Hallo Schmerz!

Ein kleiner Ausflug in drei Teilen

PART 1

Oh – Hallo, Schmerz.

Da bist du ja wieder. Lange nicht gesehen, was. Hahaha, schön wärs.
Oftmals begrabe ich dich erfolgreich unter einer Schlammschicht aus Zucker mit Aktivitäten aller Art gemischt. Zucker und Aktivitäten zum Frühstück, zum Mittagessen und abends vielleicht eine Portion hausgemachten Stress dazu.
Oh! Ich liebe ja Stress! Da fühlt man sich zwar mega gestresst und das ist auch eklig, aber – aber um Gottes Willen, ich muss dich dann nicht fühlen!

Lieber Schmerz, es ist eigentlich schrecklich faszinierend, wann du genau an die Oberfläche dringst.
Völlig unschuldig scrolle ich die Facebookseite entlang, mein Kopf wabert in einem Zerstreuungsnebel und BÄÄM!
Es reicht schon, dass Person xyz ihr Profilbild ändert. Der Gedanke ist eine fallende Klinge: Du bist ihm nicht mehr wichtig! Das war doch schließlich unser Profilbild!
Wie lange hatte ich Angst davor. Einer so simplen Geste. Die wahrscheinlich rein gar nichts mit mir zu tun hat.
Aber mein Kopf glaubt seinen Gedanken leider häufig.
Ich muss das nur sehen, das reicht schon. Ich scrolle einfach so daher und mein Gehirn scannt lauter bunte Bildchen, sinnlose Sprüche und registriert Rechtschreibvergewaltigungen aller Art dabei – und BÄÄM. Ein Name, ein Bild, etwas ist anders geworden.
SCHMERZ.

Verrückt, oder? Das sind doch alles bloß Pixel! Wirr aneinander gereihte Pixelchen. Aber mein Gehirn gleich wieder so: Woaah, lass die Informationen direkt mal interpretieren!
Und als wäre das nicht genug: Woaah, lass die Interpretationen jetzt auch noch bewerten!

Jaa, mein liebes Gehirn, bewerte sie, perfekt, herzlichen Dank auch! Also ehrlich.
Diese Bewertungen ziehen sich anschließend durch meinen Körper. In Form von Emotionen.
Achja – Hallo, SCHMERZ. Da bist du ja wieder! Fast hätte ich dich vermiss- nein Spaß, haha, habe ich nicht.

Nun sitze ich da, starre dein neues Profilbild an, habe damit ebenfalls eine aktualisierte Version deiner Äußerlichkeiten und meine Welt hört für diesen Moment auf sich zu drehen.
Mein Magen fliegt zehn Treppen tief. Ich habe nicht nur eine Stufe verpasst, ich hagele samt und sonders eine Treppe vom zehnten Stock bis in den ersten hinunter. Nein. Bis in den Keller. Bis in den scheiß Keller sogar.
Als das Fallgefühl endlich aufhört, weil ich auf feuchtkaltem Betonboden angelangt bin, macht sich etwas anderes breit: Schwere.
Schwere in den Gliedern, hinter der Stirn, im Magen. Dumpfes Pochen. Ich bin rausgerissen aus der Zeit, es gibt nur noch jetzt und jetzt tut weh.

Es gibt Momente, da kommen nur so ganz kleine Anflüge von diesem Gefühl. Von Oh Gott, wenn ich micht jetzt nicht direkt anders fokussiere, werde ich nicht nur zehn Treppen runterfallen, sondern gleich aus einem Flugzeug in tausend Meter Höhe. Nix mehr mit zehn! Machste gleich noch zwei Nullen mehr dran. Oh Mann.
Reagiere ich schnell genug oder anders gesagt: Schütte ich entweder zwei Tafeln Schokolade darüber oder gehe mich mit Aktionismus ersticken, dann hat mein Kopf meistens genug Futter, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das scheint die meiste Zeit einigermaßen erträglich.

Aber wehe. Wehe, du änderst so etwas gravierend … Grundlegendes, wie … wie dein Profilbild!
BÄÄM. Vielleicht tut es auch nur so weh, weil etwas unerwartet passiert. Wenn man sich sicher fühlt.
Wenn man in eine Decke der Harmlosigkeit gehüllt die Facebookseite runterscrollt. BÄÄM. Scheiße, wie oft muss mein Kopf das denn noch und nöcher rekonstruieren?!
Der spielt seit einer Stunde dieselbe Stelle der Schallplatte. Wer drückt denn da ständig repeat? Kannst du mal bitte zur Seite gehen, Schmerz? Ich hab gerade eigentlich keine Zei – sag mal, was drängelst du denn – he, aua – mach da mal Platz, ich will dich nich – ICH WILL DICH NICHT! GEH WEG JETZT!
Repeat. Repeat. Repeat.
Verdammte Scheiße.

Mir brummt der Schädel. Zucker hilft nicht. Auf dem modrigen Kellerboden ist es sowieso total unappetitlich zu essen. Wäh.
Und das alles wegen einem Profilbild. Ich meine … wirklich?
Mein Gehirn ist überaus beschäftigt damit, sich weiter seine Geschichten zu stricken, von WemBinIchWichtig und WiesoIstDasÜberhauptWichtig und AllSolches.
Eine Stimme sagt:

Meine Liebste, das hat keinen Zweck. Du liegst hier jetzt so rum, atmest Spinnenweben, dein Kopf rattert wie blöde und du fühlst dich scheiße dabei. Wie lange willst du das noch machen? Du weißt doch, dass das Gehirn eben dazu gebaut ist, alles zu interpretieren und zu bewerten. Du weißt schon, das hat was mit Überleben und Evolution und so zu tun, nicht wahr? Dann beruhige dich mal und lass dein Gehirn ruhig weiter seine hanebüchenen Geschichten kreieren, in denen du immer am schlechtesten von Allen abschneidest.

