Von der Wunderkerze zur Selbstheirat

Die verblüffende Wirkung einer Sekunde
In meinem Bücherregal steht schon eine Weile Heirate dich selbst von Veit Lindau. Es ist auch schon oft gelesen und durchgeblättert worden und die ein oder andere Übung umgesetzt. Alles so ein bisschen halbherzig.

Und dann plötzlich – der Sekundenzeiger sprang nur einen Zentimeter weiter,
war es 2016.

Ich stehe um Mitternacht auf einem x-beliebigen Hügelchen in Stuttgart, um mich herum ein paar liebe Menschen und die Glocken schlagen dreiz- nein, zwölf Uhr.
Die vorher schwarze Nacht beginnt im Feuerwerksgewitter bunt zu leuchten.
Ich fühle mich nicht sonderlich inspiriert, mehr traurig (weil ich mich noch an einem Stück Vergangenheit festhalte). Mein Blick wurschtelt sich so über den Himmel und sammelt dort einige leuchtende Raketengebilde ein. Die werden vom Gehirn genau eine halbe Sekunde lang gespeichert und anschließend schon wieder vergessen. Mir ist kalt. Hier stinkts. Scheiß Feuerwerk. Irgendwo grölen Leute.
Neben uns steht eine Gruppe Menschen, ich beobachte ein Mädchen dabei, wie sie Wunderkerzen verteilt. Ein jäher Impuls trägt meine Füße zu ihr herüber und fragt sie, ob ich auch eine haben kann. Mit einem Strahlen im Gesicht sagt sie: „Aber na klar!“ und schenkt mir eine. Jemand anders zündet sie mir sogar an.

Da stehe ich auf einmal mit einer flammenden Wunderkerze in der Hand. Vor ein paar Momenten war die noch nicht da. Wie unerwartet die nun in mein Leben getreten ist. Hab ich vor zwei Minuten weder gewusst, noch geahnt. Und ich fühle mich plötzlich unendlich dankbar: für mein persönliches Stückchen Glitzerfeuer.
Und so, so dankbar für das Strahlen dieses wildfremden Mädchens. Und für den anonymen Anzünder. Für meine Freunde gleich ein paar Meter weiter, für den Mond, für die Nacht, für das Gras unter meinen Füßen … und je länger ich da stehe, desto weiter wird dieses Gefühl. Von diesem kleinen Geschenk aus dehnt es sich bis in die Fingerspitzen der gesamten Existenz. Einmal um den Erdball und zurück.
Wie unwahrscheinlich, dass ich in genau diesem Augenblick hier stehe und atme.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich überhaupt geboren bin.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich solange überlebt habe.
Wie un-fassbar dieser eine Moment doch ist, der schon 23 Jahre lang andauert und sich mein Leben nennt.

Wahnsinn.

 

In diesem einen Augenblick
hat etwas tief in mir ungefähr eine Sekunde lang eine Ahnug davon gehabt, was der folgende Satz wirklich bedeuten könnte: Alles auf dieser Welt ist für dich.
Ich gehöre zu Allem und Alles gehört zu mir.
Es gibt keine Trennung, es gibt keine Benennung. Es gibt nicht mich auf der einen Seite und die Welt auf der anderen. Es gibt nur Ein-Alles und von diesem einem Alles bin ich Teil und Alles.

Und da habe ich kurz spüren können, wie dieser ganze Kampf mit sich selbst – wie vollkommen überflüssig der doch ist. Die ganze Ablehnung, die ganze Kritik, das ganze Beurteilen – ganz und gar unnötig. Ich könnte mich jetzt und hier einfach exakt so annehmen wie ich bin.
Aber … aber … aber gibt es dann nicht bestimmt so eine krasse Explosion und die Welt zerberstet in tausend Einzelteile … oder sowas?!
Nein, in diesem einen Augenblick wusste ich: Ganz im Gegenteil.
Wenn ich meinen Verstand mit all seinen lückenschaffenden Bewertungen loslasse und stattdessen dieses Janinadingensda, wenn ich das genau, einfach GANZGENAU so zulasse, wie es ist – kann nichts auf der Welt mich mehr aufhalten. Weil ich dann die Welt bin.
Einen Augenblick später war dieses Gefühl leider wieder verschwunden.

Zurück zum Glück (Die toten Hosen)
Aber: Eine Ahnung davon ist geblieben. Die steckt mir seither so in den Blutkörperchen und kitzelt ab und zu, um mich daran zu erinnern, dass sie noch da ist.

