Von der Wunderkerze zur Selbstheirat

Die verblüffende Wirkung einer Sekunde
In meinem Bücherregal steht schon eine Weile Heirate dich selbst von Veit Lindau. Es ist auch schon oft gelesen und durchgeblättert worden und die ein oder andere Übung umgesetzt. Alles so ein bisschen halbherzig.

Und dann plötzlich – der Sekundenzeiger sprang nur einen Zentimeter weiter,
war es 2016.

Ich stehe um Mitternacht auf einem x-beliebigen Hügelchen in Stuttgart, um mich herum ein paar liebe Menschen und die Glocken schlagen dreiz- nein, zwölf Uhr.
Die vorher schwarze Nacht beginnt im Feuerwerksgewitter bunt zu leuchten.
Ich fühle mich nicht sonderlich inspiriert, mehr traurig (weil ich mich noch an einem Stück Vergangenheit festhalte). Mein Blick wurschtelt sich so über den Himmel und sammelt dort einige leuchtende Raketengebilde ein. Die werden vom Gehirn genau eine halbe Sekunde lang gespeichert und anschließend schon wieder vergessen. Mir ist kalt. Hier stinkts. Scheiß Feuerwerk. Irgendwo grölen Leute.
Neben uns steht eine Gruppe Menschen, ich beobachte ein Mädchen dabei, wie sie Wunderkerzen verteilt. Ein jäher Impuls trägt meine Füße zu ihr herüber und fragt sie, ob ich auch eine haben kann. Mit einem Strahlen im Gesicht sagt sie: „Aber na klar!“ und schenkt mir eine. Jemand anders zündet sie mir sogar an.

Da stehe ich auf einmal mit einer flammenden Wunderkerze in der Hand. Vor ein paar Momenten war die noch nicht da. Wie unerwartet die nun in mein Leben getreten ist. Hab ich vor zwei Minuten weder gewusst, noch geahnt. Und ich fühle mich plötzlich unendlich dankbar: für mein persönliches Stückchen Glitzerfeuer.
Und so, so dankbar für das Strahlen dieses wildfremden Mädchens. Und für den anonymen Anzünder. Für meine Freunde gleich ein paar Meter weiter, für den Mond, für die Nacht, für das Gras unter meinen Füßen … und je länger ich da stehe, desto weiter wird dieses Gefühl. Von diesem kleinen Geschenk aus dehnt es sich bis in die Fingerspitzen der gesamten Existenz. Einmal um den Erdball und zurück.
Wie unwahrscheinlich, dass ich in genau diesem Augenblick hier stehe und atme.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich überhaupt geboren bin.
Wie irre unwahrscheinlich, dass ich solange überlebt habe.
Wie un-fassbar dieser eine Moment doch ist, der schon 23 Jahre lang andauert und sich mein Leben nennt.

Wahnsinn.

 

In diesem einen Augenblick
hat etwas tief in mir ungefähr eine Sekunde lang eine Ahnug davon gehabt, was der folgende Satz wirklich bedeuten könnte: Alles auf dieser Welt ist für dich.
Ich gehöre zu Allem und Alles gehört zu mir.
Es gibt keine Trennung, es gibt keine Benennung. Es gibt nicht mich auf der einen Seite und die Welt auf der anderen. Es gibt nur Ein-Alles und von diesem einem Alles bin ich Teil und Alles.

Und da habe ich kurz spüren können, wie dieser ganze Kampf mit sich selbst – wie vollkommen überflüssig der doch ist. Die ganze Ablehnung, die ganze Kritik, das ganze Beurteilen – ganz und gar unnötig. Ich könnte mich jetzt und hier einfach exakt so annehmen wie ich bin.
Aber … aber … aber gibt es dann nicht bestimmt so eine krasse Explosion und die Welt zerberstet in tausend Einzelteile … oder sowas?!
Nein, in diesem einen Augenblick wusste ich: Ganz im Gegenteil.
Wenn ich meinen Verstand mit all seinen lückenschaffenden Bewertungen loslasse und stattdessen dieses Janinadingensda, wenn ich das genau, einfach GANZGENAU so zulasse, wie es ist – kann nichts auf der Welt mich mehr aufhalten. Weil ich dann die Welt bin.

Einen Augenblick später war dieses Gefühl leider wieder verschwunden.

 

Zurück zum Glück (die toten Hosen)
Aber: Eine Ahnung davon ist geblieben. Die steckt mir seither so in den Blutkörperchen und kitzelt ab und zu, um mich daran zu erinnern, dass sie noch da ist.

Weil ich außerdem glücklicherweise ein ungeduldiger Mensch bin, war ich nicht einverstanden damit, dieses Gefühl einfach wieder gehen zu lassen … sondern habe sofort Pläne geschmiedet, wie ich an diese Freiheit wieder herankommen könnte. So schnell und nachhaltig wie möglich. Mir ging es nämlich SCHEIßEGUT in diesem einen Augenblick da.

Also wie war das doch gleich? Ich friere, es stinkt, Mitternacht, die Gruppe Leute, meine Füße gehen – ah, meine Füße. Wieso sind meine Füße rüber gelaufen? Da war ein Impuls. Ich wollte eine Wunderkerze. Ich bin dem gefolgt. Ich habe … Ja gesagt. Ja zum Impuls. Und dann – hat das fremde Mädchen Ja zu mir gesagt. Und der anzünde-Mensch hat Ja gesagt. Und irgendwie hab ich danach gefühlt, dass eigentlich so vieles Ja zu mir sagt, was weniger offensichtlich ist: Gras. Bäume. Himmel. Andere Menschen allein durch ihre Anwesenheit. Ich.
Ich, ja stimmt. Ich habe Ja gesagt. Ja zu mir selbst. Für einen Augenblick lange habe ich mich selber einhundert Prozent nicht in Frage gestellt, nicht bewertet, nicht in eine Persönlichkeit gepackt, nicht zurückgehalten – da war keinerlei Widerstand, weder mir selbst noch der Welt gegenüber.

So kam ich zur Erinnerung an ein altes Vorhaben, das schon eine Weile so ein bisschen halbherzig in mir geschlummert hat. So kam die Idee zum …

 

… Ja, ich will!
Denn Heiraten ist Ja sagen. Zu dem, was ist. Gut, dass ich gerade mal so seit, ähh 23 Jahren … schon bin. Der Beschluss war getroffen.

Noch in dieser Nacht, der erste Januar 2016 um vier oder fünf Uhr morgens, sitze ich in der U-Bahn auf dem Heimweg (alle um mich herum sind entweder besoffen oder einfach so völlig fertig mit der Welt), krame mein Notizbuch heraus und beginne hochmotiviert ein Ehegelübde zu schreiben.

Daran habe ich einige Tage wild herumgebastelt. Es wurde immer länger und stimmiger und ich zufriedener damit. Nochmal einige Tage später habe ich mich schließlich feierlich selbst geheiratet. Für ein Jahr lang. Danach will ich ehrlich darüber nachdenken, wie ich es denn so finde, meine eigene Ehefrau zu sein und ob vielleicht Trennung besser wäre.
Aber EIN JAHR LANG werde ich JAAA sagen. Zu mir.
Und damit zur Welt. Denn ein Teil in mir hat in dieser Nacht deutlich gespürt: Wenn ich aufhöre, mich selber in der Tiefe irgendwo abzulehnen, kann ich wahrscheinlich endlich auch aufhören das mit der Welt zu tun. Ständig versuche ich da draußen mit Allem in Frieden zu kommen – und führe doch einen stillheimlich kalten Krieg gegen mich selber. Denn eine bisher ziemlich unerschütterliche Grundfeste in meinem Innern ist: Ich verdiene das nicht.
Mein vernunftbegabter Teil des Gehirns kann die Unsinnigkeit dieses Satzes gut fassen, aber meine innere Überzeugung bremst mich immer wieder ab. Ich laufe gegen meine eigenen Windmühlen. Mensch, ist das anstrengend.

