Was Glaube mit Selbstliebe zu tun hat

Der Mensch ist ein glaubendes Wesen.
Allzu gerne setzt man Glauben mit Religion gleich. Vermutlich weil Religion die wahrscheinlich gewagteste Form des Glaubens ist, beinahe provokant: Es gibt keine Beweise und dennoch bin ich überzeugt davon.
Denn Glaube – das heißt immer irgendwie nicht mit Sicherheit wissen und trotzdem darauf vertrauen, dass in dem Gedanken wenigstens ein Fünkchen Wahrheit steckt.
Ob nun religiös oder nicht: Jeder Mensch g l a u b t. In der einen oder anderen Form. Dass es wohl anstrengend für alle Beteiligten sein kann, aus seinem Glauben ein Dogma zu formen, ist dabei eine ganz andere Sache.

 

DIE Wahrheit.
Gibt es nicht. Es gibt Wahrnehmungen, allesamt subjektiv, weil man doch nie ganz aus sich heraus kann; am Ende sehen wir trotzdem nur, was wir kennen. Denn Sinne trügen fortwährend, weil das Gehirn die ständige Reizüberflutung verarbeitet und eindämmt – alle Aspekte einer Situationen können gar nicht auf einmal bewusst wahrgenommen werden.
Deshalb gibt es auch nicht DIE Wahrheit, sondern immer nur die Wahrheiten.

Ich nehme wahr, du nimmst wahr … letztlich waren wir zwar zur selben Zeit am selben Ort und haben trotzdem zwei verschiedene Erinnerungen an diesen einen Moment und somit auch zwei unterschiedliche Wahrheiten dazu.

Es scheint auch mathematische Wahrheiten zu geben, das System in sich mag völlig stimmig sein und dennoch funktioniert es nur solange ich „annehme, dass…“. In dem Augenblick, wenn meine Vier einfach sechs bedeutet und rosa Herzchen ein Achtel sind, kann man dem mathematisch gar nichts mehr entgegensetzen. Und wer hat jetzt tatsächlich die Macht behaupten zu können, dass meine Herzchen-Wahrheit weniger wahr ist, als deine Eins-Zwei-Drei-Vier-Wahrheit?

Man spielt so leichtfertig mit dem allmächtigen Überwissen der einzig gültigen Wahrheit, obwohl wir doch alle nur Menschen sind: Ich meine Menschen. Nicht nur, dass wir eben diese eine halbe Sekunde Entwicklung auf der Evolutionsuhr sind, dass es die Erde schon Milliarden Jahre vor uns existierte und sehr gut ohne unsere Wahrheiten zurecht gekommen ist, nein;
wir haben auch ausschließlich unsere unglaublich beschränkte Wahrnehmung zur Verfügung – mit den paar Prozent, die das Gehirn effektiv dem Bewusstsein zum Futter gibt, meint der Mensch teilweise tatsächlich über die Welt richten zu können.

Und jetzt behaupte ich einfach: Es gibt keine Wahrheit. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Und wenn du nun kommst und das Gegenteil behauptest, hat keiner von uns mehr recht als der andere … weil wir eben doch nur alle kleine Menschlein sind. Wir beurteilen zwar fortwährend, sind kritisch bis zum Himmel (und darüber hinaus), aber wir haben deshalb noch lange nicht die Macht über Richtigkeit (also Wahrheitsanspruch) zu entscheiden. Darauf ein Amen.

Ich glaube …
… denn mehr bleibt mir gar nicht übrig.
„Ich glaube“ wird meistens einfach als Äquivalent zu „ich weiß es nicht“ verwendet, also: Eine sehr negativ besetzte Sache. Etwas nicht zu wissen, ist ja immer gleich ganz schlecht. Da ist man schon raus aus dem Bewerbungsgespräch – doch denkt man noch mal genau darüber nach, entspricht das ständige Rumgeglaube vielleicht doch ein bisschen mehr der Realität, als das Beharren auf einer unanfechtbaren Richtigkeit seines -geglaubten- Wissens (jedenfalls in meiner Realität, aber bau du dir ruhig deine eigene)
… weil man eben doch nichts mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann.

 

Stets habt ihr Gott gesucht, aber niemals in euch selbst. Er ist nirgends sonst. Es gibt keinen anderen Gott, als der in euch ist. (Hermann Hesse)
Wenn ich nichts weiß und du nichts weißt und es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der irgendetwas sicher weiß … bleibt einem erstmal sein Stückchen Glauben.
Denn der Mensch sucht zwar fortwährend nach seiner einzig gültigen Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum und dem Wieso, aber eines Tages wird ihm vielleicht klar:
Wenn ich an Gott glaube, dann finde ich ihn nicht auf einer Reise nach Mekka und nicht in einer Kirche, es gibt keine Bestätigung, es gibt keine Beweise; Alles, das ich suche, liegt in mir selbst.

„Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“ (Hermann Hesse)
Sinn, Wahrheit und Gott; vielleicht meinen sie alle dasselbe?

 

Ich muss mich nicht suchen, ich kann mich nur finden.
Eine meiner vielleicht wichtigsten Erkenntnisse für mich selbst. In allem, was ich tue, kann ich immer nur ein Stückchen von mir finden. Da gibt es nichts Mysteriöses zu suchen, sondern in jeder Erfahrung, die ich mache und in jedem Schritt, den ich tue, finde ich nur immer wieder ein Bisschen mehr von mir.

Es gibt kein Ich, keine wahre Janina, die da draußen irgendwo auf der Straße liegt und noch von mir gesucht werden muss, damit ich endlich genau so sein kann, wie ich bin oder endlich die bin, die ich eben bin … denn, ach – wer bin ich denn eigentlich, verdammt noch mal?
Und als ich noch durch den Wald lief und mein Ich suchte, wusste mein schlauer Relilehrer schon längst:

 

Ich bin, der ich bin und werde sein, der ich sein werde. (Herr Helbig)
Der Satz klingt banal, ist er aber gar nicht. Denn wenn du dich fragst, wer du bist; krabbel einen Augenblick soweit wie möglich aus dir heraus und schau dich an: DAS bist du. Nichts anderes. Du bist jetzt. Und hier.

Dann krabbel in dich zurück und frage dich vielleicht noch, wie sich denn anfühlt, wer du gerade bist. Denn FÜHLEN (damit meine ich nicht nur den Tastsinn, sondern alle Sinneseindrücke) bedeutet WAHRNEHMUNG. Und auch wenn die schrecklich beschränkt ist, mehr haben wir nicht zur Verfügung. Somit: Die Intensität, in der wir wahrnehmen, bestimmt am Ende unsere persönliche Wahrheit.
Im Übrigen eigentlich gar nicht so ein weiter Gedankensprung von der Wahrnehmung zur Wahrheit.
Plötzlich bekommt damit auch die Aufmerksamkeit einen ganz neuen Stellenwert. Aufmerksamkeit = intensivere Wahrnehmung = mehr Auswahl an Aspekten, um sich aus denen seine eigene Wahrheit zu fabrizieren.

 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel)
Glaube hält am Leben, denn Glaube ist Hoffnung. Allerdings mit diesen zwei wichtigen Zutaten mehr an Zuversicht und Vertrauen: Ich hoff das nicht nur, sondern ich glaube daran. Ich bin mir einer Sache sicher, obwohl es keine Wahrheit und keine Beweise gibt.
Das spielt vor Allem dann eine wichtige Rolle, sobald es um den Glauben an sich selbst geht. Denn Glaube ist immer richtungsweisend in die Zukunft und nicht rückwirkend. Das ist der Grund, warum ich morgens aufstehe: Weil ich an etwas glaube. Nicht nur an etwas, sondern: An mich selbst.
Weil ich weiß (… also so sehr daran glaube, dass ich mich gewagt aus dem Fenster lehne und das Wörtchen „wissen“ verwende), dass ich genau so sein werde, wie ich sein werde und dass das sein wird, wie es eben sein wird und das ist gut.
Wenn Wahrnehmung meine Wahrheit formt, aber Wahrheit eigentlich nur Glaube ist, dann werde ich eines Tages genau so werden, wie ich glaube, dass ich sein werde – da sind wir nun auch bei selbsterfüllenden Prophezeiungen angelangt.
Eine der größten Herausforderungen ist dabei für mich, an die unterbewussten Glaubenssätze heranzukommen. Denn mein Glaube ist nicht gleichzusetzen mit meinen Gedanken:
Ich kann vielleicht denken „ich möchte das haben“, aber wenn meine tiefe Überzeugung eigentlich ist: „ich verdiene das nicht“, werde ich es eher nicht bekommen – beziehungsweise es sehr schwer haben, mein Leben in eine dementsprechende Richtung zu entwickeln.

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„Alles wird gut“, posaunt das Positive Denken.
„Alles ist gut“ flüstert das Urvertrauen. (Andreas Tenzer)
Es wird nicht nur gut sein, wie ich sein werde – es ist vor allem schon jetzt gut. Immer. Egal in welcher Situation. Ich behandele mich mit demselben Respekt und derselben Bereitschaft zu verzeihen, wie jeden anderen.
Menschen sind bedürftige Wesen. Sie brauchen bedingungslose Liebe und damit meine ich: A b s o l u t vorbehaltlos. Ohne Wertung, ohne Bedingung, ja: unbedingt. unbedingte Liebe.
Aber eben nicht vor allem später in jedweden Beziehungen zu anderen Menschen – sondern als Kind von den Eltern und danach: Von sich selbst.
Niemand kann einem diese absolute und uneingeschränkte Liebe sonst geben. Das bleibt die eigene Lebensaufgabe, das kann einem kein anderer Mensch mehr abnehmen, das ist ein Preis, den es weder in einer Paarbeziehung, noch einer Karriere zu gewinnen gibt (und auch sonst nirgends). Die Bereitschaft und Befähigung liegt ausschließlich dem eigenen Selbst zugrunde, sobald man dem hilflosen Zustand des Kindseins entwachsen ist und erwachsen wird.
Und was ist der Glaube an Gott, wenn nicht das Bitten um diese bloße Liebe? Und wenn Hermann Hesse recht hat, dann findet man den schließlich auch nur in sich selbst. Ein Kreis schließt sich.