Weil ich außerdem glücklicherweise ein ungeduldiger Mensch bin, war ich nicht einverstanden damit, dieses Gefühl einfach wieder gehen zu lassen … sondern habe sofort Pläne geschmiedet, wie ich an diese Freiheit wieder herankommen könnte. So schnell und nachhaltig wie möglich. Mir ging es nämlich SCHEIßEGUT in diesem einen Augenblick da.

Also wie war das doch gleich? Ich friere, es stinkt, Mitternacht, die Gruppe Leute, meine Füße gehen – ah, meine Füße. Wieso sind meine Füße rüber gelaufen? Da war ein Impuls. Ich wollte eine Wunderkerze. Ich bin dem gefolgt. Ich habe … Ja gesagt. Ja zum Impuls. Und dann – hat das fremde Mädchen Ja zu mir gesagt. Und der anzünde-Mensch hat Ja gesagt. Und irgendwie hab ich danach gefühlt, dass eigentlich so vieles Ja zu mir sagt, was weniger offensichtlich ist: Gras. Bäume. Himmel. Andere Menschen allein durch ihre Anwesenheit. Ich.
Ich, ja stimmt. Ich habe Ja gesagt. Ja zu mir selbst. Für einen Augenblick lange habe ich mich selber einhundert Prozent nicht in Frage gestellt, nicht bewertet, nicht in eine Persönlichkeit gepackt, nicht zurückgehalten – da war keinerlei Widerstand, weder mir selbst noch der Welt gegenüber.

So kam ich zur Erinnerung an ein altes Vorhaben, das schon eine Weile so ein bisschen halbherzig in mir geschlummert hat. So kam die Idee zum …

… Ja, ich will!
Denn Heiraten ist Ja sagen. Zu dem, was ist. Gut, dass ich gerade mal so seit, ähh 23 Jahren … schon bin. Der Beschluss war getroffen.

Noch in dieser Nacht, der erste Januar 2016 um vier oder fünf Uhr morgens, sitze ich in der U-Bahn auf dem Heimweg (alle um mich herum sind entweder besoffen oder einfach so völlig fertig mit der Welt), krame mein Notizbuch heraus und beginne hochmotiviert ein Ehegelübde zu schreiben.

Daran habe ich einige Tage wild herumgebastelt. Es wurde immer länger und stimmiger und ich zufriedener damit. Nochmal einige Tage später habe ich mich schließlich feierlich selbst geheiratet. Für ein Jahr lang. Danach will ich ehrlich darüber nachdenken, wie ich es denn so finde, meine eigene Ehefrau zu sein und ob vielleicht Trennung besser wäre.
Aber EIN JAHR LANG werde ich JAAA sagen. Zu mir.
Und damit zur Welt. Denn ein Teil in mir hat in dieser Nacht deutlich gespürt: Wenn ich aufhöre, mich selber in der Tiefe irgendwo abzulehnen, kann ich wahrscheinlich endlich auch aufhören das mit der Welt zu tun. Ständig versuche ich da draußen mit Allem in Frieden zu kommen – und führe doch einen stillheimlich kalten Krieg gegen mich selber. Denn eine bisher ziemlich unerschütterliche Grundfeste in meinem Innern ist: Ich verdiene das nicht.
Mein vernunftbegabter Teil des Gehirns kann die Unsinnigkeit dieses Satzes gut fassen, aber meine innere Überzeugung bremst mich immer wieder ab. Ich laufe gegen meine eigenen Windmühlen. Mensch, ist das anstrengend.

Es gab eine schöne Feier, allein geheim und danach mit Freunden und danach mit Tanzen und natürlich eine Hochzeitsnacht mit meiner tollen Braut (hehehe…). Wunderkerzen gab es übrigens auch.

Frisch verheiratete Paula mit Ehering:

12633366_570532336437257_73026052_o

Es ist ein schönes Gefühl, einen Ring zu tragen. Ich schätze ihn sehr als Symbol, das mich immer wieder zu mir selbst zurückholt.

Ich mag auch den Gedanken, mit mir selbst verheiratet zu sein sehr gerne.
Gestern erst „erwischte“ mich ein Freund beim Schokolade essen (Süßigkeitenfreier Monat und so) und meinte empört: „He – warum isst du die jetzt?“
Malina so: „ähähäh….“ (so klingt das Ringen um eine gute Ausrede)
Guter Freund: „Kein Stress, ist ja nicht so, als wärst du mit mir verheiratet oder so.“
Das hat mich sofort zu mir zurückgebracht. Ja, stimmt – ich bin mit mir verheiratet. Da gibt es eine Frau in meinem Leben, die braucht das von mir. Erklärungen. Wenn jemand, dann die. Da gibt es eine Frau, die endlich mal auf den ersten Platz in ihrem Leben gehört.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Von der Wunderkerze zur Selbstheirat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s