Es gab eine schöne Feier, allein geheim und danach mit Freunden und danach mit Tanzen und natürlich eine Hochzeitsnacht mit meiner tollen Braut (hehehe…). Wunderkerzen gab es übrigens auch.

Frisch verheiratete Paula mit Ehering:

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Es ist ein schönes Gefühl, einen Ring zu tragen. Ich schätze ihn sehr als Symbol, das mich immer wieder zu mir selbst zurückholt.

Ich mag auch den Gedanken, mit mir selbst verheiratet zu sein sehr gerne.
Gestern erst „erwischte“ mich ein Freund beim Schokolade essen (Süßigkeitenfreier Monat und so) und meinte empört: „He – warum isst du die jetzt?“
Malina so: „ähähäh….“ (so klingt das Ringen um eine gute Ausrede)
Guter Freund: „Kein Stress, ist ja nicht so, als wärst du mit mir verheiratet oder so.“
Das hat mich sofort zu mir zurückgebracht. Ja, stimmt – ich bin mit mir verheiratet. Da gibt es eine Frau in meinem Leben, die braucht das von mir. Erklärungen. Wenn jemand, dann die. Da gibt es eine Frau, die endlich mal auf den ersten Platz in ihrem Leben gehört.

Was Glaube mit Selbstliebe zu tun hat

Der Mensch ist ein glaubendes Wesen.
Allzu gerne setzt man Glauben mit Religion gleich. Vermutlich weil Religion die wahrscheinlich gewagteste Form des Glaubens ist, beinahe provokant: Es gibt keine Beweise und dennoch bin ich überzeugt davon.
Denn Glaube – das heißt immer irgendwie nicht mit Sicherheit wissen und trotzdem darauf vertrauen, dass in dem Gedanken wenigstens ein Fünkchen Wahrheit steckt.
Ob nun religiös oder nicht: Jeder Mensch g l a u b t. In der einen oder anderen Form. Dass es wohl anstrengend für alle Beteiligten sein kann, aus seinem Glauben ein Dogma zu formen, ist dabei eine ganz andere Sache.

 

DIE Wahrheit.
Gibt es nicht. Es gibt Wahrnehmungen, allesamt subjektiv, weil man doch nie ganz aus sich heraus kann; am Ende sehen wir trotzdem nur, was wir kennen. Denn Sinne trügen fortwährend, weil das Gehirn die ständige Reizüberflutung verarbeitet und eindämmt – alle Aspekte einer Situationen können gar nicht auf einmal bewusst wahrgenommen werden.
Deshalb gibt es auch nicht DIE Wahrheit, sondern immer nur die Wahrheiten.

Ich nehme wahr, du nimmst wahr … letztlich waren wir zwar zur selben Zeit am selben Ort und haben trotzdem zwei verschiedene Erinnerungen an diesen einen Moment und somit auch zwei unterschiedliche Wahrheiten dazu.

Es scheint auch mathematische Wahrheiten zu geben, das System in sich mag völlig stimmig sein und dennoch funktioniert es nur solange ich „annehme, dass…“. In dem Augenblick, wenn meine Vier einfach sechs bedeutet und rosa Herzchen ein Achtel sind, kann man dem mathematisch gar nichts mehr entgegensetzen. Und wer hat jetzt tatsächlich die Macht behaupten zu können, dass meine Herzchen-Wahrheit weniger wahr ist, als deine Eins-Zwei-Drei-Vier-Wahrheit?

Man spielt so leichtfertig mit dem allmächtigen Überwissen der einzig gültigen Wahrheit, obwohl wir doch alle nur Menschen sind: Ich meine Menschen. Nicht nur, dass wir eben diese eine halbe Sekunde Entwicklung auf der Evolutionsuhr sind, dass es die Erde schon Milliarden Jahre vor uns existierte und sehr gut ohne unsere Wahrheiten zurecht gekommen ist, nein;
wir haben auch ausschließlich unsere unglaublich beschränkte Wahrnehmung zur Verfügung – mit den paar Prozent, die das Gehirn effektiv dem Bewusstsein zum Futter gibt, meint der Mensch teilweise tatsächlich über die Welt richten zu können.

Und jetzt behaupte ich einfach: Es gibt keine Wahrheit. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Und wenn du nun kommst und das Gegenteil behauptest, hat keiner von uns mehr recht als der andere … weil wir eben doch nur alle kleine Menschlein sind. Wir beurteilen zwar fortwährend, sind kritisch bis zum Himmel (und darüber hinaus), aber wir haben deshalb noch lange nicht die Macht über Richtigkeit (also Wahrheitsanspruch) zu entscheiden. Darauf ein Amen.

Ich glaube …
… denn mehr bleibt mir gar nicht übrig.
„Ich glaube“ wird meistens einfach als Äquivalent zu „ich weiß es nicht“ verwendet, also: Eine sehr negativ besetzte Sache. Etwas nicht zu wissen, ist ja immer gleich ganz schlecht. Da ist man schon raus aus dem Bewerbungsgespräch – doch denkt man noch mal genau darüber nach, entspricht das ständige Rumgeglaube vielleicht doch ein bisschen mehr der Realität, als das Beharren auf einer unanfechtbaren Richtigkeit seines -geglaubten- Wissens (jedenfalls in meiner Realität, aber bau du dir ruhig deine eigene)
… weil man eben doch nichts mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann.

 

Stets habt ihr Gott gesucht, aber niemals in euch selbst. Er ist nirgends sonst. Es gibt keinen anderen Gott, als der in euch ist. (Hermann Hesse)
Wenn ich nichts weiß und du nichts weißt und es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der irgendetwas sicher weiß … bleibt einem erstmal sein Stückchen Glauben.
Denn der Mensch sucht zwar fortwährend nach seiner einzig gültigen Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Warum und dem Wieso, aber eines Tages wird ihm vielleicht klar:
Wenn ich an Gott glaube, dann finde ich ihn nicht auf einer Reise nach Mekka und nicht in einer Kirche, es gibt keine Bestätigung, es gibt keine Beweise; Alles, das ich suche, liegt in mir selbst.

„Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“ (Hermann Hesse)
Sinn, Wahrheit und Gott; vielleicht meinen sie alle dasselbe?

 

Ich muss mich nicht suchen, ich kann mich nur finden.
Eine meiner vielleicht wichtigsten Erkenntnisse für mich selbst. In allem, was ich tue, kann ich immer nur ein Stückchen von mir finden. Da gibt es nichts Mysteriöses zu suchen, sondern in jeder Erfahrung, die ich mache und in jedem Schritt, den ich tue, finde ich nur immer wieder ein Bisschen mehr von mir.

Es gibt kein Ich, keine wahre Janina, die da draußen irgendwo auf der Straße liegt und noch von mir gesucht werden muss, damit ich endlich genau so sein kann, wie ich bin oder endlich die bin, die ich eben bin … denn, ach – wer bin ich denn eigentlich, verdammt noch mal?
Und als ich noch durch den Wald lief und mein Ich suchte, wusste mein schlauer Relilehrer schon längst:

 

Ich bin, der ich bin und werde sein, der ich sein werde. (Herr Helbig)
Der Satz klingt banal, ist er aber gar nicht. Denn wenn du dich fragst, wer du bist; krabbel einen Augenblick soweit wie möglich aus dir heraus und schau dich an: DAS bist du. Nichts anderes. Du bist jetzt. Und hier.

Dann krabbel in dich zurück und frage dich vielleicht noch, wie sich denn anfühlt, wer du gerade bist. Denn FÜHLEN (damit meine ich nicht nur den Tastsinn, sondern alle Sinneseindrücke) bedeutet WAHRNEHMUNG. Und auch wenn die schrecklich beschränkt ist, mehr haben wir nicht zur Verfügung. Somit: Die Intensität, in der wir wahrnehmen, bestimmt am Ende unsere persönliche Wahrheit.
Im Übrigen eigentlich gar nicht so ein weiter Gedankensprung von der Wahrnehmung zur Wahrheit.
Plötzlich bekommt damit auch die Aufmerksamkeit einen ganz neuen Stellenwert. Aufmerksamkeit = intensivere Wahrnehmung = mehr Auswahl an Aspekten, um sich aus denen seine eigene Wahrheit zu fabrizieren.