 

PART 2

Komm, wir atmen mal.

Jetzt atme ich.
Einmal tief ein. Nein, ich meine – wirklich tief. Lass die Luft rein bis die Lungenflügel sich in alle Himmelsrichtungen weiten. Und aus. Nein, ich meine – wirklich aus. Bis nix nix nix mehr drin ist, alles rausgedrückt, Brustkorb eingefallen.
Ich tu das ein paar Mal und ein sinnvoller Gedanke schleicht sich unvermittelt zwischen die Horrroszenarienmaschinerie.
Er sagt:

Ist dir schon aufgefallen, dass der SCHMERZ initiiert wird durch völlig verschiedene Situationen, aber das Gefühl im Körper immer ein Ähnliches ist?
Glaubst du wirklich ein paar bunte Pixel, die nun anders aussehen als noch vor einer Stunde, können Schuld an Schmerz sein?
Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Dein Seh-Sinn ist wenn überhaupt der einzige Beteiligte an der ganzen Sache. Schließe mal deine Augen und oh – das neue Profilbild ist jetzt weg.
Und ist da trotzdem noch Schmerz? Ja.
Also hat es doch nicht so viel mit dem Bild zu tun, oder? Sonst müsste der Schmerz jetzt weg sein, du siehst das Bild schließlich nicht mehr. Würde doch Sinn machen.

Wenn der Schmerz nichts mit dem Bild zu tun hat, das wäre vielleicht schon mal ziemlich befreiend. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Gehirn wild herum interpretiert und seine Bewertungen draufsetzt wie ein Hund seinen Haufen sichtbar an den Wegesrand – aber das Ganze nullkommagarnicht der Ursprung von meinen Schmerz ist. Das wäre ganz gut. Weeeeil nämlich, dann wäre das viel weniger willkürlich. Nämlich gar nicht mehr willkürlich. Auch nicht mehr pixelkürlich und schon gar nicht informationskürlich.
Auslöser und Ursprung. Zwei Worte, die ich lerne, ab jetzt fein voneinander zu trennen. Haarspaltenfein.
Woher kommst du denn aber dann, Schmerz? Kannst du mir das mal verraten?

Mein Gehirn so: Woah, ist doch bums, iss mal mehr Zucker, ich will das nicht fühlen!
Meine kluge Stimme so: Vielleicht sollte ich ihm doch mal zuhören, dem Schmerz. Vielleicht verrät der mir von ganz alleine, wo er herkommt, wenn ich ihn mal frage.

Mein Gehirn so: Bist du bescheuert! Dann müssen wir den ja fühlen! Das tut doch weh! Aber auch noch mit Absicht! Bist du jetzt völlig geisteskrank geworden!
Meine kluge Stimme so: Njaah, wer weiß. Du auf jeden Fall nicht, Gehirn.

 

PART 3

Lass Frieden schließen.

Zum ersten Mal bleibe ich freiwillig auf dem Boden liegen. Kellergeruch. Hmm. Ja. Schon nicht so richtig appetitlich. Aber auch nicht schlimm. Vielleicht sogar ein bisschen cool. Geheimnisvoll.
Da liege ich und atme eine Weile weiter.

Oh – Hallo, Schmerz.
Ja, ich fühle dich. Wo genau bist du denn? Da in der Brust? Im Bauch? Lass mal fühlen. Ich will mal wahrnehmen, wo überhaupt du genau wohnst in meinem Körper.

Meine Gedanken kreisen unablässig um ihre Geschichte von Profilbildänderungen und WichtigOderUnwichtigSein, um Vergangenheit und Zukunft, gebettet in eine Wiege der endlosen Sorgen und Zweifel.

Ich lasse diese Geschichte einfach weiterschaukeln, aber ich steige mal aus. Raus aus dem Babybett, ich bin nämlich keines mehr. Die Gedanken schaukeln sich selber in den Schlaf, wenn man sie sich selbst überlässt.

Jaja, redet ihr nur! Ihr Lästermäuler! Ist auch okay. Ich kann euch auch verstehen. Ihr habt eben Angst. Ich auch. Deshalb verstehe ich das. Aber ich entscheide mich dennoch gegen euren Weg, sorry. Ihr müsst mal eine Weile ohne meine Beglaubigung auskommen.
Zwei Minuten später haben sie sich gegenseitig totgeredet.

Aber ich – ich kehre in meinen Schmerz zurück und bleibe in ihm stehen. Ohne Gedanken als Beilage ist der ganz anders. Viel ruhiger. Viel zentrierter.

Komm in meine Arme, Schmerz. Lass mich dich mal eine Weile festhalten, ja?
Ich bin jetzt mal für dich da. Ich habe Zeit für dich. Und warme Arme.
Oh, du musst nicht weinen! Ich bin jetzt ja da.
Ich bin jetzt da für dich, ich laufe nicht mehr vor dir weg.

Noch nie habe ich Halt gemacht bei dir, Schmerz.
Eigentlich verbringe ich zeitlebens damit, dich zu vermeiden, vor dir wegzulaufen oder dich zu unterdrücken. Oder jammern, dass du da bist.
Aber nun mache ich Halt.

Und es fühlt sich an –
wie eine Reise ins Unbekannte.

Eigentlich aufregend, oder?

Ich bin gespannt, was du mir so erzählen wirst.

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