dieses und jenes tun! oder es wird das passieren! würde dein altes Ich vielleicht lachen oder sich an die Stirn tippen, weil es damit niemalsnicht gerechnet hätte?
Klein Paula denkt eine Weile nach. Ihre Nasenspitze wird von der Sonne ein letztes Mal gekitzelt und manchmal nickt sie gedankenverloren vor sich hin. Wenn sie ruhig wird, findet sie tatsächlich viele Beispiele dafür, wie sie dachte: So und so, das wäre jetzt richtig, wichtig oder nötig und anschließend ist es ganz anders gekommen – und das war entweder auch in Ordnung oder viel besser oder wichtig für etwas anderes.
Klein Paula wischt sich die Tränchen weg und nickt tapfer. Na gut, sagt sie, mal gucken, was wirklich passiert, wenn ich NUR DIESES EINE Brauchen jetzt loslasse. Ich bin bereit, es auszuprobieren.
Gemeinsam legen wir die Kontrolle des Lebens zurück in die Hände des Universums und schicken einen Gruß hinterher. Denn wir erinnern uns daran, dass es nicht in unserer Macht liegt, über das Brauchen zu entscheiden und können nun vorbehaltlos das Wunder genießen, das da gerade vor unseren Augen geschieht: Die Sonne küsst den Horizont, verabschiedet sich von ihm und wir alle drei -Paula, Malina und der Horizont- wissen mit einem Lächeln, dass sie schon wieder zurückkehren wird, wenn das Leben entscheidet, dass es Zeit dafür ist.
Angst vor der Dunkelheit haben wir keine mehr. Das Leben ist schließlich bei uns.

… und wie macht man das mit dem Loslassen nun?
Damit werde ich mich beschäftige ich mich hier, denn:

„Wer loslässt vom Muss – wird wollen
Wer loslässt vom Wollen – wird tun
Wer loslässt vom Tun – darf sein“
(Wilma Eudenbach)