 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel)
Glaube hält am Leben, denn Glaube ist Hoffnung. Allerdings mit diesen zwei wichtigen Zutaten mehr an Zuversicht und Vertrauen: Ich hoff das nicht nur, sondern ich glaube daran. Ich bin mir einer Sache sicher, obwohl es keine Wahrheit und keine Beweise gibt.
Das spielt vor Allem dann eine wichtige Rolle, sobald es um den Glauben an sich selbst geht. Denn Glaube ist immer richtungsweisend in die Zukunft und nicht rückwirkend. Das ist der Grund, warum ich morgens aufstehe: Weil ich an etwas glaube. Nicht nur an etwas, sondern: An mich selbst.
Weil ich weiß (… also so sehr daran glaube, dass ich mich gewagt aus dem Fenster lehne und das Wörtchen „wissen“ verwende), dass ich genau so sein werde, wie ich sein werde und dass das sein wird, wie es eben sein wird und das ist gut.
Wenn Wahrnehmung meine Wahrheit formt, aber Wahrheit eigentlich nur Glaube ist, dann werde ich eines Tages genau so werden, wie ich glaube, dass ich sein werde – da sind wir nun auch bei selbsterfüllenden Prophezeiungen angelangt.
Eine der größten Herausforderungen ist dabei für mich, an die unterbewussten Glaubenssätze heranzukommen. Denn mein Glaube ist nicht gleichzusetzen mit meinen Gedanken:
Ich kann vielleicht denken „ich möchte das haben“, aber wenn meine tiefe Überzeugung eigentlich ist: „ich verdiene das nicht“, werde ich es eher nicht bekommen – beziehungsweise es sehr schwer haben, mein Leben in eine dementsprechende Richtung zu entwickeln.

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„Alles wird gut“, posaunt das Positive Denken.
„Alles ist gut“ flüstert das Urvertrauen. (Andreas Tenzer)
Es wird nicht nur gut sein, wie ich sein werde – es ist vor allem schon jetzt gut. Immer. Egal in welcher Situation. Ich behandele mich mit demselben Respekt und derselben Bereitschaft zu verzeihen, wie jeden anderen.
Menschen sind bedürftige Wesen. Sie brauchen bedingungslose Liebe und damit meine ich: A b s o l u t vorbehaltlos. Ohne Wertung, ohne Bedingung, ja: unbedingt. unbedingte Liebe.
Aber eben nicht vor allem später in jedweden Beziehungen zu anderen Menschen – sondern als Kind von den Eltern und danach: Von sich selbst.
Niemand kann einem diese absolute und uneingeschränkte Liebe sonst geben. Das bleibt die eigene Lebensaufgabe, das kann einem kein anderer Mensch mehr abnehmen, das ist ein Preis, den es weder in einer Paarbeziehung, noch einer Karriere zu gewinnen gibt (und auch sonst nirgends). Die Bereitschaft und Befähigung liegt ausschließlich dem eigenen Selbst zugrunde, sobald man dem hilflosen Zustand des Kindseins entwachsen ist und erwachsen wird.
Und was ist der Glaube an Gott, wenn nicht das Bitten um diese bloße Liebe? Und wenn Hermann Hesse recht hat, dann findet man den schließlich auch nur in sich selbst. Ein Kreis schließt sich.

 

(Selbst)Liebe ist immer der Anfang, niemals das Ergebnis.
Liebe ist ein Geschenk, Liebe kann man sich nicht verdienen. Weder die von anderen, noch die an und von sich selbst.
Liebe ist auch immer ein Wagnis, Liebe fordert Mut. Leben braucht Mut.
Denn ich schenke mir diese Liebe und gebe mir damit eine bedingungslose Daseinsberechtigung. Und weil man keine Ahnung hat, was tatsächlich in diesem Körper an Mensch, Fähigkeiten und Tatkraft steckt – in diesem Ich, von dem man da auf der Reise seines Lebens immer neue Stückchen findet; ist es natürlich ein Risiko. Aber was passiert, wenn ich das nicht eingehe? Für mich gibt es keine vernünftige Alternative.
So wie die Eltern (hoffentlich) ihren Kindern Liebe schenken, auch wenn die garantiert anders werden, als man sie vorher haben wollte oder sich zumindest vorgestellt hat. Man liebt trotzdem. Und wenn es die Eltern vielleicht nicht geschafft haben, hat man nur noch mehr Grund, es jetzt selbst zu tun.

Trotz – dem. Zum Trotz, dass man nicht weiß, was passiert. Weil es keine einzig gültige Wahrheit gibt, weil das ganze Leben ungewiss ist, weil man nur sein popliges Bisschen Wahrnehmung hat und jetzt entscheiden soll, was richtig ist oder auch nicht.

Gut, dass wir alle wenigstens Eines sicher wissen: Liebe, die man gibt, die man teilt (auch mit sich selbst!), die verdoppelt sich. Liebe wird niemals weniger, wenn man sie gibt, sondern immer nur mehr. Und wenn man heute anfängt, sich selbst bedingungslos anzunehmen, wie man ist (auch tollpatschig und vermeintlich nichts-könnerisch und sowieso hässlich und vielleicht über der Kloschüssel hängend und kotzend), wird das Ganz bald jemand mit einem teilen wollen.
Erst wenn man sich liebt, kann man un-bedingt sein und damit auch irgendwann: Werden. Aber ich kann nicht „werden“, wenn ich gar nicht „bin“. Und menschliches Sein funktioniert nur mit Liebe: Der absolut uneingeschränkten Grundannahme, dass es gut ist, dass man da ist.

Und das Werden beginnt dann schließlich mit Glauben. Und zwar auch aller Wahrscheinlichkeiten zum Trotz. Denn wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder normal essen kann, wenn ich daran glaube, dass ich eines Tages wieder glücklich mit beiden Beinen gleichzeitig aus dem Bett springen werde …
dann gibt es keinen äußeren Umstand, warum das nicht so passieren sollte. Zwischen dem, wer ich bin und dem, wer ich sein möchte, stehe immer nur ich selbst. Deshalb noch eine ganz entscheidende Info zuletzt:

 

Interpretation ist formbar.
Nicht nur zwei Menschen haben zwei unterschiedliche Wahrnehmungen, auch der Mensch in sich selbst hat die Fähigkeit zur Offenheit. Er kann eine Situation aus beliebig vielen Blickwinkeln betrachten, wenn er offen und aufmerksam ist und bereit, mal einen Schritt von seinem ersten Eindruck der Dinge wegzutun.
So kann man seine Wahrnehmung verschieben – was sehe ich, was höre ich, was fühle ich dabei?
Je aufmerksamer, desto vielfältiger das Endbild. Wenn einem also auf den ersten Blick vielleicht nicht gefällt, was man sieht, wenn auf sich selbst oder die Welt oder irgendein Ereignis schaut … kann man versuchen die Perspektive wechseln.

Da wir jedoch im Laufe unserer Lebens sehr viele Glaubenssätze einsammeln, die irgendwann so tief im Unterbewusstsein vergraben sind, dass es schwer fällt an sie heranzukommen, habe ich hier mein lieblings Werkzeug für euch:
The Work von Byron Katie ist eine wirklich simple Methode, um diese Glaubenssätze aufzudecken, verstehen zu lernen und umzulernen.
Das Arbeitsblatt dazu gibt es hier.

Viel Spaß im Reich des Glaubens und Hinterfragens!
Ich finde es immer wieder faszinierend, was bei mir alles an die Oberfläche gelangt, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es glaube.

 

 

Hallo Schmerz!

