Können Dürfen – Wollen Sollen

Es gibt keine Grenzen
Wir ziehen sie beinahe automatisch an den Rändern unserer bekannten Welt, wir bauen Gedankenmauern um unerforschte Flecken auf der Landkarte unserer eigenen Einschätzung von persönlichen Möglichkeiten.

Mit vierzehn war mein Lieblingssatz: Das kann ich nicht.
Interessanterweise immer dann, wenn es um Dinge ging, die ich noch nie ausprobiert hatte. Wie kommt mein Gehirn eigentlich dazu, aus Das habe ich noch nie versucht direkt ein Das kann ich nicht zu formen?

… vielleicht, aber nur wirklich echt ganz vielleicht HABE ICH EINFACH KEINE AHNUNG WAS ICH ALLES KANN UND WAS NICHT.
Vielleicht, ja – vielleicht kann ich sogar eigentlich  A L L E S, wenn ich mich nur mal damit beschäftigen würde.

Aber mein Kopf hat schon lange klassifiziert –
das kann ich
das will ich
das darf ich.

Je seltener ich mich über diese Grenzen bewege, desto:
schlechter fühle ich mich und
gelangweilter werde ich von meinem eigenen Leben.

Es gibt Zeiten, da stehen in der das-will-ich Sparte fast nur noch Dinge, die ich schon einmal erlebt, getan, gegessen oder gefühlt habe.
Und es gibt Momente, da fühl ich mich fantastisch lebendig euphorisch und das ist seltsamerweise oft der Fall, wenn ich etwas davor noch nicht erlebt, getan, gegessen oder gefühlt habe.

Wahrnehmung formt Wahrheit
Nachdem ich mich dann endlich mal dazu durchgerungen habe, bin ich in mein Oberstübchen geklettert und habe diesen staubigen Ort genauer unter die Lupe genommen:

Zuerst ist mir aufgefallen, dass da alles ziemlich dunkel war – also Licht anschalten. Ja, ich weiß, da oben sind wahnsinnig viele Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen will, von denen man nichts wissen und hören mag. Stapelweise Kartons mit Kindheitstraumata und unangenehme Erinnerungen an die Pubertät oder peinliche Momente während der Schulzeit stehen auch in den Ecken rum.
Aber bevor ich mich endgültig weggedreht habe, ist mir zum Glück klargeworden, dass es nur diesen einen Weg gibt:
Regel Nummer eins – Bevor du irgendetwas ändern kannst, musst du es dir genau anschauen. In allen Einzelheiten.

Anschließend ging es ans Saubermachen. Jede Spinne baut ein Netz und lässt es dort stehen. Schonmal jemandem aufgefallen, wie viel Staub eine Spinnwebe halten kann? Die alten Überzeugungen hausen im Gehirn bis zum Ende deiner Tage, wenn du dir ihrer niemals bewusst wirst. Die verkraften jahrzehntealten Staub und stickige Luft. Deine Lebensqualität eher nicht.
Am Ende hilft nur die netzevernichtende Einsicht …
… Regel Nummer zwei – was ich denke, ist nur meine Perspektive und niemals die Wahrheit. Denn die Wahrheit ist: Keiner von uns hat eine verfickte Ahnung. Wir sind bloß ein ä-Punkt der Subjektivität.

Nachdem ich damit fertig war, meine Wahrheiten alle einzeln zu zerstören, ist der Staubwischer ziemlich dreckig gewesen. Übrig blieb nur die Erkenntnis: (Be)Wertung jeglicher Form ist rein menschgemacht.

Zum Schluss habe ich aufgeräumt. Und zusammen mit einer neuen Ordnung der Dinge, enstand auch ein neues Verständnis für sie. Warum man getan hat, was man getan hat und was man so daraus gelernt hat. Alles fügt sich zu einem glasklar stimmigen Bild, denn:

Ohne Dürfen ist alles nichts wert
Ob und was wir dürfen, legen wir meistens gedanklich in die höhere Ordnung des Gesetzes oder der Kultur, in seltenen Fällen befragen wir die Moral und noch seltener unsere Mama.
Was wir dabei übersehen: Alle diese Entscheidungsinstanzen existieren nur in unserem Kopf.
Das Gehirn ist der alleinige Richter über unser Wollen und Können und was da alles mit dran hängt.

Meistens wandern wir doch in so vorhergesehen Bahnen, dass wir uns selbst langweilen. Vor allem, weil:
es sich so gehört
andere denken könnten, dass
alle es so machen
ich es schon immer so mache
meine Eltern das so machen

Bis eben auf diesen kleinen Haken – mein Gehirn entscheidet. Nicht die anderen.
Und dann hab ich gerafft: ICH bin der einzige Grund all meines Handelns, Fühlens und Denkens.
Ich entscheide es schließlich, wenn ich den Gedanken an das Urteil der Anderen meine Entscheidungen beeinflussen lasse. Die Verantwortung all meiner Handlungen und Gefühle liegt ganz bei mir.
Ich bin es, die Fremde nicht anspricht, weil ich denke, dass die denken könnten …

Ich jogge lieber gemäßigt, weil ich denke, dass andere „pff, Anfänger“ denken, wenn ich mit hochrotem Kopf durch den Wald renne, weil ich gerade genau das brauche. Ich kann das dann nicht tun, weil ICH es mir nicht ERLAUBE. Nicht, weil die Anderen.

Und kein Wunder habe ich keinen Job, der mir einen Spaß macht, wenn ich davon überzeugt bin, dass ich es nicht darf.
Und kein Wunder setze ich mich nicht in eine Achterbahn, wenn mein Ego beschlossen hat, dass Adrenalin-Junkie nicht zu meinem Charakter passt.
Und kein Wunder geht es mir schlecht, wenn ich alleine bin, weil ich mal entschieden habe, dass man alleine nicht GANZ ist.

… und dann macht alles plötzlich Sinn. Alles was man getan hat und tut und fühlt.
Und wenn man sich mal wieder schlecht fühlt, könnte man sich ganz einfach fragen, warum man sich denn jetzt nicht erlaubt, glücklich zu sein. Und wenn man dann eine Reihe Gründe aufgezählt hat, könnte man sich fragen, warum man es sich jetzt nicht trotzdem erlaubt?
Sobald ich es mir erlaube, KANN ich alles. Allem voran: Mich GUT fühlen.

Als ich das verstanden habe, konnte ich mich auch ruhig umdrehen und mein Oberstübchen wieder verlassen.
Bloß das Licht mache ich nicht wieder aus.
Und die Vollmacht für meine Entscheidungen habe ich auch mal mitgenommen.

Dass es sich lohnt, seine eigenen KönnenErlaubenWollen-Grenzen zu sprengen, habe ich dann spätestens bei den zwei folgenden Monstern verstanden. Ich war nie so froh wie nach dieser Entscheidung, mir es zu erlauben, Verantwortung zu übernehmen.

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