 

(Selbst)Liebe ist immer der Anfang, niemals das Ergebnis.
Liebe ist ein Geschenk, Liebe kann man sich nicht verdienen. Weder die von anderen, noch die an und von sich selbst.
Liebe ist auch immer ein Wagnis, Liebe fordert Mut. Leben braucht Mut.
Denn ich schenke mir diese Liebe und gebe mir damit eine bedingungslose Daseinsberechtigung. Und weil man keine Ahnung hat, was tatsächlich in diesem Körper an Mensch, Fähigkeiten und Tatkraft steckt – in diesem Ich, von dem man da auf der Reise seines Lebens immer neue Stückchen findet; ist es natürlich ein Risiko. Aber was passiert, wenn ich das nicht eingehe? Für mich gibt es keine vernünftige Alternative.
So wie die Eltern (hoffentlich) ihren Kindern Liebe schenken, auch wenn die garantiert anders werden, als man sie vorher haben wollte oder sich zumindest vorgestellt hat. Man liebt trotzdem. Und wenn es die Eltern vielleicht nicht geschafft haben, hat man nur noch mehr Grund, es jetzt selbst zu tun.

Trotz – dem. Zum Trotz, dass man nicht weiß, was passiert. Weil es keine einzig gültige Wahrheit gibt, weil das ganze Leben ungewiss ist, weil man nur sein popliges Bisschen Wahrnehmung hat und jetzt entscheiden soll, was richtig ist oder auch nicht.

Gut, dass wir alle wenigstens Eines sicher wissen: Liebe, die man gibt, die man teilt (auch mit sich selbst!), die verdoppelt sich. Liebe wird niemals weniger, wenn man sie gibt, sondern immer nur mehr. Und wenn man heute anfängt, sich selbst bedingungslos anzunehmen, wie man ist (auch tollpatschig und vermeintlich nichts-könnerisch und sowieso hässlich und vielleicht über der Kloschüssel hängend und kotzend), wird das Ganz bald jemand mit einem teilen wollen.
Erst wenn man sich liebt, kann man un-bedingt sein und damit auch irgendwann: Werden. Aber ich kann nicht „werden“, wenn ich gar nicht „bin“. Und menschliches Sein funktioniert nur mit Liebe: Der absolut uneingeschränkten Grundannahme, dass es gut ist, dass man da ist.

Und das Werden beginnt dann schließlich mit Glauben. Und zwar auch aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotz. Denn wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder normal essen kann, wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder glücklich mit beiden Beinen gleichzeitig aus dem Bett springen werde …
dann gibt es keinen äußeren Umstand, warum das nicht so passieren sollte. Zwischen dem, wer ich bin und dem, wer ich sein möchte, stehe immer nur ich selbst. Deshalb noch eine ganz entscheidende Info zuletzt:

 

Interpretation ist formbar.
Nicht nur zwei Menschen haben zwei unterschiedliche Wahrnehmungen, auch der Mensch in sich selbst hat die Fähigkeit zur Offenheit. Er kann eine Situation aus beliebig vielen Blickwinkeln betrachten, wenn er offen und aufmerksam ist und bereit, mal einen Schritt von seinem ersten Eindruck der Dinge wegzutun.
So kann man seine Wahrnehmung verschieben – was sehe ich, was höre ich, was fühle ich dabei?
Je aufmerksamer, desto vielfältiger das Endbild. Wenn einem also auf den ersten Blick vielleicht nicht gefällt, was man sieht, wenn auf sich selbst oder die Welt oder irgendein Ereignis schaut … kann man versuchen die Perspektive wechseln.

Da wir jedoch im Laufe unserer Lebens sehr viele Glaubenssätze einsammeln, die irgendwann so tief im Unterbewusstsein vergraben sind, dass es schwer fällt an sie heranzukommen, habe ich hier mein lieblings Werkzeug für euch:
The Work von Byron Katie ist eine wirklich simple Methode, um diese Glaubenssätze aufzudecken, verstehen zu lernen und umzulernen.
Das Arbeitsblatt dazu gibt es hier.

Viel Spaß im Reich des Glaubens und Hinterfragens!
Ich finde es immer wieder faszinierend, was bei mir alles an die Oberfläche gelangt, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es glaube.

 

 

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