Ein kleiner Ausflug in drei Teilen

PART 1

Oh – Hallo, Schmerz.

Da bist du ja wieder. Lange nicht gesehen, was. Hahaha, schön wärs.
Oftmals begrabe ich dich erfolgreich unter einer Schlammschicht aus Zucker mit Aktivitäten aller Art gemischt. Zucker und Aktivitäten zum Frühstück, zum Mittagessen und abends vielleicht eine Portion hausgemachten Stress dazu.
Oh! Ich liebe ja Stress! Da fühlt man sich zwar mega gestresst und das ist auch eklig, aber – aber um Gottes Willen, ich muss dich dann nicht fühlen!

Lieber Schmerz, es ist eigentlich schrecklich faszinierend, wann du genau an die Oberfläche dringst.
Völlig unschuldig scrolle ich die Facebookseite entlang, mein Kopf wabert in einem Zerstreuungsnebel und BÄÄM!
Es reicht schon, dass Person xyz ihr Profilbild ändert. Der Gedanke ist eine fallende Klinge: Du bist ihm nicht mehr wichtig! Das war doch schließlich unser Profilbild!
Wie lange hatte ich Angst davor. Einer so simplen Geste. Die wahrscheinlich rein gar nichts mit mir zu tun hat.
Aber mein Kopf glaubt seinen Gedanken leider häufig.
Ich muss das nur sehen, das reicht schon. Ich scrolle einfach so daher und mein Gehirn scannt lauter bunte Bildchen, sinnlose Sprüche und registriert Rechtschreibvergewaltigungen aller Art dabei – und BÄÄM. Ein Name, ein Bild, etwas ist anders geworden.
SCHMERZ.

Verrückt, oder? Das sind doch alles bloß Pixel! Wirr aneinander gereihte Pixelchen. Aber mein Gehirn gleich wieder so: Woaah, lass die Informationen direkt mal interpretieren!
Und als wäre das nicht genug: Woaah, lass die Interpretationen jetzt auch noch bewerten!

Jaa, mein liebes Gehirn, bewerte sie, perfekt, herzlichen Dank auch! Also ehrlich.
Diese Bewertungen ziehen sich anschließend durch meinen Körper. In Form von Emotionen.
Achja – Hallo, SCHMERZ. Da bist du ja wieder! Fast hätte ich dich vermiss- nein Spaß, haha, habe ich nicht.

Nun sitze ich da, starre dein neues Profilbild an, habe damit ebenfalls eine aktualisierte Version deiner Äußerlichkeiten und meine Welt hört für diesen Moment auf sich zu drehen.
Mein Magen fliegt zehn Treppen tief. Ich habe nicht nur eine Stufe verpasst, ich hagele samt und sonders eine Treppe vom zehnten Stock bis in den ersten hinunter. Nein. Bis in den Keller. Bis in den scheiß Keller sogar.
Als das Fallgefühl endlich aufhört, weil ich auf feuchtkaltem Betonboden angelangt bin, macht sich etwas anderes breit: Schwere.
Schwere in den Gliedern, hinter der Stirn, im Magen. Dumpfes Pochen. Ich bin rausgerissen aus der Zeit, es gibt nur noch jetzt und jetzt tut weh.

Es gibt Momente, da kommen nur so ganz kleine Anflüge von diesem Gefühl. Von Oh Gott, wenn ich micht jetzt nicht direkt anders fokussiere, werde ich nicht nur zehn Treppen runterfallen, sondern gleich aus einem Flugzeug in tausend Meter Höhe. Nix mehr mit zehn! Machste gleich noch zwei Nullen mehr dran. Oh Mann.
Reagiere ich schnell genug oder anders gesagt: Schütte ich entweder zwei Tafeln Schokolade darüber oder gehe mich mit Aktionismus ersticken, dann hat mein Kopf meistens genug Futter, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das scheint die meiste Zeit einigermaßen erträglich.

Aber wehe. Wehe, du änderst so etwas gravierend … Grundlegendes, wie … wie dein Profilbild!
BÄÄM. Vielleicht tut es auch nur so weh, weil etwas unerwartet passiert. Wenn man sich sicher fühlt.
Wenn man in eine Decke der Harmlosigkeit gehüllt die Facebookseite runterscrollt. BÄÄM. Scheiße, wie oft muss mein Kopf das denn noch und nöcher rekonstruieren?!
Der spielt seit einer Stunde dieselbe Stelle der Schallplatte. Wer drückt denn da ständig repeat? Kannst du mal bitte zur Seite gehen, Schmerz? Ich hab gerade eigentlich keine Zei – sag mal, was drängelst du denn – he, aua – mach da mal Platz, ich will dich nich – ICH WILL DICH NICHT! GEH WEG JETZT!
Repeat. Repeat. Repeat.
Verdammte Scheiße.

Mir brummt der Schädel. Zucker hilft nicht. Auf dem modrigen Kellerboden ist es sowieso total unappetitlich zu essen. Wäh.
Und das alles wegen einem Profilbild. Ich meine … wirklich?
Mein Gehirn ist überaus beschäftigt damit, sich weiter seine Geschichten zu stricken, von WemBinIchWichtig und WiesoIstDasÜberhauptWichtig und AllSolches.
Eine Stimme sagt:

Meine Liebste, das hat keinen Zweck. Du liegst hier jetzt so rum, atmest Spinnenweben, dein Kopf rattert wie blöde und du fühlst dich scheiße dabei. Wie lange willst du das noch machen? Du weißt doch, dass das Gehirn eben dazu gebaut ist, alles zu interpretieren und zu bewerten. Du weißt schon, das hat was mit Überleben und Evolution und so zu tun, nicht wahr? Dann beruhige dich mal und lass dein Gehirn ruhig weiter seine hanebüchenen Geschichten kreieren, in denen du immer am schlechtesten von Allen abschneidest.

 

PART 2

Komm, wir atmen mal.

Jetzt atme ich.
Einmal tief ein. Nein, ich meine – wirklich tief. Lass die Luft rein bis die Lungenflügel sich in alle Himmelsrichtungen weiten. Und aus. Nein, ich meine – wirklich aus. Bis nix nix nix mehr drin ist, alles rausgedrückt, Brustkorb eingefallen.
Ich tu das ein paar Mal und ein sinnvoller Gedanke schleicht sich unvermittelt zwischen die Horrroszenarienmaschinerie.
Er sagt:

Ist dir schon aufgefallen, dass der SCHMERZ initiiert wird durch völlig verschiedene Situationen, aber das Gefühl im Körper immer ein Ähnliches ist?
Glaubst du wirklich ein paar bunte Pixel, die nun anders aussehen als noch vor einer Stunde, können Schuld an Schmerz sein?
Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Dein Seh-Sinn ist wenn überhaupt der einzige Beteiligte an der ganzen Sache. Schließe mal deine Augen und oh – das neue Profilbild ist jetzt weg.
Und ist da trotzdem noch Schmerz? Ja.
Also hat es doch nicht so viel mit dem Bild zu tun, oder? Sonst müsste der Schmerz jetzt weg sein, du siehst das Bild schließlich nicht mehr. Würde doch Sinn machen.

Wenn der Schmerz nichts mit dem Bild zu tun hat, das wäre vielleicht schon mal ziemlich befreiend. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Gehirn wild herum interpretiert und seine Bewertungen draufsetzt wie ein Hund seinen Haufen sichtbar an den Wegesrand – aber das Ganze nullkommagarnicht der Ursprung von meinen Schmerz ist. Das wäre ganz gut. Weeeeil nämlich, dann wäre das viel weniger willkürlich. Nämlich gar nicht mehr willkürlich. Auch nicht mehr pixelkürlich und schon gar nicht informationskürlich.
Auslöser und Ursprung. Zwei Worte, die ich lerne, ab jetzt fein voneinander zu trennen. Haarspaltenfein.
Woher kommst du denn aber dann, Schmerz? Kannst du mir das mal verraten?

Mein Gehirn so: Woah, ist doch bums, iss mal mehr Zucker, ich will das nicht fühlen!
Meine kluge Stimme so: Vielleicht sollte ich ihm doch mal zuhören, dem Schmerz. Vielleicht verrät der mir von ganz alleine, wo er herkommt, wenn ich ihn mal frage.

Mein Gehirn so: Bist du bescheuert! Dann müssen wir den ja fühlen! Das tut doch weh! Aber auch noch mit Absicht! Bist du jetzt völlig geisteskrank geworden!
Meine kluge Stimme so: Njaah, wer weiß. Du auf jeden Fall nicht, Gehirn.

 

PART 3

Lass Frieden schließen.

Zum ersten Mal bleibe ich freiwillig auf dem Boden liegen. Kellergeruch. Hmm. Ja. Schon nicht so richtig appetitlich. Aber auch nicht schlimm. Vielleicht sogar ein bisschen cool. Geheimnisvoll.
Da liege ich und atme eine Weile weiter.

Oh – Hallo, Schmerz.
Ja, ich fühle dich. Wo genau bist du denn? Da in der Brust? Im Bauch? Lass mal fühlen. Ich will mal wahrnehmen, wo überhaupt du genau wohnst in meinem Körper.

Meine Gedanken kreisen unablässig um ihre Geschichte von Profilbildänderungen und WichtigOderUnwichtigSein, um Vergangenheit und Zukunft, gebettet in eine Wiege der endlosen Sorgen und Zweifel.

Ich lasse diese Geschichte einfach weiterschaukeln, aber ich steige mal aus. Raus aus dem Babybett, ich bin nämlich keines mehr. Die Gedanken schaukeln sich selber in den Schlaf, wenn man sie sich selbst überlässt.

Jaja, redet ihr nur! Ihr Lästermäuler! Ist auch okay. Ich kann euch auch verstehen. Ihr habt eben Angst. Ich auch. Deshalb verstehe ich das. Aber ich entscheide mich dennoch gegen euren Weg, sorry. Ihr müsst mal eine Weile ohne meine Beglaubigung auskommen.
Zwei Minuten später haben sie sich gegenseitig totgeredet.

Aber ich – ich kehre in meinen Schmerz zurück und bleibe in ihm stehen. Ohne Gedanken als Beilage ist der ganz anders. Viel ruhiger. Viel zentrierter.

Komm in meine Arme, Schmerz. Lass mich dich mal eine Weile festhalten, ja?
Ich bin jetzt mal für dich da. Ich habe Zeit für dich. Und warme Arme.
Oh, du musst nicht weinen! Ich bin jetzt ja da.
Ich bin jetzt da für dich, ich laufe nicht mehr vor dir weg.

Noch nie habe ich Halt gemacht bei dir, Schmerz.
Eigentlich verbringe ich zeitlebens damit, dich zu vermeiden, vor dir wegzulaufen oder dich zu unterdrücken. Oder jammern, dass du da bist.
Aber nun mache ich Halt.

Und es fühlt sich an –
wie eine Reise ins Unbekannte.

Eigentlich aufregend, oder?

Ich bin gespannt, was du mir so erzählen wirst.

Können Dürfen – Wollen Sollen

Es gibt keine Grenzen.
Wir ziehen sie beinahe automatisch an den Rändern unserer bekannten Welt, wir bauen Gedankenmauern um unerforschte Flecken auf der Landkarte unserer eigenen Einschätzung von persönlichen Möglichkeiten.

Mit vierzehn war mein Lieblingssatz:
Das kann ich nicht.
Interessanterweise immer dann, wenn es um Dinge ging, die ich noch nie ausprobiert hatte.
Wie kommt mein Gehirn eigentlich dazu, aus Das habe ich noch nie versucht direkt ein Das kann ich nicht zu formen?

… vielleicht, aber nur wirklich echt ganz vielleicht HABE ICH EINFACH KEINE AHNUNG WAS ICH ALLES KANN UND WAS NICHT.
Vielleicht, ja – vielleicht kann ich sogar eigentlich  A L L E S, wenn ich mich nur mal damit beschäftigen würde.

Aber mein Kopf hat schon lange klassifiziert –
das kann ich
das will ich
das darf ich.

Je seltener ich mich über diese Grenzen bewege, desto:
schlechter fühle ich mich und
gelangweilter werde ich von meinem eigenen Leben.

Es gibt Zeiten, da stehen in der das-will-ich Sparte fast nur noch Dinge, die ich schon einmal erlebt, getan, gegessen oder gefühlt habe.
Und es gibt Momente, da fühl ich mich fantastisch lebendig euphorisch und das ist seltsamerweise oft der Fall, wenn ich etwas davor noch nicht erlebt, getan, gegessen oder gefühlt habe.

 

Wahrnehmung formt Wahrheit.
Nachdem ich mich dann endlich mal dazu durchgerungen habe, bin ich in mein Oberstübchen geklettert und habe diesen staubigen Ort genauer unter die Lupe genommen:

Zuerst ist mir aufgefallen, dass da alles ziemlich dunkel war – also Licht anschalten. Ja, ich weiß, da oben sind wahnsinnig viele Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen will, von denen man nichts wissen und hören mag. Stapelweise Kartons mit Kindheitstraumata und unangenehme Erinnerungen an die Pubertät oder peinliche Momente während der Schulzeit stehen auch in den Ecken rum.
Aber bevor ich mich endgültig weggedreht habe, ist mir zum Glück klargeworden, dass es nur diesen einen Weg gibt:
Regel Nummer eins – Bevor du irgendetwas ändern kannst, musst du es dir genau anschauen. In allen Einzelheiten.

Anschließend ging es ans Saubermachen. Jede Spinne baut ein Netz und lässt es dort stehen. Schonmal jemandem aufgefallen, wie viel Staub eine Spinnwebe halten kann? Die alten Überzeugungen hausen im Gehirn bis zum Ende deiner Tage, wenn du dir ihrer niemals bewusst wirst. Die verkraften jahrzehntealten Staub und stickige Luft. Deine Lebensqualität eher nicht.
Am Ende hilft nur die netzevernichtende Einsicht …
Regel Nummer zwei – was ich denke, ist nur meine Perspektive und niemals die Wahrheit.
Denn die Wahrheit ist: Keiner von uns hat eine verfickte Ahnung. Wir sind bloß ein ä-Punkt von Subjektivität.

Nachdem ich damit fertig war, meine Wahrheiten alle einzeln zu zerstören, ist der Staubwischer ziemlich dreckig gewesen. Übrig blieb nur die Erkenntnis: (Be)Wertung jeglicher Form ist rein menschgemacht.

Zum Schluss habe ich aufgeräumt. Und zusammen mit einer neuen Ordnung der Dinge, enstand auch ein neues Verständnis für sie. Warum man getan hat, was man getan hat und was man so daraus gelernt hat. Alles fügt sich zu einem glasklar stimmigen Bild, denn:

 

Ohne Dürfen ist alles nichts wert.
Ob und was wir dürfen, legen wir meistens gedanklich in die höhere Ordnung des Gesetzes oder der Kultur, in seltenen Fällen befragen wir die Moral und noch seltener unsere Mama.
Was wir dabei übersehen: Alle diese Entscheidungsinstanzen existieren nur in unserem Kopf.
Das Gehirn ist der alleinige Richter über unser Wollen und Können und was da alles mit dran hängt.

Meistens wandern wir doch in so vorhergesehen Bahnen, dass wir uns selbst langweilen. Vor allem, weil:
es sich so gehört
andere denken könnten, dass
alle es so machen
ich es schon immer so mache
meine Eltern das so machen

Bis eben auf diesen kleinen Haken – mein Gehirn entscheidet. Nicht die anderen.
Und dann hab ich gerafft: ICH bin der einzige Grund all meines Handelns, Fühlens und Denkens.
Ich entscheide es schließlich, wenn ich den Gedanken an das Urteil der Anderen meine Entscheidungen beeinflussen lasse. Die Verantwortung all meiner Handlungen und Gefühle liegt ganz bei mir.
Ich bin es, die Fremde nicht anspricht, weil ich denke, dass die denken könnten …

Ich jogge lieber gemäßigt, weil ich denke, dass andere „pff, Anfänger“ denken, wenn ich mit hochrotem Kopf durch den Wald renne, weil ich gerade genau das brauche. Ich kann das dann nicht tun, weil ICH es mir nicht ERLAUBE. Nicht, weil die Anderen.

Und kein Wunder habe ich keinen Job, der mir einen Spaß macht, wenn ich davon überzeugt bin, dass ich es nicht darf.

Und kein Wunder setze ich mich nicht in eine Achterbahn, wenn mein Ego beschlossen hat, dass Adrenalin-Junkie nicht zu meinem Charakter passt.

Und kein Wunder geht es mir schlecht, wenn ich alleine bin, weil ich mal entschieden habe, dass man alleine nicht GANZ ist.

… und dann macht alles plötzlich Sinn. Alles was man getan hat und tut und fühlt.
Und wenn man sich mal wieder schlecht fühlt, könnte man sich ganz einfach fragen, warum man sich denn jetzt nicht erlaubt, glücklich zu sein. Und wenn man dann eine Reihe Gründe aufgezählt hat, könnte man sich fragen, warum man es sich jetzt nicht trotzdem erlaubt?
Sobald ich es mir erlaube, KANN ich alles. Allem voran: Mich GUT fühlen.

Als ich das verstanden habe, konnte ich mich auch ruhig umdrehen und mein Oberstübchen wieder verlassen.
Bloß das Licht mache ich nicht wieder aus.
Und die Vollmacht für meine Entscheidungen habe ich auch mal mitgenommen.

Dass es sich lohnt, seine eigenen KönnenErlaubenWollen-Grenzen zu sprengen, habe ich dann spätestens bei den zwei folgenden Monstern verstanden. Ich war nie so froh wie nach dieser Entscheidung, mir es zu erlauben, Verantwortung zu übernehmen.

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Hereinlassen

Ein Gedicht, das ich geschrieben und mit einem Freund zusammen verfilmt habe

Wir gewannen damit den 1.Platz des Nachwuchspreises beim Athmer Lyrikpreis im Juni 2013

Hier findet ihr die Broschüre mit allen Preisträgern des Wettbewerbs.
Zur Preisverleihung selbst gibt es außerdem noch einen Online Artikel.

ATHMER

Hereinlassen

Das Herz, es klopft so laut
bis in die Fingerspitzen kann ich es spüren.

Und mein Blick, ganz versunken ist er
im Relief vom dunklen Eichenholz.

Es ist ein Bruchteil nur, den ich da warte
von einer einzigen Sekunde.

Und in die Länge zieht sie sich endlos,
zerreißt mir fast den Puls in den Adern.

Hastige Schritte, sie klingen in meinen Ohren
es sind seine, das kann ich spüren.

Die Klinke, sie senkt sich ganz behutsam
und es sind meine Knie, die zittern haltlos.

Denn was hier passiert, das ist alles
aber nicht nur eine Türe, die sich öffnet.

Es ist vielmehr – hereinlassen
in ein Zuhause und ein Herz.

Herr Schmidt

Kurzgeschichte aus dem Januar 2013
Vorgetragen am 17.03.13 auf der Buchmesse Leipzig im Rahmen des Landschreiber Wettbewerbs
Zum Thema „Mit Sprache über Sprache“
(Förderpreis für junge Autoren erhalten)

herrschmidt

Herr Schmidt

Da steht sie. Mit schiefgelegtem Kopf und zusammengekniffenen Augen. Er stattdessen fuchtelt hilflos mit den Armen herum, ganz in der beharrlichen Annahme, es würde seinen leeren Worthülsen mehr Inhalt verleihen.
Kraftlos sieht sie aus dem Fenster und ihr Blick fällt auf den grauen Alltag: Das Blumenbeet ist auch diese Woche wieder leer geblieben. Einen Garten voller Rosen, das war der Traum gewesen. Nur wann hatte sich seiner eigentlich von ihrem getrennt?
„Jonas … „, entgegnet sie besänftigend, doch das matte Lächeln ist lange nicht mehr echt.
„Nein, echt – nein! Nein, das geht zu weit. Ich bin einfach grundsätzlich immer schuld, oder? Da kann ich auch gleich an eine Wand hinschwätzen und es hätte denselben Effekt.“
Mina schüttelt noch entschuldigend den Kopf, doch er ist schon zur Tür hinaus veschwunden.
Just in diesem Moment streift der besorgte Blick des Nachbarn die Szene – wie sie da so traurig im Türrahmen lehnt und er ungestüm das gemeinsame Grundstück verlässt. Es ist das dritte Mal in dieser Woche. Auf seiner Stirn bilden sich eine Reihe Falten und ein mitleidiges Seufzen verlässt seine Lippen, bevor er sich wieder dem Leeren des Briefkastens zuwendet.
Mina schließt leise die Türe hinter sich, rutscht an ihr herunter, zieht die Knie an den Körper.
Es ist ja nicht so, als würden sie nicht miteinander sprechen. Und der Beziehungsratgeber betont doch immer: Streiten ist gesund!
Sie streiten viel. Oft. Reden stundenlang. Über sich und die Welt und die Beziehung – und trotzdem kommt rein gar nichts dabei herum.
Schon bald hat Mina begonnen, sich damit zu beschäftigen. Es kann schließlich nicht sein, dass man zwar den lieben langen Tag mit reden zubringt, aber doch nie das Gefühl hat, man hätte miteinander kommuniziert. Was fehlt ihnen?
Also hat sie sich informiert: Über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun.
Nicht mit zwei, sondern mit vier Ohren hört man alles, behauptet der nämlich. Lang und breit wird erklärt, wie die Anatomie der Sprache aufgebaut ist, was Metakommunikation und die Kongruenz von Nachrichten bedeutet. Warum Frau gleich austickt, weil sie sich kritisiert fühlt, wenn Mann mit: „Sag mal, wo hast du denn das Brot her?“ kommt und dabei doch nur wissen möchte, bei welchem Bäcker sie es gekauft hat. Weshalb jede Botschaft auch eine Selbstoffenbarung und „Schön, dass du die Spülmaschine mal wieder ausgeräumt hast“ eigentlich eine Aufforderung ist.
Mina seufzt. Und wenn sie schließlich keine Lust mehr haben über die Sache selbst zu reden, reden sie halt darüber, wie sie miteinander darüber reden.
Ihre Augen wandern durch den Raum; in der Wohnung herrscht dasselbe Chaos, wie in ihrer Beziehung. Nichts ist mehr in Ordnung – und irgendwann fehlt dann einfach die Kraft noch weiterzumachen. An guten, wie an schlechten Tagen, hat der Pfarrer verkündet und Paartherapie ist das aktuelle Streitthema.
„Was – um rumzusitzen und noch mehr zu reden und dafür auch noch Geld hinzulegen, damit uns einer dabei zuhört?!“, nein, Jonas war alles, aber nicht begeistert von der Idee.
Mina rafft sich auf und verschwindet im Bad, wäscht sich die salzigen Spuren ihrer letzten Auseinandersetzung mit kaltem Wasser aus dem Gesicht. Anschließend geht sie ins Wohnzimmer – und bleibt einen Augenblick lang bewegungslos stehen, während sie die Unordnung stumm betrachtet.
Eine Art Fluchtreflex flüstert ihr reizvoll zu, dass sie dieses Schlachtfeld ebenfalls verlassen sollte. Mit spitzen Lippen und lieblichem Klang in der Stimme verspricht er ihr eine verlockende Leichtigkeit. Einfach gehen. Lass die Trümmer doch Trümmer sein. Mina zögert.
Die Sekunde dehnt sich aus, verwandelt sich in eine unschlüssige Minute, in eine ausharrende Stunde. Wie ein Stein liegt die Entscheidung auf ihrem Herzen, wiegt mit jedem Moment schwerer.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie schnappt sich den Staubsauger und dreht die Musik laut auf. Es ist endgültig an der Zeit etwas zu tun!
Binnen mehrerer Stunden putzt sie sich einmal komplett durch die Wohnung. Die Geschirrberge in der Küche werden von Minute zu Minute kleiner, die Klamotten verschwinden in der Waschmaschine, der Müll findet den Weg in die Tonne. Ihre Putzodyssee führt sie einmal durch ihr ganzes Zuhause. Die Bettwäsche wird gewechselt und alte Zeitschriften fliegen raus, abgelaufene Lebensmittel und verjährte Zettelwirtschaft auch.
Mit dreckigen Händen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und niest den aufgewirbelten Staub aus der Nase. Ein leichtes Gefühl macht sich in der Magengegend breit und schließlich hüpft sie erschöpft und beschwingt zugleich unter die Dusche.
Erst der anschließende Blick auf die Uhr trübt ihre Stimmung wieder augenblicklich: Kurz nach elf Uhr abends. Sie hat gar nicht mitbekommen, wie der Tag seinem finsteren Ebenbild gewichen ist. So lange ist Jonas noch nie weggewesen, denkt sie niedergeschlagen und weiß noch nicht, dass er in dieser Nacht auch nicht mehr zurückkehren wird.

Auf den Stufen zur Tür sieht er sie sitzen, schon frühmorgens um sieben. Er ist ein aufmerksamer Nachbar; er weiß, dass sie gestern bis lange in die Nacht wach war – das Licht ist doch angewesen bis um halb drei.
Mit dampfendem Kaffee in den Händen kommt er um kurz nach acht zu ihr herüber.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt er besorgt. Mit hängenden Schultern blickt sie ihn an.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht. Jonas ist nicht heimgekommen“, erwidert Mina mit müder Stimme. „Er hat angerufen. Er wird es auch nicht mehr.“
„Nicht heimgekommen“, schmunzelt ihr Nachbar nur und lächelt sie sanft an. „So wie es aussieht, ist es doch schon lange kein Zuhause mehr. Zumindest nicht das einer Beziehung.“
“ … wie bitte?“, halb erschrocken, halb verwirrt sieht die junge Frau den Mann mit den dunklen Haaren an. Die tiefblauen Augen halten ihrem Blick mühelos stand.
„Bist du denn traurig darüber?“, fragt dieser statt einer Antwort.
„Ich weiß es gar nicht“, antwortet Mina wahrheitsgemäß. „Ich bin nur so schrecklich erschöpft. Ich mag nicht mehr reden und ich mag auch nicht mehr das Gefühl haben, dass sich rein gar nichts bewegt.“ Mit einem Nicken überreicht Herr Schmidt ihr den Kaffee und verabschiedet sich dann abrupt. Dankbar über das heiße Getränk schaut Mina ihm nach, wie er im gegenüberliegenden Haus verschwindet. Wann hat ihr zuletzt jemand einen Kaffee gebracht?

Am nächsten Tag, als Minas Blick wie jeden Morgen aus dem Fenster und auf den Alltag fällt, ist dieser plötzlich nicht mehr ganz so grau. Da steht etwas.
Mit schlagendem Herzen eilt sie hinaus in den Garten und bückt sich hinunter zu der roten Blume, die da einsam in ihrem Beet auf sie wartet.
Daneben liegt ein Zettel. Eilig faltet sie ihn auseinander:
Ich weiß, wir kennen uns kaum, doch Zuwendung verlangt das auch gar nicht. Ich möchte dir eine Blume schenken. Habe nämlich vor einer Ewigkeit mal gehört, wie du darüber mit ihm geredet hast – über Blumen im Garten. Ich möchte mich auch gar nicht einmischen, dir nur sagen:
Am allerwenigsten haben Worte mit Sprache zu tun.
Die rote Lilie steht für Entschlossenheit und Tatkraft – mögen ihr noch viele folgen,
Herr Schmidt

Erstaunt liest sich Mina die kurze Nachricht mehrmals durch. Und versteht auf einmal ganz viel … und vor allem, was ihr und Jonas gefehlt hat.
Sie sieht hinüber zum Haus auf der anderen Straßenseite: Bisher hatte sie sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wie ihr Nachbar eigentlich mit Vornamen heißt.

Bulimie

„Mein Körper schreit: Ich bin voll, ich kann nichts mehr in mich aufnehmen, ich habe keine Kraft noch mehr zu verarbeiten, hör auf zu essen!
Und so fühle ich mich auch. Voll bis oben hin mit Fragen, Gefühlsnöten, kontraproduktiven Verhaltensweisen, Ängsten.
Ich bin VOLL. Voll von Negativität, da ist KEIN PLATZ MEHR! Kein Platz für einen einzigen Streit, eine einzige Frage, ein einziges Missgeschick. Ich ertrage es nicht, ich kann es nicht mehr sehen, nicht mehr fühlen, hören, sehen; es ist ZU VIEL. Es macht mich kaputt.
Die Abendnachrichten im Fernsehen dringen in mich ein, nehmen mir meinen Atem, rauben mir meine Kraft. Es ist immer dasselbe Spielchen. Auf die eine oder andere Weise.
Gehäutet bin ich, meine Schutzmauer ist durchbrochen, die Festung erobert. ALLES fließt ungehindert, ungestoppt in mich hinein, unaufgehalten, ungebremst. Ich bin nackt. Kein Differenzieren, keine Unnahbarkeit ist mehr möglich. Ich bin nackt bis auf die Knochen. Es durchdringt mich, nimmt mich in Beschlag… ALLES. Alle äußeren Einflüsse, jedes unfreundliche Wort, jedes zur Grimasse verzogene Gesicht. Jedes Bild von verhungerten Kindern aus Afrika, jede Nachricht über ein neues Erdbeben in Indien und die Überschwemmung in China.
Ich halte es nicht aus. Es ist in mir drin. Es füllt mich.
Bald platze ich, denn ich bin schon viel zu lange VOLL. Voll bis oben hin.
Und ich kann nur noch ein Bedürfnis, ein Verlangen in mir spüren: Ich will alles in mir AUSKOTZEN. Meine Innereien nach außen stülpen, meinen Körper auseinander pflücken und jedes aufgesaugte Bild, Gefühl, Gedenken, Wirren aus ihm heraus pressen.“

Zweifle nicht an dem, der dir sagt er hat Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt er kennt keine Zweifel…
…und Mut bedeutet nicht, dass man keine Angst hat: Sondern, dass man es trotzdem tut.

Sich Hilfe zu holen, bedeutet Stärke.

Eine Kurzgeschichte, die ich dem Thema gewidmet habe.
In diesem Forum bin ich selbst vertreten.
Und eine meiner Lieblingsseiten zum Thema.

Kein Mensch ist illegal

Kurzgeschichte vom 26.10.12
Vorgetragen am 13.12.12 beim Finale von „Mach dein Ding gegen Rechts“

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Kein Mensch ist illegal

Rennen. Seine Hand umschließt ihre ganz fest.
Mit seinen langen Beinen muss Atul nur einen Schritt machen, wenn sie schon zwei braucht. Der Atem geht schwer in der Winterkälte, die eisige Luft brennt in den Lungen.
„Atul!“, keucht sie und ihre Stiefel knirschen im frisch gefallenen Schnee. „Nicht so schnell!“
Doch er gibt nicht nach, wird sogar eine Spur hastiger. Für den Moment dreht er ihr das Gesicht zu, sein breites Grinsen ist herausfordernd. Es sagt; Fang mich, wenn du kannst! und das obwohl ihre Hände einander doch bereits fest umklammert halten, als hinge ihr Leben davon ab.
Wie ein junges Fohlen mit unverhältnismäßig langen Beinen, springt Atul in immer größeren Schritten über den Schneeteppich, die Füße in den halbhohen Turnschuhen längst durchnässt. Sie hängt stolpernd an seinem Arm und versucht ihr Möglichstes, nicht zu fallen.
Bleib endlich stehen, ich will dich küssen!, möchte sie schreien, doch traut sich nicht.
Stattdessen bleibt sie abrupt stehen, stemmt die Füße in den Boden. Nicht empfehlenswert. Mit einem Ruck wird Atul herumgerissen, ihre Finger sind schließlich felsenfest miteinander verkettet. Heftig prallen sie aufeinander und fallen am Ende beide umstandslos in den Schnee.
„Hast du dir was getan?!“
„Hast du dir was getan?!“
Erschrocken blicken sie sich an; einen Moment lang herrscht fassungslose Stille, dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Sanft rollt sich Atul auf sie, seine Augen blitzen freundlich. Eine seiner Locken hängt direkt zwischen ihren Gesichtern und fasziniert dreht sie die feinen Haare um ihren Finger, streicht sie vorsichtig hinter sein Ohr zurück.
„Shhht, Sema“, flüstert er zaghaft. „Kannst du den Schnee fallen hören?“
„Nö“, erwidert sie prompt und lacht, streckt die Zunge raus, schnappt nach den weichen Flocken, die freudig vom grauen Himmel herabtanzen.
Es ist still. Ja, fast friedlich. Und während Semas Hose langsam durchnässt, breitet sich stattdessen ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus; es gelangt in alle Zehen und bis in die Fingerspitzen, fließt durch jede Faser ihres Körpers -“ wie eine vollkommene Glückseligkeit. Für den einen Moment ist alles perfekt. Da ist nur sie und Atul und der Schnee und die Kälte. Und was diesen Moment so schön macht, ist vielleicht gerade die Abwesenheit des ganzen verdammten Restes der Welt -“
da gäbe es zum Beispiel Herrn Fritz, den sie jeden Morgen freundlich grüßt und der jeden Morgen so tut, als hätte er sie nicht gehört. Manchmal sieht er sie sogar an, wenn er Tag um Tag seinen zu dicken Hund ausführt. Doch der flüchtige Seitenblick gilt nicht wirklich ihr, er ist nur ein verächtliches Abfertigen, wenn seine Augen abschätzig ihr Kopftuch streifen, als wäre es eine Krankheit. Manchmal fragt sie sich, ob er gar absichtlich das Haus um die exakt selbe Uhrzeit verlässt, die sie sich auf den Weg zur Schule macht; ob er es wohl genießt, ihr jeden Morgen nicht zu antworten. Aber ihre Mutter besteht darauf, dass sie freundlich zu den Menschen ist, ganz gleich, wie diese sie auch behandeln mögen.
Du wirfst ein schlechtes Licht auf alle Türken in Deutschland, wenn du dich unhöflich verhältst! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ihre Gastfreundlichkeit zu schätzen wissen, dass wir es auch verdient haben, hier zu sein!, zetert sie dann los und keiner weiß, warum sie sich jetzt über ihre Tochter aufregt, die niemals auch nur irgendjemandem Respektlosigkeit entgegen gebracht hat.
Welche Gastfreundlichkeit…? denkt Sema in solchen Augenblicken traurig und: Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort bin? Warum muss ich wem was beweisen, wenn meine Füße doch immer noch auf genau demselben Erdboden stehen, wie die aller anderen Menschen auch?
Ihr Vater stattdessen will von alledem nichts wissen; Du bist hier geboren, Sema! Wir SIND Deutsche!, sagt er oft und sieht ihre Mutter fast ein bisschen böse an.
Jaaa klar doch, ich bin Deutsche, aber einen Bikini lässt er mich trotzdem nicht tragen und meine Haare darf ich nicht offen zeigen und was passiert, wenn er wüsste, dass ich mich mit einen indischen Jungen treffe, will ich gar nicht wissen!, denkt sich Sema dabei nur. Was für leere Worte.
Atul rollt sich von ihr herunter und starrt in den wolkenverhangenen Himmel.
„Worüber denkst du nach?“, fragt er sie leise.
„Ach, es ist nichts“, erwidert Sema geknickt. „Nur die Welt. Nein, nicht die Welt; es sind die Menschen. Sie machen alles so schrecklich kompliziert. Sie teilen die Welt in Länder und schaffen Grenzen, die vorher nicht da waren -“ und jetzt scheint es keinen Ort mehr zu geben, an dem es in Ordnung ist, wenn du in mich verliebt bist und ich in dich. Aber wie kann das sein, wie kann das nicht in Ordnung sein?“ Und sie kann nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen.
„Nein, Sema, weine doch nicht“, bittet Atul verzweifelt und seufzt tief.
„Weißt du“, sagt er. „Weißt du, das ist wie mit den Schneeflocken. Menschen wissen nur, was sie sehen -“ und wenn das, was sie sehen, anders ist, als das, was sie kennen, dann bekommen sie Angst. Warum haben Menschen keine Angst vor Schneeflocken, Sema?“
„Ich … weiß nicht? Warum sollte man auch? Sie sind alle weiß und harmlos und -„, antwortet Sema, doch Atul unterbricht sie: „Genau, ganz genau! Sie sehen alle gleich aus. Man guckt sie an und sie sind alle klein und weiß! Aber du weißt doch, dass jede dieser Schneeflocken eigentlich einizgartig ist, nicht wahr? Dass wenn du sie unter dem Mikroskop ansiehst, keine mehr der anderen gleicht.“
„Ja, das weiß ich“, haucht Sema verwirrt, weiß nicht, worauf er hinausmöchte.
„Und das ist genau umgekehrt wie bei den Menschen“, fährt Atul fort. „Wir sehen nicht alle gleich aus, wir sind bunt; mit dunkler und heller Haut, runden und ovalen Augen und haben in fünfzig verschiedenen Sprachen fünfzig verschiedene Wörter -“ für ein und dieselbe Sache. Aber im Herzen sind wir alle gleich.“
Vorsichtig fängt er ihre Tränen auf, wischt sie fort. Sema lächelt. „Wusstest du, dass weiß die Summe aller Farben ist?“, fragt sie ihn leise. „Weiß ist eigentlich selbst gar keine Farbe. Weiß ist, wenn dein Auge das Gemisch aus Farben nicht mehr trennen kann und es zu einem Einzigen zusammenfügt -“ dann siehst du weiß. Weiß ist eigentlich bunt.“
„Schneeflocken sind weiß“, sagt jetzt Atul und Sema nickt: „Und Menschen sind Schneeflocken. Ein einziges buntes Gemisch, das am Ende doch nur weiß ergibt.“
Sie grinsen sich an. Und Sema versteht: Es ist tatsächlich alles perfekt. Denn es gibt einen Ort an dem es in Ordnung ist, wenn Schneeflocke Atul in Schneeflocke Sema verliebt ist und umgekehrt. Der Ort ist hier und der Augenblick jetzt. Und was den Moment so perfekt macht, sind sie beide. Atul und Sema und das Gefühl von Zuneigung, was sie beide verbindet; die universelle Sprache der Liebe. Weiß und bunt gleichzeitig, einzigartig und ohne Grenzen.
Was den Moment so perfekt macht, ist gar nicht die Abwesenheit aller anderen Menschen, denn die ist völlig egal; die einzigen beiden, die es etwas angeht, was zwischen ihnen passiert, liegen doch ohnehin schon hier beieinander in der schneebedeckten Wiese und küssen sich jetzt liebevoll. Und die Erde unter ihren Körpern ist dieselbe, auf der alle restlichen Menschen dieser Welt auch herumwandern. Exakt dieselbe.
Da gibt es keinen Grund, warum es nicht in Ordnung sein könnte. Denn es ist in Ordnung.
„Und nur das müssen sie noch lernen“, flüstert Sema gedankenverloren sich selber zu, streckt die Zunge raus und schnappt wieder nach den tanzenden Schneeflocken.